Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 49 (9.12.1898)
- Article
- Eine Begegnung
- Date
- 1898-12-09
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Är. 4Ü zusammensuhr. — „Hier in Wien? Hier in Wien?" wiederholte gedehnt der Unbekannte; — — er griff in die Tasche, zog eine vergilbte Visitkarte heraus und reichte sie mir. In der Mitte stand kurz mit alterthümlichen Buchstaben: „Ahasver". — Und darunter, wo sonst bei anderen Karten „K. k. Universitätsprofessor" oder „Bürgerlicher Schneidermeister" steht, befand sich die Berufsangabe „Ewiger Wanderer." „Aber das ist sa nicht möglich," platzte ich heraus, „da dürsten Sie doch nicht hier so ruhig sitzen". — „Ach Unsinn!" murrte der Alte. „Das Volk erzählt allen möglichen Schnickschnack". Dabei suchte er die mechanischen Fußbewegungen verlegen zu unterdrücken. Ich merkte jetzt, wie wenig taktvoll mein Einwand gewesen und trachtete das Gespräch auf ein anderes Thema hinzulenken, um dem Alten und mir rasch über die Verlegenheit hinwegzuhelfen. Der Uebergang fiel recht ungeschickt aus — wie es einem eben in solchen Situationen gewöhnlich passiert. „Schließlich wäre das ja kein Unglück," meinte ich, „der Dreyfus z. B. wäre sehr froh, wenn er jetzt frei durch alle Länder wandern könnte. — Eine merkwürdige Sache, diese Dreysusaffaire! Nicht?" Der Alte zuckte die Achseln: „Was ist da Merkwürdiges? In früheren Zeiten ist es tausendmal vorgekommen, dass man einen Unschuldigen eingesperrt hat. Zahllose Unglückliche haben in den Kerkern gemodert. — Was ist da Merkwürdiges?" „Nun ja, aber heute befreit man den Unglücklichen. Schauen Sie an, — die ganze Welt ist in Aufruhr. Selbst in China interessiert man sich für Dreyfus „Aber reden Sie doch nicht so kindisch! Früher waren eben keine Eisenbahnen, keine Telegraphendrähte, keine Zeitungen da. Heute steht Ihr — wie heißt es doch? — im Zeichen des Gewehres. Wenn man in früheren Zeiten einen Unschuldigen gequält hat, so war nur ein kleiner Zuschauerkreis da. Die Schandthat geschah quasi im engen Familienkreise, so unter vier Augen. Da geniert man sich wenig. Heute ist der Zuschauerkreis ein ungeheurer, da geniert man sich mehr. Je größer das Publicum, desto stärker die Schamröthe. Und die Schamröthe ist die Mutter der „Gerechtigkeit". Mit Dampf und Elektricität wird der Excapitän befreit, in dem engen Raum zwischen den zwei Eisenbahnschienen ist die Affaire Dreyfus so breit und merkwürdig geworden. In dieser schmalen Werkstätte zwischen den Eisensträngen kann man eben heute alles machen, alles. Die Werkstätte ist noch ganz jung und neu, darum erscheint Euch die Affaire, die dort geschmiedet wurde, merkwürdig. Alles Neue ist merkwürdig. — Der Generalstab hat eben die Rechnung ohne den Eisenbahnconducteur gemacht." „Und jetzt wollen sie auch noch den braven Piequart verurtheilen", bemerkte ich bedauernd. „Weil er dem Juden beigesprungen ist," grollte der Alte; „jedem geht es so, der den Juden helfen will. Das ist ein Hausen von Unglücksmenschen. — Um Himmelswillen, nur nicht anrühren! Das ist wie ein böser Wasserstrudel. Wer wird seinen Kahn dahin lenken? O, die Juden haben schon viele Picquarts gehabt, — jüdische und nichtjüdische — —" Ahasver seufzte finster auf und strich sich über die saltenbedeckte Stirn. „Nein, Sie haben Unrecht, Herr Ahasver. Wie man das Helfen anpackt, darauf kommt es an. Vergeffen Sie nicht, dass diesmal Ihre schmale Werkstätte auch nicht müßig sein wird. Ich glaube nicht, dass Picquart in dem Wassersttudel Schiffbruch erleiden wird. Er wird seinen Edelsinn nicht bereuen." Ahasver starrte sinnend vor sich hin. „Haben Sie die Ausweisungen aus Brandenburg gelesen? Alle Zeitungen sind voll davon," fragte ich, die Gesprächspause überbrückend. Ahasver blickte auf: „Wen hat man ausgewiesen? Juden?" „O nein'. Dänen und Slaven." Der Alte schüttelte verwundert den eisgrauen Kops: „Sonderbar! — Keine Juden. — Und was haben die Ausgewiesenen gemacht?" „Sie sind einfach in ihre Heimat gezogen." Ahasver schlug eine höhnische Lache auf: „Also, wozu das Gewimmer! Irren die Ausgewiesenen von Land zu Land? Betteln sie in London, darben sie in New-Iork, hungern sie in Transvaal, verhungern sie in Argentinien? Die Zeitungen erheben ein Geheul? — Wer rührt sich, wenn Ahasver über diesen Jammerplaneten gehetzt wird?" Ich suchte den Alten, der sich furchtbar erregt hatte, zu beruhigen und strich einige Zeitungsblätter, die er total zerknittert hatte, wieder glatt. Der Marqueur lohnte mir's mit dankbaren Blicken. Ahasver war wieder in sich zusammengesunken. Gebeugt saß er da, und ich glaube, dass es Hexameter waren, die er jetzt scandierte. Aus einmal blickte er mich forschend an: „Sie irren sich doch hoffentlich nicht?" „Irren? Wieso?" „Man hat thatsächlich Dänen und Slaven ausgewiesen?" „Gewiss, in allen Zeitungen steht es", bestätigte ich. „Na, so etwas? Es will mir noch immer nicht in den Kopf, dass auch Nichtjuden ausgewiesen werden. — Eine komische Geschichte! Was man alles erlebt." Der Alte schmunzelte vor sich hin und schüttelte noch immer ungläubig den Kopf. „Den Juden muss es wohl dort sehr gut gehen?" fragte er. „Wie man's nimmt. Jetzt will man in Berlin Judenschulen errichten." Der Alte nickte: „Man kann es den Juden eigentlich nicht verübeln, wenn sie sich Judenschulen errichten wollen. Hier werden ihre Kinder wenigstens nicht von den anderen Kindern beschimpft." „Pardon, Herr Ahasver", wandte ich höflich ein, „Sie missverstehen die Sache. Die christlichen Eltern wollen ja die Judenschulen errichten?" „Die christlichen Eltern? Ja, beschimpfen denn die Judenkinder ihre christlichen Mitschüler?-" „Durchaus nicht." Die tiefliegenden Augen des Alten hatten den Ausdruck der höchsten Verblüffung angenommen. „Und was sagen denn die jüdischen Eltern dazu?" fragte er gespannt. „Die sträuben sich selbstverständlich gegen die Judenschulen." „Ha, ha, ha!" — Der Alte lachte auf, dass sowohl die Sitzcassierin, als auch der Zählkellner erschreckt zusammensuhren. „Mir scheint", höhnte er, „bei den jetzigen Juden und Nichtjuden ist da oben etwas locker." Dabei deutete er mit dem dürren Finger auf die Pergamenthaut seiner-Stirne. Ich pachte gute Miene zum bösen Spiele. Der Alte wurde mir unheimlich. Auf einmal, wie von einem jähen Gedanken durchzuckt, sah er mich missttauisch an und sagte rauh: „Junger Mann, — Sie wollen sich einen Scherz mit mir erlauben. — Sie werden mir doch nicht ernreden wollen, dass wir-Juden so dumm sind!" Er hatte sich in seiner ganzen hageren Länge aufgerichtet und musterte mich unwillig von oben bis unten. Die knochige Rechte umfasste den massiven Wanderstab. „Aber nein, nein!" betheuerte ich ängstlich, indem ich in den Zeitungen herumsuchte. „Da haben Sie's ja schwarz aus Ahasver überflog einige Zeilen und während des Lesens legte sich ein Zug unsäglicher Verachtung um seinen Mund; „Ja, Sie haben Recht", sagte er trocken, indem er das Blatt beiseite warf, „es ist etwas locker.-Was!? Schon „In 3 Minuten. — Ja die Zeit läuft —" „Reden Sie nicht so kindisch!" schnitt mir der Alte barsch meine Worte ab, „die Zeit steht still — wir lausen, endlos, endlos-" Und ergriff den Knotenstock und wanderte, wanderte- „Auf Wiedersehen, Ahasver!" E. R. *