Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 49 (9.12.1898)
- Article
- Chicago / Z.
- Date
- 1898-12-09
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 J3«&Wtr Nr. 49 Auch hier in Chicago ist ein solcher Orden ins Leben getreten. Er führt den Namen ..K nichts o f Z i o n.~ Auch mehrere Zweigvereine haben sich bereits gebildet. Unsere ernsten Tendenzen werden uns davor bewahren, dass wir eine kindische Ordensspielerei betreiben. Da die oberste Leitung, im Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der Ordensgründer, diese Neubildungen gebilligt hat, so ist zu hoffen, dass wir bald ein ganzes Netz solcher Ordensvereine besitzen werden. Z. * Comsplm-euM. Oefterreich-Ungarn. Wien. Am 2. December feierten alle Völker Oesterreichs das Jubiläum des 50. Jahrestages der Thronbesteigung Seiner Majestät des Kaisers Franz Josef. Mit welch inniger Liebe und treuer Anhänglichkeit alle Völker Oesterreichs ohne jede Ausnahme diesen Jubeltag begiengen, davon geben die zahllosen patriotischen Kundgebungen Zeugnis, die trotz der schweren Trauer stattfanden, in welche der Tod der Kaiserin das ganze Reich versetzt hatte. Am herzlichsten und aufrichtigsten haben sich wohl die Juden dieses Jubeltages gefreut. An ihrem geistigen Auge mögen alle die großen Geschehnisse vorübergezogen sein, die während der verflossenen 50 Jahre auch sie freudig und leidvoll betroffen haben. Aus den Rechtlosen der Zeit vor dem Jahre 1848 sind die gleichberechtigten Staatsbürger geworden, vor allem durch die Gnade unseres Kaisers, der in gleicher Liebe alle Völker feines Reiches umfasst, wie er wiederholt erklär: hat. Wohl sind die Zeiten für die Juden jetzt schwere geworden, wohl ist Vieles von dem, was sie erhoffen und nach den gesetzlichen Bestimmungen beanspruchen dursten, ihnen nicht zutheil geworden, aber immer haben sie die feste Ueberzeugung gehegt, dass auf dem Throne Habsburgs ihr wohlwollender und gerechtigkeitsliebender Fürst und väterlicher Freund sitze, der ihrer stets huldvoll gedenke. So war denn auch die Betheiligung der Juden an den Festlichkeiten eine ungemein lebhafte. Nicht nur in Wien und in den atideren großen Städter: fanden feierliche Veranstaltungen der Cultusgemeinden statt. Es gibt kein Städtchen, keinen Marktflecken, kein Dorf in Oesterreich, in dem nicht die Juden dankbar und freudig diesen Tag gefeiert haben. Großartige Wohlthätigkeitsstiftungen wurden von den jüdischen Gemeint en und von einzelnen Juden zur Feier dieses Tages ins Leben gerufen, und zu den circa 20 Millionen, die zu Ehren des Kaisers an diesem Tage für wohllhätige Zwecke gespendet wurden, haben die jüdischen Corporationen und Einzelpersonen einen rühmenswerten Antheil aus ihrem Vermögen beigctragen. So wird dieser Jubeltag auch noch späteren Generationen ein Tag freudigen Gedenkens und hoher Menschenliebe sein, jener Liebe, die der Kaiser uns immer bewiesen hat und hoffentlich noch lange beweisen wird. Krakau. (Eine Agitationsversammlung in Krakau). Das über unser Ersuchen zu uns delegierte Mitglied des Actionscomites, Herr Dr. Leopold Kahn, wurde schon am Bahnhof von Deputationen des Ghoveve Erez Israel-93ereiite§ und des akademischen Vereines Haschachar empfangen und in's Hotel Klein geleitet, wo der große Saal für die Versammlung ausgenommen worden war. Schon vor 7 Uhr Abends war der nahezu 2000 Personen fassende Saal von Damen und Herren bis auf das letzte Plätzchen gefüllt. Der Präses, Herr Julius Schön Wetter, eröffnete die Versammlung, begrüßte die Gäste und ertheilte Herrn Dr. Kahn das Wort. Herr Dr. Kahn sprach 2'/., Stuneen über die Stellung des Juden in der Weltgeschichte, woran er als zweiten Theil den Bericht über den Baseler Congress auschloss. Der Eindruck, welchen dieser großartige Vortrag ans die Zuhörer machte, spottet jeder Beschreibung. Eine solche Begeisterung haben wir hier noch -ücht erlebt. Nach dem Schluffe des Vortrages, welcher an einzelnen Glanzstellen durch Applaussalven nnterbrrchrn Worten war, wurde Dr. Kahn allseits von Damen und Herren, von Fortschrittlern und Orthodoxen beglückwünscht, und es drückten ihm alle chren Dank für seinen Bortrag aus. Als dann Herr Julius Schönwetter im Namen der Versammlung dem Gaste mit den Worten dankte: rfjnn n'öH jHSp .“H “p, dnrchrauschte ein neuer, nicht endenwollender Beifall den Saal. Es wurde sodann die Resolution angenommen, dass die Versammlung das Baseler Programm vollinhaltlich acceptiere und dem Actionscomitä in Wien das Vertrauen ausdrücke. Insbesondere wurde auch eine telegraphischeDanksagung an dasActionscomitö fürdie Delegierung des Herrn Dr. Kahn gesandt. Um 3/<l0 Uhr versammelte sich ein großer Theil Gesinnungsgenoffen zu einem Bankett und Commerse im Hotel Metropole, wo man bei Palästinawein anfangs ernst, allmählich aber heiter sich unterhielt. Herr Dr. Kahn hielt auch hier einige aufeuernde Ansprachen, darunter eine hebräische an den Hasellaedar. Es wurden sodann Toaste auf den Gast, auf Dr. H e r z l, Dr. Vorbau, Prof. Mandelstamm. Dr. Gaster und das Actionscomitö gesprochen. Herr Dr. Kornhäuser, welcher von Jaslo zu dieser Versammlung herübergekommen war, übernahm die Leitung des Commerses und ließ die Leute erst um 5 Uhr Morgens auseinandergehen. Die ganze Feier gestaltete sich zu einem erhebenden Feste. Kolomea. Die Repräsentanten der Londoner „cketvisll Association14 kaufte in Slobudka eine größere abgeholzte Fläche, um darauf eine Ackerbaucolonie zu errichten. Deutschland. Berlin. Am 10. October d. I. ist in Berlin der erste zionistische Turnverein unter dem Namen Jüdischer Turnverein „Bar Kochba" begründet worden. Der Verein, der sich die körperliche Ausbildung der jüdischen Jugend und die Hebung des jüdischen Nationalbewusstseins zur Aufgabe gemacht hat, besitzt bereits eine stattliche Anzahl von Mitgliedern. Auch Nicht- Zionisten werden unter gewissen Bedingungen ausgenommen. Bei dieser Gelegenheit verdient Folgendes angenagelt zu werden: Der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde hat es abgelehnt, dem Verein eine Turnhalle zu überlassen, während die christliche städtische Schuldeputation eine solche in bereitwilligster Weise zur Verfügung gestellt hat. So turnt also der Verein (zweimal wöchentlich) in dieser städtischen Turnhalle. Frankreich. Paris, 4. December. Der socialistische Deputierte Pascal Trousset kündigt eine Interpellation an über die verbrecherischen Beziehungen ehemaliger und gegenwärtiger Beamten des Kriegsministeriums zu einem royalistischen Blatte, welches mittelst gefälschter Briefe zuerst Kaiser Wilhelm, sodann mehrere Botschafter fremder Mächte in die Assaire Dreyfus zog. Paris, 4. December. Die ..Agence Havasmeldet: Bei dem im Saale der Freimaurer-Loge ..Gran«! Orient de France" ab gehaltenen Meeting zugunsten der Revision des Proceffes Dreyfus und gegen die Verfolgung Picquarts griffen alle Redner, unter welchen sich Anatole France, Paul Reclus, Buisson und R e i n a ch befanden das Kriegsgericht an, verlangten dessen Abschaffung und zollten Picquart Lob, der wohl verurtheilt werden könne, seine Strafe jedoch nicht abbüßen werde, da seine Bewunderer es auf sich nehmen wollen, diese Ungerechtigkeit zu verhindern. Die Versammlung nahm eine Tagesordnung an, in welcher Picquart Bewunderung ausgesprochen wird. Die Theilnehmer an dem Meeting, mehrere tausend Personen, begaben sich hieraus vor das Local der „Libre parole", wo sie Rufe: „Es lebe Picquart!" ausbrachten. Die Polizei zerstreute die Manifestanten. Später kam es zu einigen Gegenkundgebungen und Schlägereien zwischen den Anhängern und Gegnern Picquarts. Paris, 5. December. Eine große Anzahl von Akademikern und anderen Gelehrten, sowie hervorragende politische Persönlichkeiten verlangen in einem offenen Briefe, dass die Verhandlung gegen Picquart „im gemeinsamen Interesse der Armee und der Justiz" aufgeschoben werde. Den Brief haben unter anderen unterschrieben: Deputierter P o i n c a r e, die Akademcker Lavisse, Leroy-Beaulieu, Sardou, Bertrand, § u l l y - P r u d h o m m e, der gewesene Botschafter Herbette und Lippmann, der Schwiegersohn Alexander Dumas'. — 'Angesichts des vom Bertheidiger P i c q u a r t's eingebrachten Eompetenzgesuches hat der Deputierte Fourniere seine Interpellation bis zur Entscheidung aufgeschvben. Auch Senator Fabre hat seine Interpellation zurückgezogen. Paris, 5. December. In der heutigen Sitzung des Senats verlas Senator M o r e l l e t, der Berichterstatter über den Antrag