Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 49 (9.12.1898)
- Article
- [Kommentar] / -w-
- Date
- 1898-12-09
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 r Rr 49 die Möglichkeit einer productiven Arbeit gegeben wär e."*) „Der heutige Antisemitismus, ebenso wie seine verblümte Abart, der Semitismus, seien krankhafte Erscheinungen, die bald verschwinden würden." „Dr. A. Lilien, der in seiner Jugend durch das glühendste Feuer der Assimilation gegangen ist, vertritt heute nach ihrem Verfalle den Theil der I u n a j u d e n, welche keine Zionisten sind und eine Verbesserung der Verhältnisse durch sociale Reformen anstreben wollen." Seine Aeußerungen müssen angesehen werden als die Ideen einer sich wieder beleben wollenden Partei, die vorläufig das polnische Panier versteckt." Auch er hofft, dass bei uns die Judenfrage verschwinden wird, aber erst, wenn eine gründliche Sanierung aller socialen Verhältnisse eintreten wird. „Den Bankerott der Assimilationsidee hat die polnische Gesellschaft verschuldet, welche fortwährend betont, die Juden seien Fremde in Polen. Den Titel .Agudas Achim“ (Bund der Brüder) verdrehte man in „Agudas Akum“ (Bund der Feinde). „Infolgedessen mussten seine Anhänger in den Hintergrund treten, trotzdem alle (mit Ausnahme des jetzigen Zionisten Alfred Nossig) noch immer den alten Idealen treu blieben." Aus den Einwurf des Interviewers, sie wären mit dem jüdischen Volke in gar keine Berührunggetreten, wie es heutedieZionistenthun, meint Dr. Lrlien, „sie hätten eine größere Anzahl von Lesehallen, Nationalfeiern, Gottesdienste u s. w. veranstaltet"'. „Gegenwärtig wird der Antisemitismus noch stärker wachsen, bis sich die wirtschaftlichen Verhältnisse bessern werden. Die jetzige Enquöte der „Israelitischen Union" sei ein Fundament für die praktische Thätigkeit einer Besserung." „Im Jahre 1899 soll die ganze Angelegenheit einen öffentlichen Charakter annehmen". — Auch die beiden Antisemitenhäuptlinge stimmen miteinander im Grundprincipe überein, nur ist Czajkowski radikaler und ungenierter. Nach Merunowicz' Ansicht hätte die Assimilationsidee leider noch nicht bankerottiert, und die Juden und Christen täuschen sich einander noch immer darin. Der Antisemitismus sei deshalb erst jetzt entfacht, weil erst jetzt das nationale Bewusstsein bei den Juden und Christen erweckt wurde. Für die Zukunft solle man nicht den blinden Hass gegen die Juden pflegen, da man sonst blutige Abenteuer im Lande Hervorrufen würde, sondern frisch, klug und energisch die Juden bekämpfen, uud der Sieg ist sicher". Der radicalere Rassenantisemit meint, der Sieg seiner Partei stehe bevor, da die Idee in den Städten und Dörfern Anklang gesunden hat, nur nicht bei der Schlachta, welche mit der Judenwelt eng verknüpft ist. Eine wichtige Rolle spiele in seiner Partei die Geistlichkeit, bei welcher eine gänzliche Umänderung gegenwärtig vor sich geht. „Die letzten Unruhen haben den Gei st und den Muth seiner Gesinnungsgenoss en gehoben, trotzdem sie nicht von ihnen hervorgerufen wurden". Die Zukunft stellt er sich so vor: „Nach mehreren Jahren werden die Antisemiten siegen, und da die Christen zahlreicher sind, so kann man muthig die Zukunft abwarten." Die Enunciationen des polnischen Literatennestors sind ziemlich ähnlich. Es reicht hin, hervorzuheben, das? der „Glos narodu" vom 29. v. M., das Antisemiten- und Jesuitenorgan, dieselben gänzlich unterschreibt Man kann also sehen, wie der „unparteiische" Maleski, der Typus der polnischen nicht antisemitischen Intelligenz, sein Programm gefärbt hat. „II Corriere Israelitico" veröffentlicht in seinem Monatsheft vom 31. October den bereits im ftüheren Hefte angekündigten Artikel des Advocaten Felix R avenna. Als ich in Basel Ravenna und seine liebenswürdige Frau kennen lernte, hatte ich Gele enheit, den großen Eindruck zu constatieren, den die Congressoerhandlungen auf beide machten. Mit angestrengter Aufmerksamkeit verfolgten beide unermüdlich den Verlauf des Congresses. Der Artikel, der uns vorliegt und der auch in einer 'Anzahl von Separatabdrücken in Italien Verbreitung finden soll, zeigt, wie richtig Ravenna das Wesentliche der zionistischen Bewegung erfasst hat. Seine Apostrophe der italienischen Juden ist ebenso eindringlich als würdevoll. Ravenna wird hoffentlich in Italien dem Zionismus viele Freunde gewinnen. — Von den übrigen Artikeln seien noch besonders erwähnt: „Für Zion", die Polemik des Pros. L a 1 t e s gegen den Rabbiner L o l l i, „das jüdische Weib" von Dr. Ugo P a s s i g l i und die Fortsetzung des Berichtes über den zweiten Congress. Die zionistische Bewegung und der Nachrichtentheil sind gut redigiert. — Hoffentlich wird bei: „Corriere Israelitico" auch weiterhin seine zionistische Tendenz offen zum Ausdruck bringen. Allen unseren italienisch sprechenden und lesenden Freunden sei diese Monatsschrift empfohlen. *) Dieser Gedanke ist ein Beweis, wie auch Assimilatoren ü la Dr. Goldmann einige Grundprincipien des Zionsgedankens in sich aufnehmen konnten, größere Consequenz ist bei ihnen vorläufig unmöglich! Anm. des Referenten. P Feuilleton. Unser« Von Dr. I. Bodenheimer. (Fortsetzung.) II. Smyrna und Athen. Bei schönstem Sonnenschein fuhren wir in die weite Bucht von Smyrna ein, welche von einer kleinen modernen Festung wohl bewacht schien. Es war gut, dass wir auf dem Schiffe die Gelegenheit benutzt hatten, ein Bad im kalten Seewasser zu nehmen, denn die Sonne fieng an, mit südlicher Glut auf uns hernieder zu brennen. Wir hatten den Abend zuvor eine höchst interessante Scene erlebt, als wir um 10 Uhr an der Station Dardanellen anhielten. Etwa acht Barken brachten Passagiere und Gepäck an Bord. Bon dem Geschrei und Tumult, mit dem die Verladung vor sich gieng, macht man sich keinen Begriff. Eine menschliche Sprache konnte man nicht unterscheiden. Zuweilen klang es wie Geheul von Wölfen herauf, die sich ihre Beute streitig machten. Und war es nicht derselbe Naturtrieb, der sich hierbei geltend machte? Einer drängte den Anderen zur Seite, gleichgiltig — ob er in's Waffer stürzte. Allah will es so; wie das GraS aus der Erde sprießt, wird er wieder andere Menschen wachsen lasten. Wenn den Einen das tötliche Schicksal trifft, ist es „Kismet", das unvermeidliche Verhängnis. Kraft und Geschicklichkeit des Körpers verbinden sich aber mit dieser unorganisierten Zügellosigkeit, so dass dies ganze Treiben doch einen ästhetischen Eindruck erweckt. Dasselbe Bild bot sich nun in verstärktem Maße, als wir in dem Hafen von Smyrna eingelaufen waren. Amphitheatralisch baut sich die Stadt an den Bergen empor, den Quai entlang dehnen sich endlose Häuserreihen von europäischem Aussehen. Auf ein Zeichen des Quarantäne-Arztes, dass sich keine Kranken an Bord befinden — die Libera pratica — rennt eine Schaar von vielen Dutzenden von Booten, die bisher durch die Polizei in einer Reihe zurückgehalten waren, über die spiegelglatte Fläche auf das Schiff los und Hunderte von Rudern regen sich. Alles schiebt und drängt sich wirr durcheinander, von einem Boot steigen die Ruderer in das andere und klettern wie die Katzen an Bord. Es passiert auch schon, dass sich einer von den sonneugebräunten Burschen nicht legitimieren kann. Rasch ereilt ihn die Nemesis in der Gestalt des wachthabenden Matrosen, der ihn mit starker Hand und ohne ein Wort zu sagen über die Treppe wieder in sein Boot hinunter wirft. Nach dem Frühstück benutzen wir eines der flinken Schiffchen, um an Land zu gehen. Ueber das Leben und Treiben in der Stadt ist kaum etwas Anderes zu sagen, als über Constantinopel. In Dutzenden von Cafö's verträumen viele Hunderte den Tag. In den Läden hocken die Verkäufer und harren ergebungsvoll ihrer Kundschaft. In den an der Straße liegenden Werkstätten wird gehämmert, geklopft, gestickt, genäht und halbiert. Eifrig wird der Kopf eines Muselmannes mit warmem Seifenwaffer begoffen, tüchtig gcrieben, dass der braune Kopf in den weißen Seifenschaunr gehörig eiugehüllt ist, und Kopf und Hals mit dem scharfen Rasiermeffer glatt abgeschabt. Wenn dann der Turban wieder um den Kopf gewickelt und der Bart hübsch gestutzt ist, ist der mohamedanische Dandy fertig. Lange Reihen von Kameelen durchziehen die engen Straßen unter lautem Geklingel, ein Kameel mit langem Seile an das andere gebunden. Dazwischen wogt die Menge vielgestaltig durcheinander — zumeist Männer, dann Griechinnen in Pariser Toiletten, die man gerade so gut für Jüdinnen aus Frankfurt oder Berlin halten könnte, meistens mit dem Schmuck eines zarten Schnurrbärtchens. Die Straßen sind gut gepflastert, theilweise vorzüglich mit großen weißen Marmorplatten. Auch herrscht eine größere Reinlichkeit als in Stambul. Die Pferdebahn mit ihren schmucken Wagen macht einen bedeutend besseren Eindruck, als die erbärm-