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Die Welt · 1898-12-02 · 48 (2.12.1898) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
48 (2.12.1898)
Article
Berlin
Date
1898-12-02
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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*■ Nr. 48 Seite Yi gottesdieust eingerichtet wissen will. Recht interessante Streiflichter auf die Empfindungen der Juden Berlins warfen die zahlreichen Wahlversammlungen, in denen namentlich auch seitens des Centralvereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde unter sehr großeor Beifall der Anwesenden aus die tief beschämende Thatsache hingewiesen wurde, wie aus den Gebetbüchern der Gemeinde gewaltsam die Erinnerung au Zion und Jerusalem ausgemerzt worden sei, während alle anderen Bekenntnisse mit ehrwürdiger Scheu nach jener. Stätten schauen, an denen einst die Wiege aller Religionen gestanden hat. Eine „Rückwärtsrevidierung" der Berliner Gebetbücher in dieser Richtung — sicher ein recht charakteristisches Zeichen der Zeit — soll in Aussicht stehen. Auch gegen ein weiteres Zurückdrängen der hebräischen Gebetssprache, „di: ein einigendes Band um die Juden des Erdenrundes schlinget wurde von verschiedenen Seiten aufs Schärfste Protestier:. Recht dankenswert erscheint ferner die Programmaufforderung des Centralvereins, das Steuerminimum von 6 Mark (immerhin ein Drittel des Steuerminimums der Wiener Cultusgemeinde!!) auf S Mark herabzusetzen, um so auch dm Aermsten die Möglichkeit zu geben, Steuer zu bezahlen urd damit die Institutionen der Gemeinde als vollberechtigte Mitglieder zu benützen, anstatt wie bisher unter dem bedrückenden Gefühl, eine Art Almosen zu erhalten. Wie die Wahlen ausgefallen sind, wird bei dem einigermaßen umständlichen Auszählungsmodus, der in Berlin herrsät, erst in einigen Tagen zu erfahren sein. Rumänien. Bukarest. Vorige Woche fand hier die Eröffnung des jüdischen Gymnasiums statt. In Anwesenheit ter hiesigen jüdischen Elite begann die Feierlichkeit mit der 2bsingung des Einweihungspsalmes 30 durch den Cantor Hern Weiß, worauf Herr Dr. Beck eine Festrede in rumänisqer Sprache hielt. Der Redner sprach in begeisterten Worten oie Hoffnung aus, dass die Zöglinge dieser Anstalt nicht nur zu gebildeten Menschen, sondern auch zu gebildetenNatioialjuden werden erzogen werden. Seine Ausführungen fanden len ungetheilten Beifall der Anwesenden. Hieraus bestieg Hrr Dr. S ch a ch m a n die Tribüne, besprach das Vorgehen >er Regierung, die 113 Schüler aus den staatlichen Schulen ms keinem anderen Grunde ausgeschloffen habe, als weil sie Ju»en seien, und forderte das Publikum auf, diese jüdische An:alt nach Kräften zu unterstützen. Er dankte den Universitätshöern für ihre Opferwilligkeit und den Entschluss, an diesem Gynnasium unentgeltlichen Unterricht zu ertheilen. Nachdem noch .‘'err Cantor Weiß den Psalm 100 gesungen hatte, schloss äerr Dr. Beck die Feier mit einem Gebete für den König. Eine -von Herrn Adolf Salomon eingeleitete Subscription egab ein Resultat von 1600 Francs. („Hajoetz“) Frankreich. Paris. In Paris wird jetzt die Revision der Revsion von den Generalstabslenten versucht. Nach den empfindlhen Niederlagen, die sie sich bereits geholt haben, suchen die Esterhazysten jetzt durch Zurlinden einen Schlag agen Picquärt und damit gegen die Revision zu führen. Zurlinden hat die Affaire Picquärt dem Militärgerichte zugenesen und dieses soll den Process noch vor der Entscheidung des Caffationshofes zu Ende führen. Da man hofft, bei den Mitärrichtern die Berurcheilung Picquarts durchzusetzen, so läre damit jedenfalls das Eine erreicht, dass neuerdings eine Mlose Verwirrung in den Köpfen der Franzosen angerichtet wrde, aus welcher sich gegen Dreyfus und Picquärt Capital schrgen ließe. Die Revisionisten sind aber nicht gewillt, sich neder durch eine Jntrigue um die Früchte ihres opfervollen Karpfes bringen zu lassen. Sie interpellierten den Kriegsmnster de Freycinet über die Verfügung des Militärgouverrurs. Allerdings interpellierten auch die Antisemiten mit der Asicht, durch eine lärmende Demonstration das Ministerium inzuschüchtern. Aber weder D u p ü y, noch seine Collegen sind geneigt, sich von dem Wege des Rechtes abdrängen zu lassen. In außerordentlich kluger Weise erklärte Freycinet, man werde an der Anordnung Zurlindeas nichts ändern, wohl aber stehe dem Caffationshofe das Recht zu, die Acten des Proceffes Picquärt abzufordern, wenn man sie zur Aufklärung benöthige. Damit ist die Thätigkeit des Militärgerichtes, das am 12. December znsammentreten sollte, verschoben, und die Entscheidung des Caffationshofes wird vor der Urtheilssällung des Militärgerichtes erfolgen können. Kammer und Senat nahmen die Erklärungen des Ministeriums mit Beifall zur Kenntnis. Bekanntlich war Dupuy Ministerpräsident, als Dreyfus verhaftet wurde. Als interessantes Moment der Kammerverhandlung mag die Erklärung des damaligen Ministers Poincarös erscheinen, dass weder er noch seine Ministercollegen von der Verhaftung früher verständigt worden waren und sich plötzlich einem fait accompli gegenüber sahen. Großes Aufsehen erregte auch die Interpellation des Senators Monis in der Sitzung vom 29. Monis verlangte Garantien, dass der Cassativnshvf die Acten des Proceffes Picquärt dem Militärgerichte abverlangen werde. In einer kurzen aber glänzenden Rede begründete Monis seine Interpellation. Dupuy antwortete, indem er die Erklärung verlas, welche er am Vortage in der Kammer abgegeben hatte, und versicherte, dass der Caffationshos die Acten fordern und erhalten werde. Damit seien die unbegrenzten Befugnisse des Caffationshofes anerkannt und gesichert. Nach dieser Erklärung darf man wenigstens die Hoffnung hegen, dass nicht unerwartete Ueberraschungen den Gang der Untersuchungen des obersten Gerichtshofes stören werden. England. Lvndvn, 25. November. Dr. Adler hat eirdlich der Welt die Gründe zu wissen gethan, aus denen er sich für den Antizionismus entschieden hat. Seine langen Auseinandersetzungen lassen sich kurz charakterisieren: nichts Neues, wenig Wahres. Das findet nicht nur Ihr Correspondent, dem man noch Parteilichkeit und Befangenheit zumuthen könnte. Auch Leute, die in Dr. Adler ihren geistigen Führer sehen, finden seine Argumente schwächlich. — Gestern Nacht behandelte Mr. Oswald I. Simon die zionistische Frage im Norden von London, und Ihr Correspondent hatte nicht bloß die Genugthuung, mit einem bedeutenden Führer der Antizionisten die Waffen zu kreuzen, sondern gewann auch aus den Beifallskundgebungen der Zuhörer die Ueberzeugung, eine gut zionistisch gesinnte Versammlung vor sich zu haben. Diese Haltung der jüdischen Mittelclasse, die durch Geburt und Gesellschaftsbeziehungen „englischer" als der East End ist, war für mich und andere anwesende Zionisten eine entzückende Offenbarung, die mich für die Zukunft mehr erwarten lässt, als ich je. zu hoffen ^gewagt. Unser Erfolg beginnt auch auf die Hartnäckigen einzuÄirken und die Judenschaft der Provinzen aus unsere Seite.zu bringen — was gerade auf die niedrigen Angriffe. zurückzuführen ist, deren Gegenstand wir in letzter Zeit öfters' gewesen. Mr. Simon kündigte eine große Protestversammlung im East End an. Wenn Dr. Adler und feine Freunde den Muth haben, in die öffentliche Discussion einzutreten, so werden sie die Gesinnung der East End-Leute in einer jeden Zweifel ausschließenden Weise kennen lernen. Afrika. Transvaal. Wir hatten schon mehrmals Gelegenheit, unseren Brüdern zu beweisen, dass..wir von unserem entlegenen Erdwinkel aus an der Gesammtarbeit des zum Congresse haltenden Volks thätigen Antheil nehmen. Aus aller Welt hierher versprengt und unter einem Volke lebend, das stolz aus seine Abstammung und eiftig in der Pflege seiner nationalen Eigenheiten ist, haben wir ftühzeitig im Zionismus das zugleich praktische und ehrenvolle Mittel erkannt, das uns die achtunggebietende Einigkeit zu verleihen vermag. Wo uns die gemeinsamen Interessen der nationalen Zukunft zur Arbeit rufen, heben wir fteiwillig alle Rangs- und Elaffenunterschiede auf. Wenn die Leute in Europa vom Transvaal sprechen, dann tauchen in ihrer Phantasie schimmernde

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