Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 48 (2.12.1898)
- Article
- Wieder Dr. Adler
- Date
- 1898-12-02
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 JPksJrWtT Nr. 48 ob wir sein Gerede ernst nahmen. Er hat stch und seine Hintermänner für Dr. Herzl's Londoner Eastend-Rede gegen die P:o!estrabbiner und Protestbanquiers zu rächen versucht. Die Frage ist nur, wie lange sich die große Masse der Gemeinde, die Herrn ' Adler entlohnt, noch diesen Missbrauch der Kanzel für die Zwecke einer kleinen schädlichen Eoterie gefallen lassen wird. X. V SlättcrSimmcn. Die „Eorrespondance de l'Est", deren intime Beziehungen zur türkischen Regierung wohlbekannt sind, bringt in ihrer Nummer vom 26. November folgenden Leitartikel: Durch die in der „Eorrespondance de l'Est" erschienenen Publieationen hat man es letzthin erfahren, welche Eindrücke die Mitglieder der zionistischen Abordnung, die zum Kaiser Wilhelm nach Jerusalem entsendet worden war, aus Palästina znrückgebracht haben, und wie hoch sie die jüdische Eolonisation in diesem Lande schätzen. Aus diesen Eindrücken ergiebt sich sonnenklar: 1. Dass die zionistischen Delegierten, indem sie die unermesslichen Hilfsquellen und die großartigen Vorzüge aller Art einer palästinensischen Eolonisation im großen Stile vollständig anerkennen, einmüthig die Hindernisse der Kleincolonisation hervorheben, wie sie jetzt durch unbemerktes vereinzeltes Eindringen mancher Gruppen europäischer Juden in Eolonien stattfindet, ohne legale Garantien, ohne genügende Hilfsmittel, sich angemessen zu organisieren und gegen die mannigfachen Schwierigkeiten des Bodens und Klimas anzukämpfen. 2. Dass sie die Eolonisation im Großen, durch massenhafte Einwanderung des ganzen jüdischen Volkes in Palästina, unter Stimulierung von öffentlich rechtlichen Garantien und im Einverständnis mit der Türkei nicht nur als das Mittel ansehen, das Land in ein Paradies zu verwandeln, indem sie die von ihnen bezeichnelen Hindernisse und Mängel verschwinden macht und gleichzeitig das jüdische Volk in ein neues zur Höhe der vorgeschrittensten Völker erhobenes umgestaltet, sondern auch als das einzige Mittel, um die durch das allmälige Vorrücken der Meeresdünen, durch die Ausbreitung des Sumpfbodens und die Verminderung des Anbaues und der productiven Kraft dieses wundervollen Bodens drohende Verwüstung des Landes zu verhindern. 3. Dass sie constatiereu konnten, welche unermesslichen Vortheile für die Türkei, für die Civilisation resultieren würden aus der praktischen Durchführung der Eolonisation im großen Stile durch die legal organisierte Installierung der ganzen jüdischen Nation auf dem geheiligten Boden. Diese Installation würde dem heiligen Lande zum großartigsten Vortheil gereichen durch den Zufluss von Eapitalien, welche die jüdische Nation herbeibrächte, und durch diesen Zufluss ihrer immensen Mittel für die ökonomische, industrielle, landwirtschaftliche und finanzielle Umwandlung des Landes würde dieses in ein veritables Eden, in ein wirkliches Eldorado umgestatzjrt werden. Man sieht also, dass die zionistischen Deputierten von ihrer Reise die tiefe Ueberzeugung mitgebracht haben, dass diese Eolonisation im großen «stile betrieben werden solle, nicht nur im besonderen Interesse der Türkei, des jüdischen Volkes, des Landes und der Eivilisation, sondern auch im Interesse der ganzen Welt, welche bei dieser vollständigen Umwandlung eines von Statur ebenso reichen als fruchtbaren Landes und bei der definitiven Consolidierung des ottomanischen Reiches, welches die Eonsequenz alles dessen wäre, nur gewinnen kann. Sie haben auch aus dem Orient die sichere Ueberzeugung heimgebracht, dass diese Eolonisation und die Realisierung der Hauptpunkte des Zionismus in einer mehr oder weniger nahen Zukunft nothwendigerweise stattfinden werde, und dass die türkische Regiernng wahrscheinlich vor allen anderen alle diese Wohlthaten und die unberechenbaren Vortheile erkennen werde, die ihr die Realsierung dieser grandiosen Idee verschaffen würde. Endlich ist es aus ihren Berichten ersichtlich für alle die: jenigen, die ein wenig zwischen den Zeilen lesen können, dass sie einen großen Theil ihres Vertrauens in die mehr oder weniger kundgegebene Unterstützung setzen, die der deutsche Kaiser ihnen zu gewähren geneigt schien; dass sie es verstanden haben, ernstlich sein Interesse zu erregen und ihn für ihre Sache zu gewinnen; dass er kam, um an Ort und Stelle diese Sache in ihrer Gänze und ihren Details zu studieren; dass er mehr als jeder andere das immense Interesse erfasst habe, das die Türkei, Deutschland und Europa, ja die ganze Welt an der Erfüllung der großen und glänzenden, vollständig friedlichen und unpolitischen Fortschritte des Zionismus haben müssten. Es ist ersichtlich, dass die Delegierten das begründete Vertrauen haben, dass er ihnen nach Maß des Möglichen und klugerweise Ausführbaren seine ganze mächtige Hilfe leihen werde, um zu dieser Realisierung zu gelangen, deren ungeheuere Resultate für das Wohl, das Aufblühen und die Eonsolidierung des türkischen Reiches, für die unberechenbare Ausbreitung der Eiv.lisation, der Industrie und des Handels Europas und Deutschlands insbesonders, für die Aufrechterhaltung des Friedens, für die Wohlfahrt der ganzen Welt er mit dem mächtigen Blicke eines Staatsmannes erster Größe im Fluge erkannte. Man kann daher nur mit ebensolchem Vertrauen den neuen Marsch und die unablässige Entwicklung der zionistischen Bewegung, ihrer jetzt mehr als je zuvor leidenschaftlichen Bemühungen um die Erreichung chres vollständigen Zieles und ihrer bewunderungswürdigen Conception erwarten; und man darf hoffen, dass die türkische Regierung, einmal aufgeklärt über die Tragweite dieser Frage, über die ungeheuer vortheilhasten Eonsequenzen, die für sie daraus resultieren, sich beeilen wird, ihrerseits aufs beste die Action dieser tapferen Pionniere der Eivilisation, ihrer besten Stützen in der Zukunft, zu begünstigen und dass sie mit. Sorgfalt all die Hinderniffe entfernen wird, welche sich noch der Ausführung des aussichtsvollen Planes der Eolonisation im Großen entgegenstellen, einer Eolonisation, wie sie von diesen Deputierten verstanden und beschrieben worden war. Seine Majestät der Sultan und seine besten Rathgeber sind zu aufgeklärt, zu intelligent, zu sehr bedacht und unterrichtet, um länger den epectiven Consequenzen dieser Bewegung für die höchste Wohlfahrt ihres Reiches sich zu verschließen und ihr demzufolge einen Widerstand entgegenzusetzen, den nichts mehr rechtfertigen würde, und der nur zu ihrem eigenen großen Nachtheil und Schaden dienen würde. So wird also bald die diplomatische Action dazu führen, den Zionismus in den Rang und die Zahl der interessantesten und zur raschesten Lösung drängenden europäischen Fragen einzureihen und seine nahe, definitive, unverzügliche Lösung zu sichern. Die „Neue preußische Kreuzzeitung" widmet unter dem Titel „Zionistische Wünsche" der Palästinareise des deutschen Kaisers einen langen Artikel, in welchem der Empfang Dr. Herzl's und der zionistischen Abordnung registriert uno daran die Besprechung der Brochure eines Anonymus („Der Protestantismns als Weltmacht" von Saulus) geknüpft wird. Wir wissen nicht, wer dieser -aulus ist. Dr. Herz! hat dem Redactenr der „N. Pr. Ztg." folgende Berichtigung zugeschickt; Sehr geehrter Herr! In der Ausgabe vom 25. November Ihres geschätzten Blattes lese ich einen Artikel „Zionistische Wünsche", der an eine von „Saulus" verfasste Brochure anknüpfend sich mit der zionistischen Bewegung beschäftigt. Da Sie in dem Aufsätze selbst meine Theilnahme an dieser Bewegung erwähnen, werden Sie vielleicht auch die Freundlichkeit haben, mich zur Einsendung einer Berichtigung als legitimiert anzusehen. Ich kenne die Schrift von „Saulus" nicht, ich habe von dieser Publication überhaupt nichts gewusst, bevor ich Ihren Artikel zu Gesicht bekam, und ich muß die Solidarität mit diesem Unbekannten ganz entschieden ab lehnen. Tactlose Angriffe auf die katholische Kirche, wie sie nach Ihrer Schilderung in der Saulus- Schrift Vorkommen, haben weder meine Freunde, noch ich jemals unternommen, und wer mit dem Sinn und Gang unserer Bewegung auch nur einigermaßen vertraut ist, weiß, dass es uns vollkommen ferne liegt, die schuldige Achtung vor anderen Bekenntniffen zu verletzen. Wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen, meine Erklärungen in der „Welt" nachzulesen, die nach der Rückkehr aus Palästina veröffentlicht wurden, wird sich Ihnen die Ueberzeugung aufdrängen. daß wir Zionisten mit dem Gedankenganae des Herrn Saulus, wie Sie ihn wiedergeben, nichts gemein haben. Jch überlasse es Ihrer Loyalität, von diesen Zeilen den Ihnen angemessen scheinenden Gebrauch zu machen und bin mit vorzüglichster Hochachtung Ihr ganz ergebener Dr. Theodor Herzl. Diese Erklärung wird hoffentlich auch die „Kreuzzeitung" zu einer Eorrectur ihrer Ausführungen veranlassen. Der „Daily Mail" schreibt in seiner Nummer vom l9. November: „Die neueste Phase in der nicht zur Ruhe kommenden östlichen Frage, auf welche wir neulich in unserer Besprechung der zionistischen Bewegung hinwiesen, beginnt die Aufmerksamkeit der Presse zu erregen. Vergangene Woche war es der „Spectator", welcher der zutage getretenen besonderen Freundschaft zwischen Ezar und Papst große Bedeutung für die politische Zukunft zusprach, und heute behandelt der gewöhnlich gut unterrichtete „Outlook" dasselbe Thema und versichert, dass die Krisis der Zukunft von den heiligen Stätten ausgehen werde. Gewiss ist die Frage ernster Erwägung wert, ob es nicht von Nutzen wäre, die zionistische Bewegung sich vor die kriegdroyenden Ambitionen der Völker stellen zu lassen und —c s'"r‘ <Tn-'-rvdrohenden Conflict abzuwenden."