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Die Welt · 1898-12-16 · 50 (16.12.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
50 (16.12.1898)
Date
1898-12-16
Page
None (sequence 1)
Language
German
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Erscheint jede» Freitag. Zuschriften find nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenstraße 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und Manuskripte nicht zurückgesendet. Ungarn; halbjährig 3 fl. — 6 Kr., ganzjährig 6 fl. — 12 Kr.: Für das Ausland: Deutschland Mk. 70 Pf., halbjährig 6Mk.85Pf., England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg., Russland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frarckreich, Italien, Tückei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts., Amercka ganzjährig 3 Doll. 40. Mr. 50. Wien, 16. December 1898. 2. Jahrgang. B-M ■Rebaritoit und Administration: Wien IX.. Türkenstraße 9. Telephon Nr. 8805. U-S KeWspmsr: sasa?# Preise der Anzeigen: Die viermal gespaltene Petitzeile IO kr. Einzelne Nummern 15 kr. Die deutsche Thronrede. Von O. Erter. Thronreden bewegen sich erfahrungsgemäß in festgefurchten Geleifen. Aus der conftitutionellen Uebung hat sich eine bestimmte geschäftsmäßige Form ergeben, welche für individuelle Besonderheiten in der Regel keinen Raum lässt. Ankündigung von Gesetzvorlagen, knapper Ueberblick über den Etat, Passus über die auswärtigen Beziehungen — damit ist in der Hauptsache das Cliche einer regelrechten Thronrede nach Inhalt und Gefüge fixiert. Nur sehr selten geschieht es, dass von dieser Uebung abgewichen wird. Außerordentliche Ereignisse können es bewirken, oder der constitutionelle Monarch ist eine starke, selbstgerechte, außerordentliche Individualität, die sich nicht in den stereotypen Rahmen der conftitutionellen Praxis hineinzwängen lässt, sondern ihn jezuweilen durchbricht. Die Thronrede, mit welcher Kaiser Wilhelm II. in der vorigen Woche den deutschen Reichstag begrüßte, trägt beide Merkmale an sich: dasjenige eines außerordentlichen Ereignisses, sowie das einer außerordentlichen Persönlichkeit. Ihr Eindruck war deshalb auch stärker, als man ihn sonst von Thronreden zu empfangen gewohnt ist. Man hat ihr Klugheit, Mäßigung, Fülle, daneben aber schönes und echtes Pathos nachgerühmt. Und dieses Urtheil ist wohlbegründet. Kaiser Wilhelm, der, wie man weiß, sein eigener Kanzler ist, concipiert wohl auch persönlich seine Thronreden. Sein Großvater sagte einmal, auf den Fürsten Bismarck anspielend: „Es ist sehr schwer, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein." Wilhelm II. dagegen fertigte eine Einwendung wider seine Politik mit den Worten ab : „Der neue Curs ist der richtige, und er wird weiter gesteuert". Von der großen Schwungfähigkeit des Geistes können, ebenso wie von der selbstgewissen Persönlichkeit, auf die Dauer die Thronreden Wilhelms II. unbeeinflusst bleiben; es braucht nur ein Ereignis von der exceptionellen Bedeutung der Jerusalemfahrt zur Aussprache zu drängen, und sofort empfängt die Botschaft an die Reichsvertretung, die ihrer Natur nach eine Botschaft an die ganze Welt ist, ein neuartiges und höchst individuelles Gepräge. Man spürt an dieser Thronrede den mächtigen Eindruck, den der Kaiser selbst von der Orientfahrt empfieng, und dieser Eindruck pflanzt sich auf alle fort^ die sie vernehmen. Dies ist das Geheimnis ihrer Wirkung' Es ist selbstverständlich, dass die Ankündigung von innerpolitischen Vorlagen, auch wenn sie an sich noch so wichtig sind, über die Grenzen Deutschlands hinaus nur bedingtes Interesse wecken kann. Friedenspräsenz, Militärdienstzeit, Coalitionsfreiheit sind sehr ansehnliche Dinge, sie mögen sogar in der internationalen Verzweigung, die sie besitzen, je nach den vorhandenen Umständen eine starke pathetische Betonung vertragen. Aber ein hinreißender Impuls geht von ihnen nicht aus. Einen solchen übt die jüngste Thronrede Wilhelms II. auch nur mit dem Absätze, welcher der Orientfahrt gewidmet ist; hier spürt man unmittelbar den großen Athem eines historischen Ereignisies im Verein mit der mächtigen Wirkung einer starken historischen Persönlichkeit. Die Apostrophe an das mohammedanische Volk ist in ihrer Art charakteristischer für Wilhelm II. und feine moderne Denkweise, als der gesammte innerpolitische Inhalt der Thronrede, den sogenannten „Zuchthausabsatz" mit eingeschlossen. Man darf nur nicht an Einzelheiten hängen bleiben wenn man den gewaltigen Reflex der Jerusalemfahrt in der Thronrede erkennen will. Es ist von mancher Seite ausgesetzt worden, dass der Kaiser die Schenkung der „vormition de la Sainte Vierge“ an die deutschen Katholiken in der Thronrede besonders erwähnte. Das ist die Methode jener Germanisten, welche in Goethes Werken nach Punkt und Komma schnüffeln. Die Jerusalemfahrt hatte einen viel großartigeren Horizont; man verwechselt Anlass und Zweck, wenn man die confessionellen Momente in den Vordergrund schiebt und die Einweihung der Erlöser- Kirche, die Schenkung der „Dormitioii“ nicht als das, was sie waren, nämlich als Episoden, bewertet. Der protestantische Landesbischof, der Herrscher über zwanzig Millionen Katholiken — sie standen doch bescheiden genug neben dem deutschen Kaiser, der gekommen war, sein großes Reich und dessen Weltmacht zu repräsentieren vor dem weitgeöffneten Blicke des Orients, die Brücke der modernen Civilisation zwischen West und Ost zu schlagen, das Khalifat gleichsam mit einem Tropfen occidentalischen Geistes zu salben. Schon etwas höher hinauf in welthistorische Regionen muss man sich erheben, wenn man aus der jüngsten Thronrede Wilhelms II. ergründen will, was diese Orient-

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