Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 48 (2.12.1898)
- Article
- Ein rabbinisches Gutachten über den Zionismus
- Date
- 1898-12-02
- Page
- 7 (sequence 1)
- Language
- German
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1%. 48 j*OW<jr Seite 7 Gin rabbirnsches Gutachten über den Zionismus. Ich gehöre nicht zn denjenigen, welche sich einbilden, dass culturelle, politische oder sociale Fragen durch geistreiche Theorien gelöst werden können. Das war eben der Fehler der Abwehr des Antisemitismus, dass man sich dem naiven Glauben hingab, durch Aussprüche berühmter Männer und durch ethische Auseinandersetzungen eine Bewegung zu bekämpfen, die tief im Gemüthsleben der Völker wurzelt. Eine Bewegung wie die zionistische kann man nur begründen, wenn man ihre historische und sociale Nothwendigkeit nachweist. Der Zionismus soll seine Existenzberechtigung durch seine Existenzfähigkeir bezeugen. Er soll an Stelle der Phrase die lebendige That setzen. Er soll den Schwindel der „Mission" beseitigen und den Selbsterhaltungstrieb der beim Volke so stark wie beim.einzelnen Individuum ist, zur Geltung bringen. Die Hauptaufgabe des Zionismus ist es, all die künstlichen Hindernisse aus dem Wege der natürlichen, organischen Entwicklung der Judenheit zu räumen..Der Zionismus wird siegen, nicht weil wir so prächtige Kerle sind, sondern weil die Gesetze dazu drängen. Die Verhältnisse und nicht die Denker schaffen die Ideen. Indessen, wir haben es heute größtenteils noch mit einer denkfaulen Gegnerschaft zu thun, der die Autorität alles und die Logik nichts bedeutet. Wenn eine Schar von „germanischen" Rabbinern, von der ein großer Theil hebräisch nur mit Hilfe des Lexikons zu lesen vermag, sich zu der Behauptung aufschwingt, der Zionismus stehe in Widerspruch zur Lehre des Judenthums, dann ist es wohl am Platze, die Unwissenheit und die Heuchelei dieser „Lehrer in Israel" zu geißeln. Es war daher ein glücklicher Gedanke, dass das Cemralcomitö der zionistischen Vereinigung für Deutschland beschlossen hat, die Gutachten berühmter Rabbiner über das Verhältnis der jüdischen Religion zum - Zionismus einzuholen. Das erste Gutachten ist von Sr. Ehrwürven Herrn Oberrabbiner Dr. Dünner cingegangen. Es lautet: Sehr geehrte Herren! In Ihrem werten Schreiben vom Juli 1S98 wünschen. toie meine Ansicht über zwei Fragen, in negativem und positivem »sinne zu kennen. Sie mögen entschuldigen, wenn ich die zwei Fragen in eine zusammenfasse und sie so formuliere: Ist das Ziel des Zionismus, die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina, vermittelst der zweckdienlichen Förderung der .Ansiedlung Palästinas mit füdischen Ackerbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden; eine Gliederung und Zusammenfallung der gesammten Judcnheit durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen nach Maßgabe der Landesgesetze; ferner Stärkung des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewusstseins; endlich vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungs-Zustimmungen, die für die Erreichung des erwähnten Zieles nöthig sind, im Widerspruch mit irgend einem Religionsgesetze des Judenthums, oder ist es vielmehr als ein gottgefälliges Stteben und eine religiöse Pflicht zu erachten? Der Grund dieser Formulierung Ihrer Frage dürfte Ihnen einleuchten, wenn Sie bedenken, dass der Ausdruck: Baseler Programm, der in Ihrer Frage den Cardinalpunkt bildet, für mich, der mit den Einzelheiten dieses -Programmes, wie es in Basel ausführlich entwickelt wurde, nicht vertraut ist, nicht ganz deutlich und klar erscheint. Enthält dasselbe aber, was die Grundgedanken bettifft, nichts anderes, als was in der mir ebenfalls zugeschickten gedruckten Beilage auf der ersten Seite auseinanderesetzt ist, dann dürfte wohl die Frage, wie ich sie formuliert abe, vollkommen Ihre Absicht mit der Fragestellung wiedergeben. Dieses Programm des Zionismus hat auf vielen Seilen eine ziemlich heftige Opposition hervorgerufen und unbegreifliche hartnäckige Anfeindungen erfahren. Man sieht in den Reihen der Gegner in dem Stteben nach Erreichung dieses Zieles einen Wiverspruch mit den messianischen Verheißungen des Judenthums. — Unsere Vorgeschlechter, von dem jüngsten ab bis in das graue Alterthum hinein, würden, wenn irgend eine jüdische Autoritär ein solches Ziel und solche Mittel, von Zeitgenossen unternommen, als religionswidrig gekennzeichnet hätte, mit nicht geringem Erstaunen aufgesehen haben. Wie? Die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina sei eine Negierung der nreffianischen Verheißungen? Unmöglich hätte dieser Gedanke in unseren Ahnen aufkommen können.—Selbst die Stiftung eines jüdischen Staats im heiligen Lande würden sie, wenn sie nicht auf revolutionärem Wege, sondern mit Bewilligung der Landesregierung zustande käme, als das höchste Glück betrachtet haben. Schon deshalb, weil ein großer, allerwichtigster Theil unserer Religionsgesetze nur in diesem zur Ausführung und Realisierung kommen kann. Auch die in dieser Beziehung ganz alleinstehende babylonische Autorität im zweiten Amoraimgcschlechte, die die Einwanderung babylonischer Juden in Palästina für ein religiöses Vergehen hielt, würde aus dem angegebenen Grunde mit Freuden den Pilgerstab ergriffen haben, wenn den damaligen Juden, wie zur Zeit des Cyrus, die Rückkehr und der Wiederaufbau des Tempels auf legalem Wege möglich gewesen wäre. Gewiss, die Stiftung eines jüdischen Staates in Palästina in unseren Tagen würde ebensowenig, wie bei der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft unter Serubabel, eine Erfüllung der mesfianischen Verheißungen bedeuten. Unsere Zeit ist ja von der menschlichen Vollkommenheit, die von den Propheten als unerlässliche Bedingung der messianisch reifen Menschheit hingestellt wird, noch sehr weit entfernt. Allein, schließen denn zwei Begriffe, weil sie verschieden sind, einander aus? Wenn nun die letzten Propheten, die Männer der „großen Versammlung" und so viele unzählige jüdische Größen während des zweiten Tempels dennoch in dem Bestehen eines jüdischen Staates, ohne dass die mesfianischen Verheißungen eingettoffen waren, keine Negierung derselben erblickt haben, so dürfen wir heute einem analogen Bestreben gewiss nicht den Stempel der Religionswidrigkeit aufdrücken. Wie kommt es aber, dass Ihr Programm auch auf frommer Seite mit Entschiedenheit verworfen wird? Welchem Umstande ist diese Begriffsverwechslung zuzuschreibcn? In erster Linie liegt die Ursache dieser Gegnerschaft in der Aengstiichkeit, die sich allgemein der jüdischen Gemüther bemächtigt hat durch die traurige Erfahrung, dass auch die edelsten Thaten unserer Stammesgenofsen von der unmenschlichen Zeitsttömung als Ausgeburt der Vaterlandslosigkeit verdächtigt werden. Von dieser Aengstiichkeit beherrscht, sehen auch die sonst klarblickenden Führer der Judenheit unbewusst auch da religiöse Vergehen, wo erhabene Empfindungen, die aus dem religiösen Leben fließen, sich ttästig äußern. Dann aber auch haben Sie, meine Herren, selbst nicht wenig zu dieser bedauerlichen Antipathie von erstecer Seite beigetragen. Ihrem Programm fehlt eine Bedingung, die allein imstande wäre, die Bedenken der muthigen, aber auch streng frommen Glaubensgenossen zu beseitigen. Der Zusatz, dass die Erreichung des Zieles sowoyl als die Anwendung der betreffenden Mittel nur in Uebereinstimmung mir dem jüdischen ttaditionellen Gesetze beabsichtigt und zur Ausführung gebracht werden dürfe, sollte in Ihrem Programm nichr fehlen. — Hiermit glaube ich Ihrem Wunsche entsprochen zu haben und zeichne ich Hochachtungsvoll D r. I. H. Dünner Oberrabbiner. Was werden die Herren Protesttabbiner in Deutschland nun sagen? Wir glauben, die Herren werden sich durch eine objective, ruhige Berrachtung in ihrer felsenfesten Sicherheit nicht erschüttern lassen. Sie wissen ja im Grunde selbst, dass sie weder im Namen der consequenten Judenheit, noch im Geiste des historischen Judenthums sprechen. Sie dienen lediglich der jüdischen Bourgeoisie, die seit Jahrzehnten im Lager des Jndifferentismus das Scepter schwingt. Wahrscheinlich werden unsere waschechten germanischen Rabbiner antworten, dass für sie das Gurachren eines ausländischen Rabbiners wertlos sei. Nun, wir wollen ihnen nächstens auch mit Gutachten deutscher Rabbiner aufwarten. F. 8. W Wieder Dr. Adler. Wien, 30. November. Der Londoner Rabbiner Adler, dessen heuchlerische Declamationen gegen den Zionismus man schon kennt, hat sich wieder einmal vernehmen lassen. Er missbrauchte für diesen Zweck die Kanzel der North London Synagoge, wo er eine Sabbathpredigt hielt, die von unwürdigen Angriffen, Verleumdungen, Unterstellungen geradezu strotzt. Dazu verdrehte dieser Comödiant in gewohnter Weise die Augen, betheuerte seinen naturalrsierten Patriotismus, legte Bibelverse falsch aus, und das ganze schmähliche Gewäsch wurde unter dem Titel „Religiöser gegen politischen Zionismus" veröffentlicht. Dass von wahrhaft religiöser Seite gegen unsere Bewegung nicht nur nichts einzuwenden ist, sondern dass sie die volle Hingebung verdient, ist durch die maßgebenden Gutachten und das activc Beispiel gerade der Frömmsten unter den Orthodoxen, wie unser unvergesslicher Mohilewer Einer war, vollkommen erhärtet. Ein Mann von unbestrittener Autorität, der Londoner Chief-Rabbi Dr. Gaster, gehört zu den Führern unserer Bewegung. Es ist also einfach eine Keckheit, wenn Adler als ausschließlicher Pächter der religiösen Grundsätze des Judenthums auftritt. Dass er sich im Uebrigcn als der Dienstmann einer Clique verwenden lässt, der unsere gesunde, volksthüryliche Bewegung ein Dorn im Auge ist, wird uns nicht weiter wundern. Das Judenthum vom Einflüsse solcher Leute zu befreien, wird wohl eines der unvergänglichsten Verdienste des Zionismus werden. In eine Widerlegung der einzelnen. Punkte des Adler'schen Gesalbaders einzuaehen, halten mit nicht der Mühe wert. Erstens hat er alle seine alten aä Ldsurclum geführten Mätzchen wiederholt. Zweitens könnte unsere Argumentation den Eindruck machen, als