Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 49 (9.12.1898)
- Article
- Unsere Palästinafahrt
- Date
- 1898-12-09
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Rr. 49 J*OWdC Seite 15 lichen Karren der Trambahn von Pera. Wir machten eine Reihe photographischer Aufnahmen, wozu sich die türkischen Arbeiter und Kameeltreiber willig bereit fanden. Natürlich sammelte sich dann gleich eine Schar lachender Zuschauer. Ein freundlicher Gruß beim Abschied nach orientalischer Sitte wurde vom geringsten dieser Leute nicht vergesien. Wir zogen durch's Judenviertel der Sephardim und Afchkenasim. Es sind schmutzige, schmale, schlecht gepflasterte Straßen. Ueberall wird fleißig gearbeitet, alle Handwerke sind vertreten. Die Meisten beherrschen die hebräische Sprache, außer ihrer spaniolischen Mundart. Ein alter Mann war ganz verwundert über unsere seltsame Erscheinung. Woher kommen die Leute, die so aussehen? fragte er in hebräischer Sprache. In den Häusern wohnt ersichtlich die Armut, zahlreiche Kinder lungern in den Wohnungshöhlcn herum. Wir kamen auch an dem stattlichen Schulgebäude der „Alliance israelile universelle“ vorüber und machten dann eine Aufnahme von dem Innern einer sephardischen Synagoge. Die Bauart derselben ist keineswegs besonders merkwürdig, sondern die auch in Europa übliche. In der Mitte befindet sich unter einem Kuppelbau auf schlanken Säulen der „Almemor". Die Sephardim findet man in fast allen Berufszweigen. Als wir landeten, wurden wir von einem türkischen Beamten in Empfang genommen, der die Päsie revidierte. Aus Scherz fieng einer von uns mit ihm hebräisch zu reden an, und war sehr erstaunt, als ihm der Beamte die prompte Antwort in derselben Sprache nicht schuldig blieb. Ein sephardischer Stiefelwichser bot uns seine Dienste an, der bei der Arbeit in eigenthümlicher Weise zwitscherte und wie ein Komiker auch andere Thierstimmen nachahmte. Von der Schule des israelitischen Waisenhauses machten wir ebenfalls eine Aufnahme. Ein behäbiger, alter sephardischer Lehrer wurde in die Mitte genommen, worüber er sich geschmeichelt fühlte. Die Kinder, etwa 500, sahen alle wohlgenährt und kräftig aus. An den Wänden hiengen Tafeln mit hebräischen Lettern. Als wir eintraten, wurde jedenfalls zur größten Freude der Schuljugend, der Unterricht sistiert. Ein kleiner Junge unterstand sich, in unserer Anwesenheit zu niesen, bekam dafür aber gleich einen derben Klapps von dem entrüsteten Lehrer. Der Vorsteher, ein großer Herr in eleganter, europäischer Kleidung, bat um ein Exemplar des aufgenommenen Bildes. Die Hitze wurde zu groß, um den Rundgang auszudehnen, weshalb wir uns zum Quai zurückzogen, wo wir in einem der zahlreichen Kaffeehäuser uns das abgekühlte Pilsener Bier trefflich schmecken ließen. Wir hatten auch für den Ausflug in Smyrna ebenso wie in Stambul einen jüdischen Dragoman genommen, der sich aus unsere Frage, wer von den Bewerbern ein Jude sei, als Galizianer vorgestellt hatte. Als wir züm Schiffe zurücksuhren, empfahl uns dieser gute Mann, in Jerusalem nur keinen jüdischen Führer zu nehmen, da diese zu den Pyramiden keinen Zutritt hätten. Auf unsere Frage, ob es denn in Palästina Pyramiden gäbe, meinte er, es könne auch die „Akropolis" sein. Das Vertrauen uns die Geistes- und Charakterbildung unseres Führers erlitt durch diese Bemerkung natürlich erheblichen Abbruch. Im Sonnenbrand ruderten wir durch küe glitzernde Bucht nach unserem Schiffe zurück. Abends gieng eine leise Brise auf, und als wir während der Nacht das offene ägäische Meer erreichten, fieng der Nikolai II. ganz gehörig zu schaukeln an. Am 21. October erwachten wir bei bedecktem Himmel. Das Morgenbad im Seewaffer musste durch geraumes Warten erkauft werden, da für sämmtliche Passagiere nur eine Kabine zur Verfügung steht. Die Zeitungen von Smyrna hatten zwar einen kurzen Bericht über den Enlpsang des deutschen Kaisers in Constantinopel gebracht. Wir waren aber sehr neugierig, zu erfahren, ob die europäischen Zeitungen von der Audienz Dr. Herzlos in Constantinopel Kenntnis erhalten hatten. Wir hofften im Piräus Näheres darüber, zu hören. (Fortsetzung folgt.) P Dir Goldschilds. Roman aus dem Ende des 16. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (28. Fortsetzung.) Die Abhandlung pries den Verkauf als eine höchst vortheilhafte und weise Maßregel. Um aber aller Unverfrorenheit die Krone aufzusetzen, war sie mit den Buchstaben Gd. unterschrieben. Ta David seine Arbeiten so zu zeichnen pflegte, lag eine freche Mystification seiner Leser vor. Man pflegte alle in das volkswirtschaftliche Fach schlagenden Artikel dem Doctor vorerst zu unterbreiten und sein gewiegtes Urtheil einzuholen. In diesem Falle war diese Gepflogenheit sichtlich mit Absicht unterblieben. Er war ganz einfach umgangen worden. David zerbrach sich den Kops, aus wessen Feder die lügeureiche Arbeit wohl gefloffen sei. Es kannte die kleinen stilistischen Eigenthümlichkeiteu aller seiner Collegen — eine Wissenschaft, die man sich durch einigermaßen aufmerksames Lesen leicht aneignet. Aber in den vorliegenden, mit schillernden Worten geschickt spielenden Zeilen vermochte er auch nicht den geringsten Anhaltspunkt zu entdecken. Am liebsten wäre er sofort in die Redaction gestürmt, um von Kuno Müller Aufklärung zu verlangen. Denn wahrhaftig — die war man ihn: schuldig! Wer eine lange Reihe von Jahren hindurch einem publicistischen Unternehmen den Stempel seines Geistes aufdrückt, identificiert sich mit dem bedruckten Papier. Den Laden jedoch aussichtslos seinem Schicksale zu überlassen, gieng nicht wohl an. Mit ungeduldigen Schritten durchmaß Dr. Goldschilv das Gewölbe. Es war nicht nur der gekränkte Ehrgeiz, der so mächtig an seiner Seele riss. Im Laufe der Jahre hatte er das „Freie Blatt" aufrichtig liebgewonnen — wie ein Vater sein Kind. Das ganze Lebensintercffe des Doctors gipfelte in diesen täglich erscheinenden papierenen Blättern, denen er eine höhere erziehende und beglückende Bedeutung beilegte. David Goldschilds Ehrgeiz war das blanke Schild seiner Zeitung. Ein Weltblatt sollte sie sein und ein Volksblatt oben- Die schwielige Faust des Arbeiters und die sein', beringte Hand des Diplomaten sollten gleich gierig darnach greisen, um die formvollendetste Verfechtung ihrer Sache und geistige Anregung darin zu finden. In ihren Spalten müssreu sich die vornehmsten Sprecher des geistigen Abels begegnen. Wie oft hatte David beim Heraunahen des Concordates um das Leben des jungen Unternehmens gebangt. Wie viele schlaflose Nächte hatte er darauf verwendet, um die Pflicht zu sprechen und den Zwang zu schweigen, mit gutem Gewissen zu vereinen. Durch ihn war das „Freie Blatt" zu dem geworden, was es war. Es fehlte nicht viel, und das lockende, hohe Ziel war erreicht. Da plötzlich — dieser lügenhafte, sophistische Artikel! So etwas lässt sich nicht ungeschehen machen, Noch nach Jahr und Tag boten diese Zeilen den Gegnern eine Handhabe. Tie Bresche gähnte den Feinden förmlich entgegen. Dr. Goldschild vermochte es nicht zu fassen. Wohin musste es führen, wenn die berufenen Erzieher des Volkes ihr heiliges Amt zur Irreleitung und Ausbeutung missbrauchten? Und dass man es hier nicht mit einem be-