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Die Welt · 1898-12-02 · 48 (2.12.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
48 (2.12.1898)
Article
Ein Armutszeugnis
Date
1898-12-02
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Sh. 48 Es existiert in Wien ein Organ, die „Oesterreichische Wochenschrift" des Herrn Bloch. Dieses Blatt schmäht Woche um Woche die zionistische Bewegung und deren Leiter. Alle Verleumdungen, alle falschen Nachrichten, die gegen den Zionismus gerichtet sind, finden in diesem Blatte Unterkunft. Und dieses Blatt bezieht notorisch eine Subvention aus den Steuergeldern von: Cultusvorstande. Einer der Herren versuchte das in einer Wählerversammlung zu rechtfertigen. Am guten Glauben gerade dieses Sprechers ist nicht zu zweifeln, doch kennt er die Verhältnisse nicht gut. Er sagte, diese Subvention stelle ein Pauschale für die Kundmachungen der Gemeinde vor, und dafür habe der Vorstand an'der Bloch'schen Wochenschrift ein Sprachrohr. Wir haben nicht das Mindeste dagegen, dass der Vorstand sich ein „Sprachrohr" wählt, und dass er es in dieser Weise unterstützt. Es wird wohl richtig sein, dass ein Pauschale der Kundmachungen ökonomisch vortheilhafter ist, und ob die Bloch'sche „Wochenschrift", die «.Neuzeit" oder welches Blatt immer dazu genommen wird, ist uns gleichgiltig. Unseren Lesern brauchen wir nicht zu sagen, dass die „Welt" für ein solches Abkommen nicht zu haben wäre; wir sprechen jedenfalls unbefangen und ohne niederen Hintergedanken davon. Aber Eins darf der Vorstand nicht vergessen: durch das feste Verhältnis zur „Wochenschrift" wird diese bei den Gemeindemitgliedern accreditiert, die Unterstützung ist nicht nur eine materielle, sondern auch eine moralische. Wir wollen gar nicht untersuchen, wer davon den größeren Vortheil hat: das Blatt oder der Vorstand. Hoffentlich beide. Von unserer Seite wird auch nicht die leiseste Einwendung dagegen erhoben werden, wenn dieser Cultusvorstand nach wie vor seine Beziehungen zu diesem Blatte aufrechterhält. Nicht darum handelt es sich. Es handelt sich darum, dass die Verantwortung für die Angriffe der „Wochenschrift" in dem Augenblicke nicht mehr abgelehnt werden kann, wo das Blatt als „Sprachrohr" eingestanden wird. Herr Bloch hat sich seinerzeit der zionistischen Partei zur Verfügung gestellt, wenn auch erfolglos; er hat also wenigstens keine unüberwindliche Abneigung gegen den Zionismus. Die Vermuthung liegt nahe, dass ihm die Gegnerschaft aufgetragen wurde. Wenn sich der Vorstand von diesem Verdachte reinigen will, muss er seine amtlichen Kundmachungen, das heißt, seine materielle und moralische Unterstützung einem vollständig parteilosen Blatte zuwenden, es zur Noth selbst herausgeben, wenn sich keine strebsamen Leute finden sollten, die das auf die Zusicherung einer festen Einnahme hin unternehmen. Dann wird der Vertheidiger der ökonomisch vortheilhaften Abmachung auch einsehen, ob er nicht doch ein bisschen zu naiv wär. Wir aber möchten heute den Cultusvorstehern noch ein ruhiges Wort sagen. Sie haben sich, wie es scheint, in eine falsche Stellung verrannt. Sie haben unsere Sache zuerst nicht verstanden und sich dann geschämt, es einzugestehen. Mögen sie sich eines Besseren besinnen, bevor unsere lange Geduld erschöpft ist, und wir den Außenstehenden das Schauspiel eines rücksichtslosen Kampfes geben. Es wird von ihnen nichts anderes verlangt, als dass sie den gegen uns gerichteten Unanständigkeiten nicht weiter Unterschlupf und Nahrung gewähren. Das ist wenig. Die Gemeinde, die zu unterrichten wir uns nun Mühe geben wollen, wird die Haltung dieser Herren ohnehin nicht-begreifen. Wie? Es entsteht im Judenthum eine Bewegung zur Abhilfe der schrecklichen moralischen und materiellen Noth unserer Bruder, es' ist eine vollkommen gesetzliche und durchaus menschenfreundliche Bewegung, Christen aller Bekenntnisformen behandeln diese Bewegung mit Achtung, die Führer dieser Bewegung leben nicht vom Judenthum und haben iyre selbsterworbene Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft, und es ist eine notorische Thatsache, dass sie der Bewegung nur Opfer bringen — und eine so charakterisierte Bewegung kennen zu lernen, haben sich die Herren noch nicht bemüht? Wenn das wahr ist, so haben sich die Herren eines der kläglichsten Armuthszeugniffe ausgestellt, die noch jemals mit. dem Stempel der Wiener Gemeinde versehen worden sind. Die Mache. Wien, 30. November. Eine Neuigkeit, die ewig alt bleibt: Judendebatten im österreichischen Abgeordnetenhause. — Das Wörtchen „Jud" ist ein alter Stammgast in den Protokollen unseres hohen Hauses, und daraus kann man schließen, dass es den Trägern dieses Wörtchens keineswegs vorzüglich geht. Man könnte einen Lehrsatz formulieren: Je geläufiger der Name eines Standes, einer Elasse, eines Volkes den Parlamentsstenographen ist, desto übler geht es der betreffenden Bevölkerungsgruppe. Denn sowie jene Frau die beste ist, von der man am wenigsten spricht, so ist jene Bevolkerungsgruppe am besten dran, von der man am wenigsten spricht. Bon den Juden wird oft gesprochen. Aber die Judendebatten haben eigenthümliche Sonderheiten an sich. Eine Reihe negativer Merkmale. Zunächst: Judendebatten sind gewöhnlich gar keine Judendebatten. Die letzten Sitzungen des Abgeordnetenhauses baten dafür ein lehrreiches Beispiel. Die Juden und ihre Lage bilden durchaus nicht das Hauptthema der Verhandlungen, die Debatte gilt dem Jntereffe einer anderen Gruppe, die sich gelegentlich der galizischen Judenexcesse in Mitleidenschaftgezogen fühlt. Nicht weil Juden geplündert und misshandelt wurden, gibt es jetzt Judendebatten, sondern weil im Anschlüsse an die Exceffe einige focialdemokratifche Blätter und Vereine sistiert wurden. Dabei wurde auch über die Lage der galizischen Juden gesprochen, soweit dies eben zur historischen Erklärung der socialdemokratischen Leiden nothwendig war, und zwar in jenem akademischen Tone, in dem man über die gewissen, unabänderlichen Factoren zu sprechen pflegt, „mit denen man rechnen muss". Die Summe des schmerzlichen Mitgefühls vereinigte sich auf die bejammernswerten socialdemokratischen Zeitungen und Versammlungen, und so nebenbei figurierten als theoretische Erläuterungen die Judenexcesse. Das ist also das Facit der galizischen Judcnexcesse. Den Juden, die, wenn wir nicht irren, bei Judenexceffen gewisse Unannehmlichkeiten erfahren müssen, wird bei den betreffenden Judendebatten ein sanftes wiffenfchaftliches Jntereffe entgegengebracht, und das flammende Pathos, däU über dem Schauplatz de, Exceffe ertönt, gilt einigen Zeitungen, die nach den Ausschreitungen nicht erscheinen durften. Es gibt nichts Confuseres als diese ganze Angelegenheit. In Galizien werden die Juden misshandelt. Daraufhin erhebt jemand im Parlament ein Wehgeschrei. Stamm, das Geschrei von den Juden? Keine Idee. Ein anderer schreit, während die Juden misshandelt wurden. ^D er Jude wird geprügelt, und die Socialdemokraten kramen iü der Oeffentlichkeit ihre Schmerzen aus. Wenn es den polnischen Bauer juckt, so kratzt er den Juden. Und wenn die Juden gekratzt werden, so erfahren wir von Daszynski, das ihn etwas jucke. Die galizischen Juden ziehen also aus den letzten Judendebatten den Vortheil, dass die Socialdemokraten in der verklärenden Gloriole des Martyriums auftreten durften. Die Socialdemokraten schmücken sich mit den Federn, welche den Juden bei den Exceffen ausgerupst wurden. Dieser schöne Nutzen, den die galizischen Juden aus den Judendebatten ziehen, erinnert

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