Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 48 (2.12.1898)
- Article
- Unsere Palästinafahrt
- Date
- 1898-12-02
- Page
- 15 (sequence 2)
- Language
- German
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Sk. 43 Teile 15 über die Höhen hin Stambul mit seinen stolzen Moscheen und Minarets. Links vor uns das Häusergewimmel von Galata und Ortaköi und darüber Pera mit den großen europäischen Geschäftshäusern und Hotels. Dazwischen spannt sich, von tausenden von Fußgängern und Reitern aus allen Ländern der Erde bedeckt, die alte Galatabrücke, welche das goldene Hon: in zwei Theile schneidet. Und weiter zur Linken dringt der Blick tief hine'n in den Bosporus, der sich durch die sonnenbestrahlten, lachenden User zwischen zwei Meeren dahiuschlängelt. Da winken die waldigen Berge Asiens herüber zu den weißen Schlösiern von Mldizkiosk und Dolmabagdsche, in denen soeben der Herrscher des Orients den mächtigsten Fürsten des Abendlandes beherbergt. Ein farbenreiches Bild ringsumher. Die weißen Kriegsschiffe „Hertha", „Hella" und „Hohenzollern", in den blauen Waffern sich spiegelnd. Darüber sniaragdgrüne Gärten und Cypreffenwälder, zwischen den endlosen Häuserreihen der orientalischen Weltstadt. Mächtig stößt die Maschine ein heiseres Gebrüll in die Lust znm Zeichen der Abfahrt, und langsam raffeln die Anker empor, dic Schraube dreht sich, das Schiff setzt sich in Bewegung, und majestätisch durchfurcht der Nikoloi II. die in weißem Gisch: aufschäumende Flut. Die Gesellschaft auf dem Schiffe, die wir uns nur betrachteten, war eine recht bunte. Russische, ftanzösische und deutsche Zeitungscorrespondenten, Vergnügungsreisende jede: Art und eine ägyptische Prinzessin mit ihren zwei Töchter: nebst einer größeren Suite. Das Zwischendeck bot ein überain intereffantes Bild: Da waren einige Araber-Scheichs au Damaskus mit charakteristischen, gebräunten Gesichter:!. Z: diesen stolzenWüstensöhnen traten wir bald in ein recht freund schastliches Verhältnis. Große Freude bereitete cs ihnen, al wir eine photographische Aufnahme ihrer malerischen Grupp machten. Und wenige hebräische Ausdrücke, welche dieselben i arabischer Sprache wiederholten, boten ein bequemes Der ständigungsmittel. Unter verschiedenem zweifelhaften Volk jede Nationalität und Confession, russischen Pilgern, griechischen un italienischen Arbeitern, befand sich auch ein jüdischer Colonit aus Russland, der nach langen Jahren seine Heimat wiedc besucht hatte und nun einen Verwandten mit in seine nee Heimat führte. Die kräftige Mannesgestalt mit dem sonnergebräunten Gesicht, dem klaren, energischen Ausdruck der Auge stand in einem seltsamen Gegensatz zu dem schwächlichen Maur mit gekrümmtem Rücken und dem blaffen, verhungerten Gesicht, d: mit dem Hut in dem Nacken trostlos vor sich hin starrr Vielleicht wird auch ihm die Kraft wachsen, wenn er diePflugschr auf eigener Scholle in seiner Hand führt, wenn er nicht mer mit dem Bündel auf dem Rücken von Ort zu Ort zieht muss, um sein karges Brot zu erhandeln. Einsam saß eir rumänische Jüdin in der Ecke und sah mit gramvollen Blick: vor sich hin. Sie will ihren Sohn besuchen im Heiligen Lar, einen Colonisten von Sichron Jakob. Aber sie weiß nicht, i sie ihre Kinder umarmen darf; denn den russischen u) rumänischen Juden ist die Einwanderung in Palästina strenr untersagt. Wir fuhren in das freie Marmarameer hinaus, wo us zur Linken dre Prinzeninseln begrüßten. Rechts das macedonise Gebirge, links die Berge Kleinasiens, welche uns das farbcreiche Bild der homeri'chen Gesänge wieder lebhaft tz Gedächtnis riefen, zogen wie ein gewaltiges Diorama vor di: entzückten Blick vorüber. Und jetzt lebten wir die letzten Geschehniffe in der (= innerung noch einmal durch. Welch' ein Tag lag hinter uns! Wir glaubten e Schwingen der Weltgeschichte über uns zu spüren. Unser v- - ehrt er. Führer war ja gestern von dem mächtigsten Für»: der Christenheit in Gegenwart des Staatssecretärs der a!= wärtigen Angelegenheiten empfangen worden. Während Dr. H e r z l zum Palais gefahren war, mach:: wir Anderen eine Fahrt durch Pera. In der Grande :e . de Pera herrschte ein weltstädtisches Treiben. Berittene Polizei und Leibhusaren in ihren schmucken Uniformen hatten die Nebenstraßen abgesperrt, da der deutsche Kaiser eben zur Botschaft gefahren war. Ein Meer von rothen Kappen wogte uns zur Seite. Garden, in gut militärischer Haltung ritten schwadronenweise vorbei. Sodann fuhren wir über den Taxim, — eine neue Promenadestraße — die zu beiden Seiten nur Bäume.: bepflanzt ist. Zur Rechten liegt eine schöne Artill-riekaserne in gelb und weißer Färbung, mit einem architektonisch überaus wirksamen Portal. Ueberhaupt ist bemerkenswert, dass es in Constantinopel nur dreierlei Arten merkwürdiger und prächtiger Gebäude gibt: Moscheen, Kasernen und die Paläste des Sultans. Alles Uebrige ist Verfall. Am Ende des Taxim beginnt das Viertel, wo die Großwürdenträger der hohen Pforte und die reichen Türken wohnen. Rechts genießt man einen wunderbaren Ausblick nach dem Bosporus und Skutari mit schönen Gärten und Wäldern. Die Türkenhäuser mit den vergitterten Fenstern machen einen freundlichen Eindruck durch ihre Hellen Farben. Selbst der Eindruck der Reinlichkeit wird durch das schmucke Aeußere der Häuser hervorgerufen. Doch sind dieselben zumeist aus Holz gebaut. An Stellen, wo man in Europa sicher einen zierlichen Restaurationsgarten mit Springbrunnen, Parkanlagen und einen Schild „Zur schönen Aussicht" angebracht hätte, sitzen Lcvantinerinnen und Türkinnen in nachlässiger Kleidung auf dem nackten Boden oder auf schmutzigen Strohstühlen und genießen das herrliche Naturschauspiel, ohne sich durch die Armseligkeit ihrer unmittelbaren Umgebung stören zu lasten. Der Dragoman führte uns mit dem Wagen zu einem Punkt, wo man den Dcldizkcosk und das Palais sehen konnte, das eigens für den deutschen Kaiser errichtet worden war. Wie Schnee glänzten die Gebäude zwischen dem tiefen Grün von Cypreffen und Platanen. Unter ihnen auf der blauen Flut lag mit bunten Wimpeln geschmückt, stolz die „Hoheuzollern", die kaiserliche Dacht. Dort sollten in diesem Augenblick die ersten Fäden zur Verwirklichung des Traumes von der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes geknüpft werden. Die Bedeutung dieser Stunden lastete schwer auf unseren Gemüthern. Während diese Bilder in unserer Erinnerung wieder auflebten, war es Abend geworden, von beiden Seiten rückten die Bergreihen zusammen und wir näherten uns dem Eingang zu den Dardanellen. (Fortsetzung folgt.) P Die GoWschilds. Roman aus dem Ende des. 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (27. Fortsetzung.) Karl Raphael ließ sich das nicht zweimal sagen. Rasch griff er nach seinem Hute und eilte auf die Straße. Durch das Auslagefenster nickte er dem hinter dem Ladentische stehenden Doctor noch einmal zu. Sein hübsches, aber bereits etwas zu fctrcs Gesicht verklärte die Freude, nun doch in die Kirche zu dürfen. Jedesmal, wenn er den grübelnden Jüngling von ehedem so ganz und gar in dem Cultus aufgehen sah, überschlich David eine stille, ernüchterte Wehmuth. .Immer mussie er dann jener romantischen Flitterwochen ihrer Freundschaft gedenken, in denen ihn die Seiltänzerkunst des Vetters auf metaphysischem Gebiete ost verblüfft hatte. Freilich hatte er bald erkannt, dass der feste, unerschütterliche Glaube, der aus dem Chaos der Widersprüche immer wieder einen Ausweg fand, nur den Ausfluß eines her: isch^n Bedürfnisses nach dem Großen, Geheimnisvollen und Starken bedeute. Aber gerade deshalb beschämte es ihn, wenn er sah, wie diese herrliche, poetische Sehnsucht in der Alltagspraxis eines