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Die Welt · 1898-12-02 · 48 (2.12.1898) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
48 (2.12.1898)
Article
Die Mission des jüdischen Volkes
Date
1898-12-02
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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«r. 48 Seite 5 Hunderts hat ihn in die Religionsphilosophie eingeführt und das Reich Gottes als eine moralische Gemeinschaft von Menschen unter Tugendgesetzen bestimmt. Hier sehen wir wieder, wie altjüdische Gedarrkcm mächtig sich ausbreiten und zur geistigen Belebung der Völker, ihrer Religion und Wissenschaft beitragen. Die modernen Rabbinen haben diesen Gedanken zwar nur durch die moderne Philosophie kennen gelernt, aber sofort darin auch einen altjüdischen Gedanken erkannt und ihn daher gerne angenommen. Sie predigen das Reich Gottes, indem sie ihren Gläubigen Moralität und Humanität predigen. Was predigen und erstreben denn aber die Zionisten? Nicht auch ein Reich? Und soll das neue Reich der Juden nicht auch ein Reich der Moralität und Humanität sein? Wollen denn die Zionisten in Palästina nur einen elenden Polizei¬ oder Militär- oder Industriestaat bilden? Nicht vielmehr zugleich den Staat wahrer Cultur und reiner Humanität? Soll der neue Judenstaat nicht ein Reich sein, wo Wahrheit und Recht, Moralität und Cultur, Kunst und Wissenschaft, Freiheit und Wohlfahrt ihre Heimstätte haben? Wenn das neue Reich der Armen und Elenden den Gedrückten und Verfolgten eine rechtlich gesicherte Heimstätte bietet, gestützt durch eine weise, humane, sociale Gesetzgebung zum Zweck, die Wohlfahrt und Glückseligkeit Aller zu beschaffen, ist das nicht das Reich Gottes? Was ist denn der Unterschied zwischen dem, was die deutschen Rabbinen predigen und dem, was die Zionisten wollen und erstreben? Haben nicht Leide dasselbe Ziel? Wir können nur den Unterschied wahrnehmen, dass die Rabbinen dasselbe Ideal nur in adstraeto und im allgemeinen predigen, was die Zionisten in coneieto und in ganz bestimmter Weise realisieren wollen. Die Einen meinen, dieses Reich der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der socialen Ausgleichung, der Freiheit und Humanität, durch die bloße Predigt unter den Juden im Golus cmfcichten und ausbreiten zu können: die Anderen aber sind der Ueberzeugung, dass das jüdische Volk dieses Reich im Lande seiner Väter als wirkliches Reich gründen und einrichten müsse zunächst als sein Nationalreich. Das kann dann das Musterbild für andere Völker und Staaten werden, und so wird dann eine segensreiche Wirkung von diesem Reich auf die Menschheit ausgehen. Bietet also die Idee des Reiches Gottes nicht einen äußerst praktischen Einigungspunkt für alle Juden? Unter dem Reich Gottes braucht man sich und darf man sich ja keinen pfäffischen Kirchenstaat, keine Synagoge, keine Kirche denken, wo Priester regieren, sondern das Reich Gottes ist ein Reich, ein Staat, in welchem Staatsmänner regieren, aber allerdings nach dem göttlichen Gesetz der Wahrheit und Gerechtigkeit, der Liebe und Freiheit; also nach dem göttlichen Gesetz, das zugleich das Gesetz wahrer Humanität ist. Jedes Reich und jeder Staat, der nicht bloß in Gedanken existieren sondern Wirklichkeit haben soll, bedarf zum Leben und Gedeihen einer doppelten Grundlage: einer materiellen und einer geistigen, einer physischen und einer moralischen. Die Conditio sine qua non für den Bestand jedes Reiches und Staates sind die materiellen Machtmittel; in erster Linie eigenes Land, eigener Grund und Boden, dann ein einiges Volk, eine in sich gegründete Nation und endlich ein entsprechendes Nationalvermögen. Weil also die Zionisten ein wirkliches Reich, einen concreten Staat bilden wollen, darum haben sie sich in ganz sachgemäßer Weise als politische Partei oder Gesellschaft constituirt und haben sich als erstes Ziel vorgesetzt: Erwerbung einer rechtlich gesicherten Heimstätte, ein Land für ihr Volk. Ihr zweites Ziel ist die nationale Einigung ihres Volkes und endlich das dritte ist die Beschaffung eines National- und Colonisationsfonds. Praktischer und zielbewusster konnten sie ihr Werk nicht angreifen, wenn sie nicht bloße phantastische Schwärmer sein wollten. Und weil sie ein Reich gründen wollen, müssen sie auch eine politische Gesellschaft bleiben und dürfen sich davon nicht abbringen lassen. Sie haben ganz recht. wenn sie allem Drängen und allen Zumuthungen, sich als religiöse Gesellschaft zu constituieren, widerstehen. Das hieße sich selbst vernichten und auf Zweck und Ziel verzichten. Sie wollen ein Reich und einen Staat, also müssen sie politisch sein und handeln und ihrem politischen Ziele nachstreben. Aber jedes Reich und jeder Staat, der nicht bloß vegetieren und seiner Auflösung entgegengehen will, bedarf auch nicht minder als der materiellen Machtmittel, so der geistigen Machtmittel und des geistigen Lebens, idealer Principien, die das Denken, Fühlen und Wollen seiner Bürger bestimmen, in Function erhalten und ihnen die höchsten Lebenszwecke als Object ihrer Thätigkeit darbieten. Zu diesen Mitteln geistigen Lebens gehören Religion, Kunst, Wissenschaft und jegliche geistige Cultur. Auch dies haben die Zionisten nicht übersehen, sondern ernstlich erwogen und sich die geistige - Belebung und geistige Wiedergeburt ihres Volkes zur ernsten Aufgabe gesetzt. -Diese Aufgabe ist noch schwerer und größer, als das materielle Fundament des zukünftigen Staates zu legen. Hier ist ein Feld für intensiv geistige Bestrebungen gegeben und hier, ist die Mitarbeit aller jüdischen Geister er- . wünscht und nothwendig. Echt jüdischen Geist in den weiten Kreisen des jüdischen Volkes zu wecken und zu Pflegen zu dem. Zweck, das jüdische Volk tüchtig zu machen zum Reich Gottes, dem Judenstaat der Zukunft. Hier ist eine Aufgabe, wunderbar groß, erhaben, edel, des Schweißes aller Edlen und Weisen in Israel wert, ein Feld der Thätigkeit für alle, denen es um ideale Güter zu thun ist. Hier ist Arbeit genug für Rabbinen und Gelehrte, Künstler und Literaten, an denen das deutsche Judenthum so reich ist. Mögen sie Mitarbeiten am großen Ziel: an der geistigen Erneuerung und geistigen Wiedergeburt des vielfach so ins Aeußerliche, Materielle versunkenen jüdischen Volkes'. Und weil diese Arbeit nicht ins Blaue, Ziellose hinein gethan wird, sondern für ein concretes, praktisches Ziel, darum wird diese Arbeit nicht umsonst und unfruchtbar sein. Dass doch die Rabbinen Deutschlands, statt ihren Gläubigen immer nur von einer imaginären Mission ihres Volkes an Nichtjuden und Andersgläubige zu predigen, die große Mission am eigenen Volk praktisch und energisch in Angriff nehmen und als Zionisten Mitarbeiten wollten an der Wiedergeburt des jüdischen Geistes zu neuem Leben und neuer Kraft, sie würden sich den Dank und die Huldigung der ganzen jüdischen Nation erwerben! Hier ist der Boden, wo die Zionisten und die deutschen Rabbinen sich einigen können. Auf diesen Boden haben sich englische und amerikanische Rabbiner wie Dr. Güster und Dr. Gottheil gestellt und sind begeisterte Zionisten geworden, warum solltet: es die deutschen Rabbinen nicht auch thun? Wollten die deutschen Rabbinen bei chrem bloßen Gerede von einer Mission des jüdischen Volkes verbleiben, statt mit den Zionisten thätig an der Erneuerung jüdischen Geistes nach dem concreten Ziel hin zu arbeiten, der erwachende jüdische Volksgeist würde über sie wegschreiten als über müßige Glieder am jüdischen Volksleibe. Denn nachdem einmal die zionistische Bewegung doch auch die deutsche Judenheit ergriffen hat, wird sie auch hier lawinenartig wachsen und alles, was ihr entgegensteht, vom jüdischen Geistesboden wegfegen. Andererseits aber wäre es auch ein Schaden und Verlust für den Zionismus, wenn er fiir immer auf die Mitwirkung gerade der Höchstgebildeten der deutschen Judenheit Verzicht leisten müsste. Auf dem Boden der jüdischen Staats- und Reichsidee können also die Zionisten und ihre bisherigen Gegner sich wohl einigen, weil eben diese Idee eine politische, und eine moralische, eine materielle und eine geistige Seite hat, die gleichmäßig der Pflege und Förderung bedürfen. .Die Ideen sind die größten Machtmittel im Bernunftleben'"der Menschheit — auch die zionistische Idee, wenn sie thatkräftige und geistesmächtige Träger hat, wird ihre sieghafte Verwirklichung finden!

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