Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 49 (9.12.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-12-09
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 16 Rr. 49 klagenswerten Versehen, sondern mit der speculativen Vertretung von Sonderintereffen zu thun habe, war dem klugen Doctor klar. Er blieb fassungslos bei der Glasthüre des Gewölbes stehen und starrte auf das belebte Getriebe der Straße, als könne ihm von dort aus eine Antwort werden auf seine Frage, wohin das Schiff der menschlichen Gesellschaft steuere. Plötzlich war es chm, als bewege sich etwas im Hintergründe des Gewölbes. Rasch wandte er sich um. Aber er vermochte nichts zu entdecken. Seine Erregung hatte ihm einen Streich gespielt. In den hohen Glasschränken standen nach wie vor in langen Rechen die schimmernden Kelche, Monstranzen, Räuchergefäße und Heiligenstatuen wohlgeordnet und regungslos, wie ein Regiment gut geschulter Soldaten, die, das Gewehr bei Fuße geduldig des Augenblickes harren, um die Welt zu erobern. Der Aufenthalt inmitten dieses frommen Geräthes wurde dem Doctor nachgerade unerträglich. Zum Glücke traf endlich Frau Lisi Goldschild ein. Sonst plauderte David gerne mit der einfachen, verständigen Frau. Heute aber vergaß er, sich sogar bei Georg, der die Schwester begleitete, um das Befinden des alten Holzer zu erkundigen. Kaum dass er der Base die Hand gedrückt, riss er den breitkrämpigen Hut vom Nagel und stürmte davon — geradewegs in die Redaction des „Freien Blattes". XII. Aber seine Geduld wurde nun auf eine harte Probe gestellt. Der Ches-Redacteur war nicht anwesend. Zwei volle Stunden lang irrte David auf der Straße umher, unzähligemal den Graben, die Kärntnerstraße und den Kohlmarkt durchschreitend. In sein Kaffeehaus zu gehen, konnte er sich heute nicht entschließen. Dort würden ihn die Freunde mit Fragen über den Artikel bestürmen. Wie sollte er ihnen gegenüvertreten, ohne eine stichhältige Erklärung abgeben zu können. Endlich — es war bereits das drittemal, dass er in der Redaction anfragte — erklärte der Diener, Dr. Kuno Müller sei anwesend. Ohne vorerst Hut und Mantel abzulegen, trat Dr. David in das Zimmer des Chefs. Es dunkelte bereits. Auf deui großen Schreibtische brannte eine grünbeschirmte Lampe und beleuchtete das feiste, bartumrahmte Gesicht des Ur-Germanen. Ein collegiales „Servus, Goldschild" begrüßte den Eintretenden. Der Besuch kam nicht unerwartet, da der Diener seinem Herrn bereits gemeldet, Dr. David habe wiederholt nach ihm gefragt. Beim Anblicke der vierschrötigen Gestalt des Freundes, zu dem er während der Studienjahre wie zu einem kleinen Halbgotte emporgeblickt, beruhigten sich die aufgeregten Nerven des Redakteurs. Jener Mann, der dort so behäbig und maffig in seinem Drehstuhle saß, hatte ja die Macht, das „Freie Blatt" vor der verderblichen Richtung, die es einzuschlagen drohte, zu schützen. Und er würde es thun! Dr. Goldschild schämte sich fast seiner Erregung. Es war ja so kindisch! Durch eine beklagenswerte Nachlässigkeit war ein Artikel zum Abdrucke gelangt. Man musste nun eben den Muth haben, sein Vergehen offen einzugestehen und chn in der nächsten Nummer widerrufen. Das war alles! Davids geradem, ehrlichem Sinne schien ein solches Vorgehen, so peinlich und beschämend es auch war, keineswegs unmöglich. „Lieber Kuno," begann er daher in sehr gemäßigtem Tone sein Anliegen vorzutragen „ich muss Dich bitten eine strengere Controle zu üben! Da kam heute eine Arbeit in unserem Blatte zum Abdrucke, die auf das Entschiedenste hätte zurückgewiesen werden müssen." „So," entgegnete dieser gedehnt, „das ist mir ganz entgangen! Worüber handelt denn die incriminierte Spalte?" „Ueber den Verkauf der illyrischen Bahn an eine französische Gesellschaft." „Ich finde den Artikel glänzend geschrieben!" protestierte der Ur-Germane. „Gewiss ist er dies!" bestätigte David. „Aber wir können es nie und nimmermehr gutheißen, dass ein solches Unternehmen ausländischen Capitalisten ausgeliefert wird!" Der Ches-Redacteur lehnte sich in seinen Stuhl zurück und ließ den langen blonden Vollbart durch seine Finger gleiten. „Dem kann ich doch nicht so unbedingt zustimmen!" erwiederte er bedächtig. „Vorausgesetzt, dass ein so betriebsfähiges Capital sich findet, wie in diesem Falle!" „Wie in diesem Falle?" ftagte Goldschild erstaunt. „Ja — woher kennst Du denn so genau die Lage jener ftanzösischen Gesellschaft?" Kuno Müller lachte auf. „Na — man wird sich doch erkundigen, ehe man ein Papier kauft!" rief er in seiner burschikosen Art laut. „Du sagtest doch immer — Dein ganzes Vermögen — stecke — in der — Zeitung?" Der Ur-Germane wurde sichtlich verlegen. „Nun ja," stammelte er, „Bargeld fteilich — besitze ich wenig! Aber man hat doch seinen Credit — es wurden mir gewiffe Zugeständnisse gemacht! Uebrigens — was geht das Dich an?" David war sehr bleich geworden. Er war genügend lang im publicistischen Berufe thätig, um zu wissen, welcher Art dergleichen Gefälligkeitsgeschäfte sind. Eine Weile schwieg er. Seine Hand spielte nervös mit der Schnur seines Zwickers. Dann fragte er ohne jedes Pathos, kalt und geschäftlich: „Du bist also bestochen?" Der Chefredakteur sprang von seinem Stuhle auf. „Mäßige Deine Worte!" schrie er wüthend. (Fortsetzung folgt.) Knrstaste» der Redaktion. E. I. St. Petersburg. Wir bitten um Angabe des Namens. L. Meisels. Dank für Ihre freundlichen Mittheilungen. Wir sind leider nicht in der Lage, sie zu veröffentlichen. Olrnütz. El. de H., 2 rue de l’Elysöe. M. V , Stanislau. Ihre Anregung wurde jetzt vor der Veranstaltung der Feste den Vereinen ontgetheilt. N. B., wert., Wien. Besten Dank. Für uns leider unverwendbar. G. Lo...Pinsk. Herzlichen Dank. Ist uns bereits von anderer Seite zugesender worden. Gruß. I. G, Strrsöw. Dank für Ihre Zusendung. Die Erwähnung jeder einzelnen der zahllosen Feierlichkeiten unmöglich. S. N., lOOO. „Die Welt«, „J e wish VVorid“, „Hameliz-j „Hazefira h“, die beiden letzteren in hebräischer Sprache. Bezüglich der Schriften wollen Sie sich an das Bureau des Zwnistencongreffes in Wien, IL, Rembrandtstraße Ätr. 11, wenden. Da mit Jahresschluss eine große Anzahl von Abonnements abläuft, so werden die Betteffenden erinnert, die Erneuerung rechtzeittg vorzunehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung erfolge. Abonnenten des Auslandes abonnieren am billigsten mit recommandirrten Briefen, kleine Münze kann mit Briefmarken beglichen werden. Reflectanten auf Einbanddecken des Jahrganges 1898 wollen Bestellungen bis Ende dieses Monats anmelden und gleichzeitig den entfallenden Geldbetrag einsenden. Die Einbanddecke kostet fl. 1.20, hierzu Porto für Oesterreich-Ungarn und Deutschland 15 kr., für das übrige Ausland 33 kr. Herausgeber: Lasthaurr. Berantw. Red.: DrLirsrn. Wrrnrr. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), Vlll., Schlöffelg. 11