Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-12-09 · 49 (9.12.1898) · p. 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
49 (9.12.1898)
Article
Die Wiener Cultusgemeinde
Date
1898-12-09
Page
8 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315792-3364759--09430-3364873
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8 oder den anderen Namen/ welche ihren besonderen Unwillenerregt haben. In dem Momente, in dem etwa2 UnbilligesD geschieht, wird wohl ihr Zorn rege. Es fehlt nicht an An-/ klagen, auch nicht an kräftigen Verurteilungen — aber bis zu den Wahlen des Cultusvorstandes vergehen noch Monate oder Jahre. Der Kampf des Tages, die Anstrengungen zur Gewinnung des Lebensunterhaltes lassen die Leute bald ihre Beschwerden zurückstellen, vergessen und endlich als etwas hinnehmen, was nun einmal so sei, und dessen versuchte Veränderung oder Beseitigung in keinem Verhältnisse stehe zu der Aufregung, dem Verdruss und oft auch dem Ekel, den darauf gerichtete Anstrengungen mit sich bringen müssen. Dann kommen die Cultuswahlen. Nun wird den Leuten erzählt, was alles geleistet worden sei. Den Männern, welche weder den Umfang der Agenden einer großen Gemeinde kennen, noch die ihnen vorgelegten Ziffern und Daten auf ihren wahren Wert zu prüfen wissen, wird nun, meist in recht geschickter Weise, die Ueberzeugung beigebracht, welche Opfer die bisher functionierenden Cultusräthe bringen mussten, um die Gemeinde bis zu der Höhe emporzuheben, auf der sie sich zu dieser Zeit befinde. Dann kommt noch irgend ein bekannter Schönredner, der mit dem Brustton tiefster Ueberzeugung ausrust: „Weg mit den Phrasen? Seien wir aufrichtig!" Und die Leute, die nichts anderes wollen, als dass die Herrschaft der Phrase ende und die der Aufrichtigkeit beginne, klatschen dem trefflichen ex 060 Bertheidiger, der ihnen beweist, dass der bisherige Vorstand der denkbar beste sei, Bravo und gehen beruhigt — nicht zur zur Wahl. Dann schläft wieder das Jntereffe für die Angelegenheiten der Cultusgemeinde ein, bis einer durch eine willkürliche Steucreinschätzung,. durch einen unangenehmen Vorfall bei einer Beerdigung oder Hochzeit, durch eine in roher Weise statt findende Abfertigung eines Anliegens an das sogenannte religiöse Haupt der Gemeinde oder Aehnliches, persönlich in Mitleidenschaft gezogen wird — darauf folgt wieder eine Zeit der Auflehnung, dann der Beschwichtigung, und dann tritt auch endlich wieder jenes Stadium der Resignation, der absoluten Gleichgiltigkeit ein, welches den Wiener Wahlmachern ihre billigen Siege bei den Cultuswahlen einzutragen pflegt. Das soll aber nicht so weiter gehen. Die Zionisten sind durch wichtige Arbeiten universeller Natur bisher verhindert gewesen, sich mit den localen Angelegenheiten intensiver zu befassen. Nunmehr ist die Bewegung so weit gediehen, dass sie auch diesen, leider oft so kleinlichen und unerquicklichen Dingen ihre Aufmerksamkeit wird widmen müssen. Uns kann es sich nicht darum handeln, den vielleicht persönlich recht ehrenwerten Herrn A. oder B. aus seiner Stellung zu verdrängen. Uns handelt es sich um Principien, für welche auch die Gemeinden als Corporationen gewonnen werden sollen, in ihrem eigensten Jntereffe gewonnen werden müssen. Bei der Beobachtung der letzten Wahlgeschehniffe haben wir Gelegenheit gehabt, die Personen ganz kennen zu lernen, welche die Königsmacher spielen. Es war keine angenehme Arbeit. Wir konnten constatieren, dass wir sie leider noch immer viel zu hoch geschätzt hatten. Wer z. B. das Auftreten der „Union" und des „politischen Bolksvereines" vor den Wahlen mit ansah, aus der Nähe mir ausehen musste, wer diesem Froschmäusekrieg i» dessen ganzer Kleinlichkeit und Dünkelhaftigkeit als Zuschauer beiwohnte und dann die freislichen Heldeir, die ihre diversen Hclmbüsche voll Kampflust und voll des Aufwandes fester Princivientreue zur Schau trugen. Arm in Arm oder besser Bauch an Bauch vor den Proteges des Vorstandes zurückweichen sah, der hatte sicherlich das Gefühl, dass da eine schmähliche Komödie aufgeführt werde. Wir Zionisten wollten nicht die Dupes sein urrd haben uns daher diesesmal nicht weiter am Wahlkampfe betheiligt. Das soll . aber bei der herrschenden Clique nicht den Glauben erwecken, dass sie sich ruhig ihrer Position fteuen. könne. Wir haben uns nicht weiter an diesem Wahlkampfe bctheiligt, weil wir den Kampf für die n ä ch st e n Wahlen schon jetzt begiuu.-n „werden. Wir wollen der Cultusgemeinde von nun ab eine besondere, ihr gewiss recht erwünschte Aufmerksamkeit widmen. Wir werden uns bemühen, in durchaus sachlicher Weise auf die Großthaten hinzuweisen, die sie auf den verschiedenen Gebieten ihrer Wirksamkeit aufzuzeigen hat. In jedem Bezirke wollen wir Männer aufstellen, welche die Juden aus ihrer Lethargie aufrütteln, von ihrer Muthlosigkeit befreien, von ihrer Resignation heilen sollen. Die vollständige Statutenänderung der Cultusgemeinde fordern wir. Die Forderung ist eine dringende. Die Missbräuche der Besteuerung, die Ausschließung des weitaus größten Theiles der Wiener Juden von der Wahlberechtigung, müssen so rasch als möglich fallen. Wird der Cultusvorstand nicht selbst wollen, so wird vielleicht eine Maffenpetition, der es an der tatkräftigsten Stütze nicht fehlen soll, gegen das Berschleppungssystem der Gemeindebeherrscher wirksam sein. Die Armen-Enquöte, deren Ergebnisse, deren Consequenzen der Gemeindevorstand noch immer nicht zutage fördert, soll nicht umsonst stattgefunden haben. Das Armenwesen, dem bereits so namhafte Summen gewidmet wurden, ohne dass über ihre irrationelle Verwendung Zweifel bestehen, wird den Gegenstand unserer besonderen Aufmerksamkeit bilden. Der Unterricht in der hebräischen Sprache, in der jüdischen Geschichte und Literatur, dieses Schmerzenskind der Wiener Judenschast, soll in allen Bezirken zur Discuffion gestellt werden. Alle die persönlichen Beschwerden, alle die unstatthaften Vorgänge, von denen wir Kenntnis erhalten, sollen in objectiver, aber auch rücksichtsloser Weise zur Sprache gebracht werden. Die Wahlmacher haben wieder einen Act ihrer Komödie ausgespielt. Das Publikum hat ihnen nicht applaudiert. Es hat auch seinen Unwillen nicht allzu laut werden lassen; vielleicht weil so wenig Publicum da war. Wir werden für ein zahlreicheres und besser unterrichtetes Publicum sorgen. Die Wahlspielerei ist vorüber. Der Wahlkamp f beginnt. Wir werden ihn allein führen, weil wir ihn ernst und würdig führen wollen. W Indische Turnvereine Don Eli Samgar. Wer heute die Anfänge der Assimilationsbewegung studiert, die Wünsche und Hoffnungen der starkwilligen, trotzigen Reformeiferer; wer die Entwicklung zumal der von westlich-europäischer Eultur mehr oder minder berührten Judenheit an jenen Zielpunkten abmssst und abwertet, zu dem jene rationalistisch verengten Köpfe im naiven Doctrinarismus des achtzehnten Jahrhunderts unser Volksthum hinlenken zu können sich einbildeten — der wird sich eines bitteren Gefühles nicht erwehren können. Die Emancipation, die sie herbeisehnten und an deren Erringung sie thätigen Antheil nahmen sollte den Juden mehr sein als die öffentliche Anerkennung, dass auch sie schließlich Menschen sind und der Menschenrechte, der schäbigsten wenigstens, wiirdig. Sie sollten Staatsbürger im vollen Wortsinne werden, gleichwertige, wie zu fordern nur gut und billig wäre; nicht aber gleichartige, wiedie Assimilationshelden es verlangten. Die Gleichartigkeit, welche die Verschiedenheit von Jude und Nichtjude eliminierte und somit den Gegenstand des Hasses von der Erde schaffen sollte, die war das Endziel ihrer Thätigkeit — zugleich die innere Ursache ihres Misslingens. Mit der jüdischen Confession hatten sie leichtes Spiel. Von der Kanzel und vom Katheder — die Lehrerseminarien, die sie gründeten, sind nur in dieser Absicht geschaffen worden — in Synoden und Rabbinerconferenzen konnte man unsere Lehre so verwaschen, dass schließlich nichts Specisisches mehr übrig blieb, als ein allgemein deistisches Bekenntnis, trotz der Orgel ohne Sang und Klang, ohne Empfindung und innere Weihe. Man stellte sich die Sache so vor — und in dem Sendschreiben einiger jüdischer Hausväter mosaischer Religion an den Propst Teller ist

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.