Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 49 (9.12.1898)
- Article
- Völkereinsamkeit
- Date
- 1898-12-09
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 49 JP*OW* Seite 3 Extrem überschlug, ist bereits im Ablaufen begriffen, und eine starke individualistische Reaction hat wieder eingesetzt. Mir ihr erwachte aber auch von Neuem der Drang zur Völkereinsamkeit. Dieser Drang schließt auch ein Recht ein. Auch den Nationen reifen ihre höchsten geistigen uud Culturthaten nur in der Einsamkeit; und ohne Schaden zu leiden an seiner Seele und seiner höheren Bildung, kann kein Volksthum der Welt auf seine Einsamkeit Verzicht leisten. Natürlich ist es damit nicht gesagt, dass man sich mit Borniertheit und verbissener Hartnäckigkeit gegen alle Anregungen von Außen absperren soll — keineswegs. Aber diese Anregungen müssen in der Einsamkeit verarbeitet «erden und einen gründlichen, nationalen Verdauungsprocess durchmachen, bevor sie fruchtbar werden. Es ist immer ein böses Zeichen schwerer Erkrankung, wenn das geistige Leben eines Volkes sich in vollkommener Abhängigkeit vom Auslande befindet, wenn Fremdworte in Unmenge den sprachlichen Organismus überwuchern, wenn die Dichter und Denker bei jedem ihrer Worte und Gedanken fragend und zweifelnd und hemüthig Beifall heischend zum Ausland hinüberschielen. In einem solchen Zustande befand sich Deutschland seit dem dreißigjährigen Krieg, und diese Unnatur wurde so brennend empfunden, dass sogar im Humanitätszeitalter Lessing und die Stürmer und Dränger den zürnenden Schlachtruf gegen alles Fremde, zumal gegen alles Französische erhoben. Immer wieder, wenn sich die Nationen zu geistigen Großthaten sammeln, werden sie damit beginnen, jeden Fremdkörper, der das einsame Schaffen stört, gewaltsam von sich auszuftoßen. Es gibt eine Bewegung gegen die Juden, die keinen politischen Einsichten und auch keinen berechtigten nationalen Empfindungen entspringt, sondern ganz einfach den Instinkten der entfesselten Bestie. Dann aber besteht zweifellos auch bei vornehmen Naturen und bei Charakteren, an deren Reinheit sich kein Verdacht heranwagt, wenigstens die Disposition zu einer judenfeindlichen Stimmung. Diese Männer empfinden den wahren, echten und tiefen Drang nach nationaler Einsamkeit, und sie fühlen die Juden als einen Fremdkörper in ihrem Volksthum, wie es im vorigen Jahrhundert die Franzosen waren. Damals waren die Juden noch nicht assimiliert und konnten deshalb auch noch nicht als eine Störung empfunden werden, und ein Lessing, der grimme Franzosenbefehder, schrieb Nathan den Weisen. So wenig aber der Hamburger Dramaturge die Franzosen als Menschen und als Volk hasste, sondern nur ihre gewaltsame Einflussnahme auf das deutsche Gemüth, so wenig brauchen die Männer, von denen ich spreche, die Juden als Volk und Menschen 'zu hassen, wie es die Lueger und Gregorig thun. Im Gegentheil, wer selbst tief durchdrungen ist von Achtung vor der eigenen Völkerindividualität, wer selbst das Bedürfnis und das Recht auf Völkereinsamkeit so tief empfunden hat, der kann eine Nation nicht hassen, die ähnliche Bedürfnisse fühlt und sich mit Begeisterung und Ueberzeugung erhebt und organisiert, um aufzuhören, ein Fremdkörper zu sein, um auch ihrerseits sich das kostbare Gut der Völkereinsamkeit zu erstreiten. Denn auch in uns Juden ist, nicht wegen, sondern trotz des Antisemitismus, die Sehnsucht nach tiefer Einsamkeit für unser Volksthum erwacht, nachdem wir die sociale Bewegung in der ersten Hälfte des Jahrhunderts in überreichem Maße mitgemacht hatten. Im Mittelalter nämlich waren wir, infolge äußerer und innerer Verhältnisse, schließlich schon gar zu einsam geworden, zu abstrus, zu unnatürlich, ohne jede Berührung mit dem Allgemeingefühl der Culturmenschheit. Wie Dichter und Denker, um das schlichte Menschengefühl zurückzugewinnen, in das Volk gehen, so giengen die in Einsamkeit erstarrten Juden nach Europa, stürzten sich in die socialen Bewegungen und Hals über Kopf in die Assimilation. Ganz von selbst wäre darauf eine Reaction erfolgt, ganz von selbst hätte sich, seiner inneren Anlage gemäß, das jüdische Volk von dem lauten Markt wieder nach feiner Einsamkeit zurückgesehnt — nach einer durch die jüngsten Erfahrungen bereicherter und fruchtbarer gewordenen Einsamkeit. Wenn nun gleichzeitig auch bei den europäischen Nationen eine ähnliche Reaction eintrat, die gewissen Radaubrüdern Veranlassung gab, ihre innere Roheit antisemitisch zu verbrämen — so ist das nur ein Beweis dafür, dass der Zionismus aus dem Untergrund einer großen europäischen Gesammtstimmung entsprossen ist. Wir Juden aber wollen in die Einsamkeit gehen, weil wir fühlen, dass wir nur in ihr würdiger, nationaler Geistesthaten fähig wären, die auch einen wertvollen und dauernden Beitrag zum Culturgut der Menschheit darstellen dürften. Wir fühlen nur zu gut, dass in dem gegenwärtigen Zustande der Jude wohl in rein socialer Beziehung allenfalls feinen Mann stellen kann, nicht aber, wenigstens nicht ohne Brüche und innere Zerrissenheit, wenn es eine aus tiefster Seeleneinsamkeit entsprießende, höhere, geistige Leistung gilt. Das können wir nicht, weil wir nicht einsam genug sind, weil wir der Völkereinsamkeit entbehren. Und wir denken mit Wehmuth an das seltsame, tragische, zerissene Schicksal eines Heinrich Heine. — Wir Zionisten verachten den antisemitischen Pöbel. Jenen anderen aber, die nur aus einem legitimen Bedürfnis nach nationaler Einsamkeit einer absoluten Assimilation widerstreben, reichen wir freudig die Hand! Und der dritten Kategorie, jenen Fanatikern der Gesellschaft, denen der Mensch nur ein abstract sociales Wesen ist, nicht eine Natur, ein Individuum, rufen wir ruhig und siegesgewiss entgegen: Es gibt ein Recht auf Vö lke rei n sa mkeit! P Die Woche. Wien, 7. December 1898. Ei»e Begegnung. Wie man sich so verspäten kann! — Schon V41 Uhr nachts; nnd da sitze ich noch immer in dem verdammten Kaffeehaus und verzehre den öden Zeitungstratsch. Wenn nur nicht die bleichsüchtige Sitzcassierin so unausgesetzt gähnte. Man wird ganz schläfrig, wenn man sie ansieht. Mir scheint, der alte Herr da am benachbarten Tisch ist thatsächlich eingenickt. Aber mit den Fersen macht er noch immer seine taktmäßigen, standierenden Bewegungen, die mich den ganzen Abend gestört haben. — Ein Dichter? Er gibt wohl in Gedanken dem Flügelrösse die Sporen. Ueberhaupt eine merkwürdige Gestalt. Wie Barbarossa bei seinem Marmortisch. Nur ist der lange, weiße Bart nicht durch die Marmelplatte' gewachsen, was dem Cafetier sehr angenehm sein dürfte, und zudem sieht der Herr sehr semitisch aus. Der semitisch undsehr verlebt aussehende Unbekannte wandte sich, trotzdem wir einander niemals vorgestellt worden waren, plötzlich an mich: „Ist das halb eins? — Ich bin ein bisschen kurzsichtig." — Er sagte das mit einer trockenen, harten Stimme, die mich fatal berührte.' Ich sah auf die Uhr: „In sechs Minuten halb eins." Der alte Sonderling war offenbar, dem fremdartigen Accent nach zu schließen, irgend ein Ausländer. — „Sie gehen wohl jetzt nachhause?" sagte er mit einiger Bitterkeit. Ich unterließ es, über diese sonderbare Art des Verhöres aufzubrausen, und bejahte die Frage. Der Alte lachte kurz auf. „Der Herr ist wahrscheinlich hier in Wien fremd," wagte ich zu bemerken. Der Alte lachte wieder grimmig auf und griff nach seinem dicken Stock, der neben ihm lehnte. Aber er insultierte mich nicht, wie ich anfangs befürchtete, sondern stieß nur den Stock zornig auf den Boden, so dass die Sitzcassierin erschreckt