Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 48 (2.12.1898)
- Article
- [Ohne Titel] / E. R.
- Date
- 1898-12-02
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- address
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315791--09290-3364684- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
r <KsLe i Skr. 48 lebhaft an jene bekannte Anekdote: Der Bauer ist krank, der Jude bekommt die Schröpftöpfe, -und das Befinden eines dritten, des : Socialdemokraten, bessert fich. So gelingt den Juden ein peinliches Kunststück. Ohne einen Finger zu rühren, durch ihre bloße Existenz, verleiten sie den galizischen Bauer zur Verübung von Verbrechen. Dadurch gerathen die Juden in einen Ausnahmszustand, ihre staatsbürgerlichen Rechte werden durch Sensen und Knüttel arg eingeschränkt. Damit die Juden von diesem Ausnahmszustand befreit werden, muss der Ausnahmszustand über die Sensenmänner verhängt werden; damit die Freiheit der Juden von den Excedenten nicht erwürgt werde, muss die Freiheit der Excedenten in die Zwangsjacke gesteckt werden. Ein Ausnahmszustand wird durch den anderen ausgetrieben. Der galizische Bauer kommt aus die Anklagebank. Aber auch der Ministerpräsident, der die Juden vertheidigt hat.' Die galizischen Juden bewirken also durch ihr bloßes Athemholen folgendes: 1. Sie verhängen erst über sich, dann über halb Galizien den Ausnahmszustand. 2. Sie bringen ihre Angreifer und ihre Vertheidiger auf die Anklagebank 3. Sie entfachen eine Art Blutrache. — Es schlägt der Bauer den Juden. Es schlägt Thun den Bauer, weil er schlug den Juden. Es schlägt Daszynski den Thun, der da schlug den Bauer, der da schlug den Juden. Es schlägt Byk den Daszynski, der da schlug den Thun, der da schlug den Bauer, der da schlug den Juden. — Ganz wie in der Agada. Es ist wahrlich kein Vergnügen, durch bloßes Athemholen so viel Unheil anrichten zu müsien. Aus Ehina kommen einige Neuigkeiten, welche beweisen, dass die Söhne des Reichs der Mitte trotz ihrer viel verunglimpften Mauer auf keiner niedrigeren Culturstuse stehen als die Europäer. In Ehina hat man die Behausung von Christen angezündet und einen Missionär ermordet. Die Chinesen könnten also ganz gut galizische Bauern sein. In den Couloirs de? Abgeordnetenhauses, und zwar dort, wo die antisemitischen Abgeordneten zu lustwandeln pflegen, wurde ein Zettel mit der Inschrift „Kauft nicht bei Juden" angeklebt. Manche Blätter rügen das. Warum, ist nicht ersichtlich. Die antisemitischen Abgeordneten werden doch das, was sie in öffentlicher Sitzung ruhig aus sprechen dürfen, auch schriftlich im Abgeordnetenhause anbringen dürfen. Und außerdem ist das Plakat, welches die Leute ermuntert, nur bei Christen zu kaufen, für Reclamezwecke sehr gut geeignet. Wahrscheinlich will irgend ein antisemitischer. Abgeordneter die Parlamentsdiener aus sein wohleingerichtetes, billiges Lager von vorzüglichen Krägen, Unterhosen ec. .qusmerksam machen. Es sind wieder einige Ratten dem sinkenden Schiffe des französischen Generalstabes untreu geworden. Die Mitglieder des Cabinets Dupuy vom Jahre 1894 erklären in der französischen .Kammer, dass ihnen der .Generalstab seinerzeit nicht den geringsten Beweis von der Schuld. des/- Dreyfus übergeben habe. Wenn d.ie Herren Poincarö und Konsorten geschwiegen hätten, .so wären sie Ehrenmänner gebliebtzn^-^Mer Jahre lang haben .sich die Herren, auf dem sanften RuhekMn, das ihnen ihr böses .Gewissen gewährt hat, behaglich gedehnt, und jetzt, wo dem Generalstab die trüben Wässer dieser Affaire bis an den Mund gehen, erheben sich die biederen Herren und gestehen mit der Miene der Hintergangenen Unschuld, dass sie ebensolche Charaktere sind, wie Esterhazy und die anderen. Der Vorwurf, den Poincars dem Generalstab macht, ist eine schreiende, plumpe Selb'stanklage. Die Ratten benagen das-untergehende Schiff und sinken mit in das trübe Gewässer. Der Generalstab war von der Unschuld des Dreyfus überzeugt. Das Cabinet Dupuy war von der Schuld des Dreyfus nicht überzeugt. Das ist - so ziemlich dasselbe. Poincarö unterscheidet sich von Henry nur dadurch, dass er das Rasiermesser unbenützt im Etui liegen lässt. In Prag begeht man ein Trauerfest mit fteudigem Fanfarenklang. Sie feiern das 50jährige Wiegenfest der Freiheit von anno 1848 und bemerken nicht, dass die Schöne schon langst nicht mehr unter ihnen wandelt. — Venit mors velociter, rapit nos atroeiter . . . Bei. Banketten ertränken sie die Allerseelenstimmung. Es wird viel vom „Löwen der goldenen Freiheit" gesprochen, doch ein anderes Thier, welches freilich nur der Classe der Amphibien angehört, wäre mehr am Platze — der „Trauersalamander". Als sinniges Festspiel wurde im neuen deutschen Theater „Wilhelm Tell" gegeben. „Der Müller und sein Kind^ hätte besser gepasst. E. R. Dir jüdische kalomatbank. Alle Anfragen und Mittheilungen in der Banksache sind fortab zu adressieren - an den Secretär der Bank: Mr. James H. Loerve, Broad Street Avenue, London E. C. P 3« Million des jüdischen Volkes. Ein Wort zur Verständigung zwischen Zionisten und Antizionisten. Bon Schelomo be« David ha-Esrachi. (Schluß.) IV. Recapitulieren wir kurz, was wir bisher erreicht haben. Wir haben gesehen, alle Juden aller Zeiten erhoffen von der Zukunft des jüdischem Volkes eine segensreiche- Einwirkung aus die gelammte Menschheit. Wir haben weiter gefunden, dass es gar kein Widerspruch, sondern eine gegenseitige Ergänzung ist, wenn die Zionisten behaupten, für solche Einwirkung bedürfte das jüdische Volk nothwendig eines centralen Stützpunktes, eines eigenen Bodens, eigenen Reiches und eigener Freiheit, während die Antizioniften es betonen, dass zu einer solch universalen Wirksamkeit die Juden nothwendiger Weise auch über die ganze Erde und durch alle Völker verbreitet sein müssen. Jeder hat in seinem Theil Recht und nur dann Unrecht, wenn er die Propvsition des Anderen negiert. Aber kann sich die Verständigung noch weiter erstrecken? Werden beide Parteien sich auch über die Hauptsache einigen können? Nämlich darüber, worin die segensreiche Wirkung des jüdischen Volkes auf die. übrigen Völker bestehen wird, worin also seine, Mission dentt-Jnhalt nach besteht. Wenn darüber keine Einigung-erreichbar wäre, bliebe freilich nichts übrig, als dass eine Partei die'andere überwinden und zum Schweigen bringen müsste. Dann gäbe es einen Kampf ä l’outrance. Aber unseres Erachtens braucht es soweit nicht zu kommen. Where a will ihere a way. Versuchen wir, den Weg zu finden. Wer etwa in den Organen der deutschen Protestrabbinen schon solche Artikel gelesen hat, die sich auf „die Mission Israels" beziehen, wie solche Betrachtungen hin und wieder zu Festzeiten ans Licht treten, der wird schon bemerkt haben, dass die Rabbinen öfter als Gegenstand und Inhalt „der Mission Israels unteo den Völkern" angegeben haben, das jüdische Volk habe den Beruf, das Reich Gottes auf Erden auszurichten, und sie erklären dann diesen Begriff näher als das göttliche Reich der Wahrheit, des Rechtes und der Humanität. Wie sind die deutschen Rabbinen zu dieser Ansicht und Ausdrucksweise gekommen? „Reich Gottes", Llalkulli ' haseliamaim, ist ein altjüdischer Begriff, der seinen Stammbaum auf Psalmen und Propheten zurückführt. Bon da kam er ins Christenthum, wie 'denn die Christen alle Tage im „Unser Vater" beten: Dein Reich komme. Bon bier gieng er über in die neuere Philosophie. Kant, der Begründer der deutschen Philosphie unseres Jahr-