Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 49 (9.12.1898)
- Article
- Ein verfallender Tempel
- Date
- 1898-12-09
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 49 Sette 11 Ein verfallender Tempel. Die „Breslauer Zeitung" berichtet: Eines der schönsten und historisch merkwürdigsten Baudenkmäler der Khalifenstadt Cordoba, die jüdische Synagoge, befindet sich, wie der Secretär der Denkmäler-Commission von Cordoba bekannt giebt, in einem traurigen Zustande. Seit dem Jahre 1885, in welchem die Synagoge für ein nationales Monument erklärt wurde, hat man viel gethan, um das alte Bauwerk zu restaurieren. Leider war alles fruchtlos. Die Synagoge fällt langsam zusammen. Ihr prachtvolles Gewölbe mit dem griechisch-römischen Sims ist vollständig zerstört. Regen und Wind hat das Dach durchlöchert. Die Wände sind mit Schmarotzerpflanzen bedeckt. Bon den Mauern haben sich infolge der Feuchtigkeit große Stücke mit schönen Inschriften losgelöst, die im archäologischen Museum aufbewahrt werden. Kurz, das hervorragende Denkmal befindet sich in einem so beklagenswerten Zustande, dass es bald nur noch ein Trümmerhaufen sein dürfte. Altkatholische Wotananbeter. In der letzten Zeit fanden sehr zahlreiche Uebertritte deutschnationaler Aittisemiten zum „Altkatholicismus" statt. Kundgebungen. Am 1. December abends fanden in Pilsen wieder „deutschfeindliche" Kundgebungen statt. Dass dabei auch die Juden einen guten Theil Kundgebungen einheimsten, braucht nicht erst erwähnt zu werden. Auszeichnung. Der Kaiser verlieh der Witwe des Baron Hirsch in Anerkennung ihrer außerordentlichen Verdienste auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit den Elisabeth-Orden l. Elaste. Ein Pöbelhaufe erbrach in Bordeaux unter aurisemitischen Rufen die Thore der Synagoge und zertrümmerte einige Einrichtungsgegenstände. Die Nothlüge der jüdischen Arbeiter. Bei einer im Nussdorfer Brauhause abgehaltenen Versammlung erzählte der Wiener Arbeiterführer S ch n h m e i e r, die Anmeldungskarten, welche die Arbeitsuchenden in der städtischen Arbeitsvermittlung auszufüllen haben, enthalten auch eine Rubrik „Confession". Bei der früheren Arbeitsvermittlung hatte mau außer dem Namen nur die Branche anzugeben. Man zwinge jetzt jüdische Arbeitslose, wenn sie nicht verhungern wollen, zu falschen Angaben bezüglich ihrer Confession. Ans Londoner Jndenkreisen. Der „Schwäbische Merkur" (Stuttgart) vom 5. December schreibt: „Die dem Zionismus ergebenen armen Juden des Ostendes in London hielten letzter Tage eine zahlreich besuchte, erregte Versammlung ab, .in der manch' hartes Wort gegen ihre reichen Glaubensgenossen im Westende und zumal gegen Oberrabbiner Dr. Hermann Adler fielen. Der letztere ist stets ein entschiedener Gegner des Zionismus gewesen. Eine merkwürdige Erscheinung bleibt, dass die meisten sehr begüterten portugiesischen und spanischen Juden, deren Vorfahren unter Karl 1. und 1!. nach England einwanderten, Freunde des Zionismus sind, dagegen nicht die von Deutschland gekommenen." Die Inden in Galizien. Als ein Beitrag zum wirtschafllichen Kampf in Galizien mögen uns einige Daten dienen über die „Kö'ka rolnicze", Verbände, die wie bekannt, den Bauernstand ökonomisch heben sollen, indem sie ihn politisch judenfeindlich machen. Der letzte Bericht constatiert „die günstige Entwicklung" dieser Bereinigung im verflossenen Jahre (1897). Es wurden 7 l neue „Köika" in 36 Bezirken gegründet. Diese hinzugekommenen Vereine zählten 2257 Mitglieder. Im Allgemeinen betrug die Gefammtzahl der „Kölka rolnicze" in Galizien am 31. December 1897 129 t Verbände mit einer Mitgliederzahl von 58.309. DieBezirksorganisationen umfassen aber erst die Hälfte aller Landesbezirke. In Bezug auf den Land-Dorfhandel ist es bezeichnend, dass schon jetzt über 100.» Bauerngeschäfte errichtet worden sind Es hat aber die zu diesem Behufs einberufene Enquete, die Bildung eines großen Handelsverbandes beschlossen, welcher über ein größeres Capital verfügend und mit der Aussicht auf eine größere Anzahl von Abnehmern und Kunden, in der Lage wäre, eine wirksamere Thatiakeit zu entfallen. Die Bestrebungen nach dieser Richtung hin schreiten in raschem Schritte vorwärts. Wir entnehmen diese Thatsachen einem größeren Berichte über die Thätigkeit dieser Vereinigung, der seinerzeit im „Slowo polskie" abgedruckt war. Die siouiWche Kewrgnng. Wien. Die Einzelvereine unseres Verbandes waren nach den bisherigen Statuten Geldsammlungsvereine. Der Verband hat nun — wie bereits publiciert — sein Statut dem Baseler- Programm accommodiert. Es ist daher nothwendig, dass auch seine Einzelvereine aufhören, reine Geldsammlungsvereine zu sein, dass sie vielmehr im Sinne des Baseler Programmes die Ausgabe übernehmen, unsere Volksgenossen für "den Zionismus zu erziehen, sie mit dessen Tendenzen nnd Fortschritten bekannt, für dessen Ziel reis zu machen. Zu diesem Zwecke haben wir ein Musterstatut für neu zu gründende Vereine ausgearbeitet, nach welchem sich auch die bestehenden Vereine umbilden sollen. Tie Neugründung geschieht in der Weise, dass einige Personen als Proponenten der Statthalterei des betreffenden Kronlandes mittelst Eingabe se 5 Exemplare des Musterstatuts*) und des Verbandsstatuts vorlegen und das Begehren stellen, die Gründung des proponierten Einzelvereines auf Grund des vorgelcgtcn Starutenentwurfes zur Kenntnis zu nehmen. Die Eingabe ist vorher dem Verbandsobmann Dr. O. K o k e s ch, I.. Singerstraße Nr. 25, behufs Beisetzung der Klausel, dass der Verband mit dem Beitritte dieses Vereines einverstanden ist, einzusenden. Die Mitglieder werden von den Proponenten ausgenommen und die Eonstituierung erfolgt nach Erklärung der Statthalterei, dass sie die Gründung dieses Vereines nicht verbiete. Die Umbildung der bereits bestehenden zionistischen Vereine erfolgt durch den Beschluss einer Generalversammlung, die bisherigen Statuten im Sinne des demnächst zu veröffentlich enden Musterstatuts zu ändern. Die geänderten Statuten müssen sohin der Statthalterei vorgelegt werden. Weitere Auskünfte werden im Bureau des Verbandes, II., Reinbrandtstraße 11, ertheilt, auch Drucksorten zugesendet. Für die Verbandsleitung des „Zion": Dr. Max Rosenthal, Tr. D. Kokes ch. Schriftführer. Obmann. Graz, 28. November. Die jüdisch-akademische Vereinigung „I v r ä a" hielt am 1'->. d. M. im Saale des Gasthofes Wurmfeld einen Vortragsabend ab. Herr R o s e n st o ck hielt ein Referat über die nationale Idee. Es waren auch mehrere Bürgersamilien anwesend, die durch den gediegenen Vortrag für den Zionismus gewonnen wurden. Der Vortragsabend war von zahlreichen Damen besucht. Wir planen eine zionistische Organisation der hiesigen Frauen. A. B. Darmstadt, 21. November 1898. In der am 7. November abgehaltenen Sitzung der hiesigen zionistischen Ortsgruppe, die sich gegen Ende des verflossenen Sommersemesters aus Anregung studentischer Kreise constituiert hat, erstattete der Delegierte der Ortsgruppe, Herr Dr. Gurewits ch, Bericht über den zweiten Baseler Congress. Ter Vortragende behandelte in einstündiger Rede eingehend die Hauptthemata des Congresses, wobei er mit besonderer Befriedigung hervorhob, dass die Gegensätze des politischen und praktischen Zionismus sich als weit weniger schroff erwiesen hätten, als man bisher anzunehmen geneigt war. Der Redner erzielte mit seinen den Kern der Sache treffenden Aeußerungen den lebhaften Beifall der Mitglieder und der zah'- reichen Gäste, von denen mehrere der Ortsgruppe noch a>n selben Abend beitraten. In der der dem Vortrag folgenden Tiscussion beantragte Herr G o l d e n b e r g, dem früheren Actionscomitö, insbesondere Herrn Dr. Herzl und Dr. Bodenheimer, für ihre aufopfernde Mühewaltung den Dank der Ortsgruppe auszusprechen. Kiew. Mehrere Zionsvereine haben hier Verfammlungcu veranstaltet, in welchen der Delegierte Dr. Israel Mozkin in ausführlicher Weise über den zweiten Baseler Eongrcss Bericht erstattete. Tr. Mozkin schilderte eingehend den Verlauf der Eongressverhandlungen und verweilte besonders bei der Gründung der Jüdischen Colonialbank und der Einsetzung der Culturcommission. Die Ausführungen Tr. Mozkins fanden in_ allen Versammlungen großen Beifall und führten den zionistischen Vereinen neue Mitglieder zu. Cairo, 22. November 1898. Bei der am 22. November abgehaltenen Generalversammlung des Zionvereines „Bar Kochba" fanden folgende Neuwahlen statt: Herr M. H e r d a n, Präsident: L. Fried mann, Vicepräsidetf S. Weinstein, secretär (Hebräisch): Ä. K r e n t s ch m a r, Secretär (fremde Sprachen): Eph. Leibowitz, Cassier: M. M ü l b e r g, Comptable: B. Korsin sky, Bibliothekar; M. G olden der g, I. Bl um, I. H e r m a l i n, I. Leibowitz, R. Grieß, Ausschussmirglieder. Es wurde der Beschluss gefasst, eine zionistische Bibliothek zu gründen. Chicago. Den amerikanischen Verhältnissen entsprechend haben sich viele Zionsvereine in Form von Orden gegründet. *) Ein solches Musterstatut wird in der nächsten Nummer der „Welt" veröffentlicht werden.