Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 48 (2.12.1898)
- Article
- Blätterstimmen [Kommentar]
- Date
- 1898-12-02
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Vlr. 48 Zerre 9 In ähnlicher Weise äußert sich der „New-I ork Herald". Die „Saint-James Gazette" bespricht ebenfalls die Wichtigkeit des Empfanges der zionistischen Deputation in günstiger Weise und schließt ihre Bemerkungen folgendermaßen: Sert langer Zeit bereitet die jüdische Frage den Staatsmännern Europa's ernste Sorgen. Wenn die weiteren Erfolge Dr. Herzl's auf der Höhe der bereits erreichten sich behaupten, so ist die lang gesuchte Lösung endgiltig gefunden. G Zionismus im Westend. London, 28. November. Mr. I. Selig man, der bekannte Chef des großen anglo-amerikanischen Bankhauses, führte gestern den Vorsitz in einer Versammlung im Westend von London. Die Versammlung beschloss die Gründung einer neuen zionistischen Vereinigung im Westend, auf Grund des Baseler Programmes. Ausgezeichnete Reden wurden gehalten. Hervorgehoben sei die des Chiefrabbi Dr. G a st e r, welcher die irreführenden Berichte des r.Jewish Chronicle“, die von einem Unbekannten aus Wien gegen die zionistische Bewegung gerichtet werden, erwähnte. Der Verlauf der Versammlung war ein enthusiastischer. — Sir Francis Montefiore. der Großneffe des berühmten Sir Moses Montefiore, wurde über die zionistische Bewegung befragt und gab eine Erklärung zugunsten derselben ab. J. de H. W Drcqsus im Ghetto. Jenes bedeutende Ereignis, welches das große Frankreich, das Land, wo die Cultur sozusagen mit den Löffeln gegessen wird, in Aufruhr brachte und alle Welt in Athem hält, hat auch das Interesse des russischen Ghetto gänzlich in Anspruch genommen. Ich spreche von einem besonderen Ghetto, weil thatsächlich ein solches existiert. Der Ansiedlungsrayon kann nicht anders bezeichnet werden. Die Bewohner des Ghetto leben mit eigenen geistigen Interessen und bilden ein besonderes Gemeinwesen. Wenn sie manchmal auch Fremdes importieren, so verändern sie sofort das Importierte bis zur Unkennlichkeit. Diese Ghettojuden sind trotz aller verschiedenartigen „wirtschaftlichen" Behauptungen echte Urenkel Abrahams, Isaaks und Jakobs. Leider bildet dieses Ghetto mit seinem Leben und Leiden, Thun und Lasten, für alle Welt eine terra incognita. Niemand kennt das Ghetto und all das, was in ihm vorgeht. Niemand kennt den Kampf der Traditionen und der nach Geltung ringenden Anschauungen der Neuzeit. Der Streit der „Väter und Söhne'", der bei den Juden besonders heftig ausbricht, da sich hier zwei Wellen gegenüberstehen, ist fast überall unbekannt. Niemand hat auch nur eine Ahnung von der national-socialen Entwicklung, von den Lebenssäften des Ghetto, von seinen Freuden und Leiden. Und doch bildet dieses Ghetto, wie ich schon vorher gesagt habe, eine Welt für sich. Der stramme, tactvolle, tolerante, ästhetische Arier versteht unterdemBegriff „Ghetto": Feigheit, Tactlosigkeit, Intoleranz und — Schmutz. Ja es gibt im Aeußeren des Ghetto eine Dosis des Schmutzes, des Abstoßenden; aber einen Schmutz, über den eine mehrbändige Aesthetik geschrieben werden könnte. Diese arme jüdische, von der Welt wie losgelöste Masse hat noch, um mich biblisch auszudrücken, das Abbild Gottes aufbewahrt. Warum wir keine specielle Ghettokunst besitzen, werden wir vielleicht ein anderesmal zu erörtern suchen. Jetzt gilt es zu constatieren, dass es keine gibt. Wenn die Künstler einmal kommen werden, dann werden sie ohne Zweifel die Welt in Erstaunen setzen. Die Ghettohelden sind nicht nur ein hungriges Gesindel, sondern auch himmelanstürmende Idealisten, und gar mancher erinnert an die mittelalterlichen Märtyrer. Diese Helden sind nur in den arbeitenden Elasten, in der unterjochten, umhergejagten Maste zu suchen und nicht in dem behaglichen Mittelstände. Bon den einigen „Ueberreichen" gar nicht zu sprechen. Die Folgen des Golus sind nicht ausgeblieben, und leider muss das jüdische Volk viele Schmarotzer auf seinem Organismus aufziehen. Z an gwills Held im „ChadGadja" ist nicht einUnicum. Ec hat viele Lcidensbrüder. Das Gerechtigkeitsgefühl, das einen Zug des jüdischen Charcckters bildet, ist besonders im Ghetto zu beobachten. Diesem Gefühle ist es zuzuschreiben, dass die Ghettojuden sich so lebhaft für die Dreyfus-Affaire interessieren. Wir lasten es dahingestellt sein, ob dieses Gerechtigkeitsgefühl durch das zweitausendjährige systematisch an den Juden begangene Unrecht sich herausgebildet hat oder schon durch unsere Lehre, welche der Gerechtigkeit so sehr huldigt, unserem Volke eingeimpst worden ist. Das Ghetto begann sich für die Dreyfus-Affaire zu interessieren von dem Momente an, da es erfuhr, dass Dreyfus mit Unrecht verurtheilt wurde, und dass sein Judenthum viel an seinem Unglücke schuld sei. Kein Voll hat mit einer solchen Gier und Erregtheit den Verlauf des Processes verfolgt, wie die Ghettojuden. Der Ghettojude weiß ganz genau, dass er von seinen westeuropäischen „Glaubensgenossen" nicht besonders hoch geschätzt wird, dass er von ihnen gewöhnlich nichts zu erwarten hat; doch weiß er, dass auch ihnen ein Unglück oder Missgeschick oft nur deshalb zustößt, weilsie Judensind. Seit einem ganzen Jahre ist die Dreyfus-Affaire die wichligste Angelegenheit des Ghetto. Seitdem Picquart verhaftet wurde, ist er der Held des Tages. Mit innigem Mitgefühl bedauern sie seine Einkerkerung. Zola, Labori, Trarieux, das sind alles Namen, die jedem Juden geläufig sind. In jedem Judenhause sind auf der Wand die Bilder Dreyfus', Zolas, Laboris in einer Reihe mit denen Herzls und Nordaus aufgehängt — In den Synagogen, Gebethäusern, „Minjanim“, überall wird über die Affaire mit großer Wärme debattiert. Jede Synagoge hat ihren autoritativen Zeitungslcser, welcher hastig alle Neuigkeiten seinen aufmerksamen Hörern überbringt. Viele fromme Juden eilen des Morgens nach der Post, um bei den Briefträgern die Zeitung ftüher zu empfangen. Ter „Kurjer Warschawski“ wird förmlich studiert, mit Heißhunger verschlungen. Jeder Jude liest die „polnische" Zeitung mit Selbstzuftiedenheit. In manche Synagoge bringt der Zeitungsleser die Zeitung mit, um nöthigensalls seine Gegner „schwarz auf weiß" von der Richtigkeit seiner Geschichtchen zu überzeugen. Natürlich geschieht es nur in Fällen, wo besonders interessante Neuigkeiten da sind. Am „Jom-Kipur“ sogar hat mancher die Gebetspausen mit Zeitungslesen verbracht. Ich kenne einen Juden, der „Jom- Kipur“ abends, nachdem er schon 24 Stunden fastend in der Synagoge zugebracht hatte, nicht nach Hause gieng, seinen Hunger zu stillen, sondern zur Post eilte, um eine „ftische" Zeitung zu bekommen. — So sind auch viele da, welche die Reden Zolas und Laboris auswendig kennen. Ein Armer, der sich in einem Hause ein Almosen erbettelte, wünschte dem Wirte, „dass der unschuldige Dreyfus ftei von der Teufelsinsel zu den Seinigen in Bälde kommen solle". — Die hebräischen Zeitungen verstehen dem Wunsche ihrer Leser entgegenzukommen. Besonders die *Hazefirah". In jeder Nummer bringt sie spaltenlange Artllel über die Dreyfus- Affaire. Auch die jüdischen Kinder, die „kleinen Juden"", wissen von einer Dreyfus-Affaire untereinander zu sprechen. Als Zola zu einem Jahr Gefängnis und 3000 Francs Geldbuße verurtheilt worden war, meinten die „Kleinen", dass Zola zur lebenslänglichen Verbannung nach dem „französischen" Sibirien verurtheilt worden sei, und waren ganz niedergeschlagen. Außerdem ist eine ganze große Dreyfus-Literatur entstanden. Hauptsächlich im Jargon. Es sind wenige Werke da, welche in rein sachlicher Form die Angelegenheit darlegen wollen; dagegen sind unzählige Romane „gemacht" worden, mit Illustrationen, welche die Teufelsinsel, Madam: Dreyfus, Zola auf der Anklagebank :c. darstellen. Diese Romane sind eine Art „Hintertreppenromane"", wie sie in Deutschland zur großen Verbreitung gelangt sind. Aus den Marktplätzen kann man ein hübsches Bild beobachten. Die Verkäuferinnen sitzen in Reih' und Glied, versenkt in die Lebensschicksale eines „interestanten" Dreyfus-Romanhelden. Diese eigenartigen Leserinnen bekommen Lust, auch mit den Romanen des Zola Bekanntschaft zu machen.