Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 49 (9.12.1898)
- Article
- Zündet Lichter an!
- Date
- 1898-12-09
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 2 ***** Nr. 49 Hause das Judenthum conservieren wollte, von dem entsprechenden Erfolge gekrönt worden? Das palästinensische Lehrhaus, der jüdische Volksgeist sank unter dem römischen Joche immer tiefer und tiefer. Es sinkt die Thora, wenn Israel in Knechtschaft ist. Ueberblickt man die Literatur des Exils und vergleicht sie mit der alten, so kommen einem unwillkührlich die Thränen in die Augen. Die ältere Literatur durchweht eben der gesunde Erdgeruch der - Heimat, die spätere die schwüle Athmosphäre der Kerker und der Ghettomauern. Früher ein Volk voll erhabener Sittlichkeit, später voll ascetischer Weltentsagung. Früher voll optimistischer Lebensfreude, später traurig und mystisch. Früher hatte das Volk große Helden, später im Exile höchstens Märtyrer; früher Männer befreiender Thal, später Grübler, Dulder, die Sclavenketten wie Schmuck an ihren Händen tragen. Der gelbe Fleck ist durch die Kleider in unser Herz gedrungen. Konnte der Volksgeist sich entfalten, wenn das Volk unterdrückt wurde? Antaeus konnte Herkules sogar trotzen, solange er mit seinen Füßen den Boden berührte. Groß und erhaben war Israels Volksgeist, so lange das Volk der Freiheit in der Heimat genoss. Der große Makkabäer, der geborene Priester und Lehrer seines Volkes, gürtet das Schwert um die Lenden, befreit sein Volk zuerst, führt es in die Stadt zurück, weiht ihm dann den Tempel und wird dann wieder Lehrer des Volkes. Zuerst Israel, dann die Thora. Gebt Freiheit dem Volke und Ruhe ihm wieder, dannzündet Lichter an und leuchten werden sie wieder — wie einst — der ganzen Menschheit. Zweifach war die That der Makkabäer; den Hellenisten zum Trotz wollten sie das Judenthum Hochhalten, den Chassidim gegenüber die Juden befreien. Juden und 'Judenthum. „Zuerst Israel und dann die Thora", das schrieben sie auf ihre Fahne. So thaten es eigentlich alle Großen unseres Volkes. Alle waren sie nicht nur Volksbefreier, sondern auch Volkslehrer. In der einen Hand trugen sie das Schwert, in der andern das Buch oder die Harfe. Aber nie spiegelt sich der für alle Zeiten symptomatische Gegensatz so deutlich ab, wie zur Zeit der Makkabäer. Nirgends treten die Lehren der gegnerischen Parteien so prägnant hervor wie zu jener Zeit. Es liebten die einen das Leben, aber sie verleugneten das Judenthum; es hielten die anderen das Judenthum hoch, aber sie wollten nicht das Leben, das freie Leben des Volkes. Die einen lösten immer die Judenfrage mit der Austösung des Judenthums, die anderen mit der Außerachtlassung der Juden. Die einen wollten den Inhalt vernichten, die anderen vernachlässigten das Gefäß, bis auch der Inhalt mit ihm Schaden gelitten. Die Makkabäer hatten um beides Sorge getragen, um Gefäß und Inhalt. Die Befreiung des Volkes und die Hebung seines nationalen Geistes, das war ihr Losungswort. Nehmt ihren Geist in Euch wieder auf, ihre Ideale machet zu den Eurigen. Diese Lichter zündet wieder an. Sind die Makkabäer in uns, dann sind sie auch mit uns. Dann ist unser der Sieg. W llölkrrcinsamkrrt. Von S. Lublinski. „Nur wer die Einsamkeit kennt, weiß, was ich leide" — aber er auch weiß allein von meinen Freuden, von meinem tiefsten Glücksgefühl, von meinen schwersten und siegreichsten Stunden. Jeder Mensch, der etwas schaffen will, das dauert, muss Glück und Unglück der Einsamkeit bis auf die letzten Züge kosten. Er muss einsam sein als Führer, als Agitator, inmitten einer Menge, die ihn umjubelt, weil sie entzündet und elektrisiert wurde von seinem mächtigen Wort. Ach, es hat lange gedauert, bis sich dieses Wort aus dem tiefsteu Schacht der Einsamkeit zum Licht, des Tages emporrang, und auf diesem langen Wege vom Herzen zum Munde -verlor es viel von seinem besten, innigsten, süßesten Klang. Trotzdem merkt man ihm noch seine Herkunft an. So sehr es sich anpasste voller Liebe und Erbarmen den Bedürfnissen der Menge, so fühlt doch diese Menge instinktiv, dass ein Fremdling aus der anderen Welt vor ihr steht, einer Welt, die geboren wurde aus den tiefen, einsamen und erschütternden Kämpfen einer großen Seele. Wer niemals einsam war, der darf auch niemals laut werden wollen, nie ein Volksführer, nie ein Agitator, wenn er mehr erzielen will, als eine lärmende, rauschende Augenblickswirkung. Der Einsamkeit bedarf der Dichter, bedarf der Denker, bedarf jede große Idee, die ausreifen muss, bevor sie in das Leben tritt. Die Einsamkeit ist der fette Humus, der unterirdische Wurzelgrund, ohne den keine Pflanze ihre Blüte, kein Baum seine Krone, am Licht der Sonne entfalten würde. Und darum muss jeder Mensch seine schmerzliche Einsamkeit heiß lieben und muss sie vertheidigen gegen eine Welt. Je vornehmer, je eigenartiger und reicher eine Natur ist, desto schwerer wird es ihr fallen, Herz und Gemüt zu einer Herberge einzurichten für jeden, der des Weges kommt. Sie wird auswählen und sondern, nur wenigen Zugang in die innersten Gemächer gestatten und gar keinem oder kaum einem in das Allerinnerste und Allerheiligste ihrer Seele. Und kommt ihr ein Mann in die Quere, der in Gefühl und Wesen der vollkommenste Antipode ist, und will dieser Mann, der dem differencierten Empfindungsleben fast wie ein Barbar erscheint, sich dennoch gewaltsam aufdrängen, so kann sich daraus ein Kampf auf Leben und Tod entwickeln, ein furchtbares Gefühl des Hasses, das um so stärker brennt, als es nicht aus äußerem Anlass stammt, sondern aus dem innersten Wesen keimt. Der Religions-, der Raffen- und Nationalhass sind noch schrecklicher, als selbst der Classenhass. Das Gegengewicht gegen die Einsamkeit ist die Gesellschaft, das Sociale, und gesund ist nur, wer in beiden Elementen mit voller Lunge athmen kann. Sogar der Tiefeinsame, der sich in sich selbst zusammenzieht, muss in seine tiefe Stille schlichte und starke Urgefühle der Menschheit mit hinübernehmen, muss es nicht verlernt haben, zu lachen und zu lieben, zu weinen und sich zu freuen, wie wir alle. Sonst wird feine Einsamkeit nur schwächliche Unnatur und Raffinement gebären, gekünstelte Speise, erlogene Blumen. Es ist schon vorgekommen, dass große Dichter und Denker sich mit krampfhafter Kraft an eine sociale Gemeinschaft, an das Volk geklammert haben, um die Gefühlskraft der schlichten Menschlichkeit, die in ihrer Einsamkeit sich zu verflüchtigen drohte, wieder zurückzugewinnen — für ihre einsamen Stunden. Was für den Einzelnen, das gilt auch für die Nationen, für die Menschheit. Seit Ausgang des vorigen Jahrhunderts bis in die achtziger Jahre hinein, überwog weitaus der Drang zum Socialen, zum allgemeinen Menschlichen, und alles stürzte auf den Markt des Lebens, drängte zur Weltbühne, um die Geschäfte der Menschheit zu besorgen; keiner dachte mehr ans Alleinsein, an das Recht zur Völkereinsamkeit. Auch die Nationalitätenbewegung in der ersten Hälfte des Jahrhunderts trug mehr ein sociales als ein individualistisches Gepräge. Damals galt es Stammeseigenthümlichkeiten, störende Volksbesonderheiten zu beseitigen und große, alles umfassende Einheitsstaaten herzustellen, und nur in diesem Sinne wurde das Nationale damals begriffen. Diese Woge, die in der internationalen Arbeiterbewegung schließlich in ihren Gegensatz und ihr