Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 48 (2.12.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-12-02
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 jPk^wdr Nr. 4S formenreichen Ritus Befriedigung fand. Auch diesmal konnte sich Dr. David dieses Misstones nicht erwehren. Vielleicht hatte er im Stillen den Raphael, der in dem. Rauschen der Baumkronen, in den grünen Wellen einer windbewegten Wiese und in den Buchstaben der Bibelsprüche die Sprache Sehern boruch hu’s gesucht, sogar beneidet. Edle Menschen beweinen immer das Welken des Schönen, selbst wenn sie sich dafür nicht zu begeistern vermögen. Er trat hinter dem Ladentische hervor und schritt langsam längs der mit kirchlichem Hausrath gefüllten Glasschränke auf und ab. Da glänzten goldene Kelche, Monstranzen, silberne Räucher-; gesäße, Leuchter und Glöckchen, deren heller Klang die verschleierten Mysterien des christlichen Glaubens zu verkünden bestimmt war. Kurz, das ganze schimmernde Arsenal war hier vertreten, mit dem die alleinseligmachende Kirche wohlbewaffnet den Kampf gegen den mächtig heranstürmenden Materialismus geführt hat. Und über welche Waffen verfügte dieser, um der großen, stolzen Feindin entgegen zu treten? Einige Gedankenblitze der Philosophie, die Errungenschaften der sich entwickelnden Wiffenschaft und schließlich — und dies war nicht das Schlechteste — die menschliche Eitelkeit, die gerne auf den Glauben der breiten Massen mit vornehmem Dünkel herabsieht? Wer würde in diesem Streite endgiltig als Sieger hervorgehen? Immer weiter verirrte sich die Phantasie des Doctors. Schon sah er im Geiste ein blühendes Land erstehen, wo vornehme Sitten, Duldung und Nachsicht herrschten. Die Handlungen der Bewohner dieses sonnigen Thales entsprangen nur ethischen Momenten. Geopfert wurde der strahlenden, milden Gestalt der beglückenden Bildung. Aber der schrille Klang der Thürglocke riss chn jäh aus seinen Träumen. Sollte er jetzt seines Amtes hinter dem Ladentische walten und gleich Karl Raphael einem wohlgenährten Landpfarrer die Falten des Vespermantels zurecht zupfen? Zum Glücke war es diesmal keine so vornehme Kundschaft. Ein altes, in dürftigen Kittel und graues Umschlagetuch gekleidetes Mütterchen trat ein und forderte ein Bild des heiligen Sebastian. Nach einigem Suchen fand Dr. David glücklich das betreffende Päckchen in der Vitrine. Es enthielt verschiedene Bilder. Das eine stellte den Heiligen sitzend, das andere stehend, ein drittes seinen jungen, blühenden Leib, von Pfeilen durchbohrt, dar. Die. alte Frau traf sehr umständlich ihre Wahl. Es fiel ihr sichtlich schwer, sich zu entscheiden. Aus ihrer Rede erfuhr David, das Bild sei bestimmt, chrem Enkelsohne, deffen Schutzpatron der heilige Sebastian sei, eine Freude zu bereiten. Seit drei vollen Jahren liege der Kleine gelähmt darnieder. Da die Eltern Arbeitersleute, sei er den ganzen Tag über sich selbst überlaffen und sehne sich so sehr danach, die Heiligen zur Gesellschaft zu haben. Die Alte erzählte dies mit. ery« so rührenden, einfältigen Gläubigkeit, dass es dem RedäÄMr -ganz wunderlich warm ums Herz wurde. Er legte noch ein zweites Bildchen, das ihr Gefallen erregt hatte, bei und bat sie, dieses dem siechen Enkel in seinem Namen mit den besten Wünschen für eine baldige Genesung zu überbringen. Das Mütterchen blickte den fteigebigen Verkäufer zuerst ungläubig an, dann aber hielt sie ihm über den Ladentisch ihre zitternde Hand hin und sprach gerührt: „Ja — da sag' ich halt schönen Dank! Sie sein halt ein gar christlicher Herr!" Fast bätte sie sogar Thränen vergoffen. Alsie schließlich unter nicht endenwollenden Dankesworten gieng, blickte ihr David bitter lächelnd nach. Die Worte waren allerdingt nicht böse gemeint gewesen. Der einfache Sinn der armen Frau fasste eben alles Gute, Barmherzige und Freundliche in dem einen Worte „christlich" zusammen. War es ihre Schuld, wenn m diesem Falle die Antithese fast grotesk und verletzend wirkte? Bilden „christlich" und „jüdisch" Gegensätze? Wer gibt dem gesprochenen Worte seine Kraft? Die ursprüngliche Bedeutung oder der Sprachgebrauch der Menge? Dr. David versuchte seinen schönen Traum von vorhin wieder weiter zu träumen. Aber es gieng nicht. Die Stimmung war nun einmal verdorben. Die anspruchslose, einfältige, abgehärmte Gestalt des armen Mütterchens war etwas Fremdes und Störendes in der Zukunftswelt des phantasiereichen Dichters.; Auf diese unscheinbare, aber sicher treffende Waffe der Kirche hatte er nicht gerechnet. Sie wurde aus dem Hinterhalte geführt und wirkte zersetzend und lähmend. Frau Lisi ließ noch immer auf sich warten. Dr. David fieng an, ungeduldig zu werden, und seine vorschnelle Bereitwilligkeit zu bereuen. Aber es half nichts. Nun hieß es auf dem einmal angetretenen Posten ausharren. Da klingelte es schon wieder!! Diesmal aber war es keine Kundschaft, sondern die Zeitungsausträgerin.? Mt kurzem Gruße legte sie zwei Blätter auf die Tischplatte und eilte wieder geschäftig davon. Das eine davon war die streitbare katholische Presse, die ndere die letzte Nummer der „Freien Blätter", j Mechanisch griff Dr. David nach letzterem und schnitt nt seinem Federmesser die noch druckfeuchten Bogen auf. Aber kaum hatte er einen Blick auf die Ueberschrist eines, ine ganze Seite füllenden Artikels geworfen, so legte sich seine fönte in finstere Falten, und er setzte mit einer raschen, kurzen Bewegung den Zwicker auf dem Nasenrücken zurecht. Er schien seinen Augen nicht zu glauben. Dann trat er an das Fenster, um besser lesen zu hinen.! Seine Hände zitterten vor Aufregung. - * Schließlich verlor er alle Selbstbeherrschung und schleuderte «s unschuldige Papier auf - die Erde. - „Das ist eine Infamie!" schrie er wüthend. Er hatte in der alles Recht, erbost zu sein, i Denn der lange, glänzend geschriebene Artikel handelte irr nichts anderes als den Verkauf der illirischeu Bahn an - jse ftanzösische Gesellschaft. Nur war er im gerade entgegengesetzten Sinne geschrieben a» der, den Dr. David vor wenigen Stunden in die Redaction gändt, und der am nächsten Tage an derselben Stelle zum drucke hätte kommen sollen. (Fortsetzung folgt.) P Krichgsteu der Redaktion. Wir ersuchen, bei Einsendungen a» die Redaetion das Prier nur aus einer Seite zu beschreibe». Zionist, Laucut. Wenden Sie sich an D. Wolffsohn, Köln, Kslingerring. M. Chartiuer. Das Gedicht, das Sie der „Libanonia" rvmen, haben wir der Verbindung zugesandt. Besten Gruß. Leib Rose, Brzezau. Ja. Herausgeber: P.Lafchauer. Derantw. Red.: Dr^Sirgrn. Mrrrrer. tchdruckerei .Industrie" (S. Bergmann). Vlll., Schlöffelg. 11