Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 48 (2.12.1898)
- Article
- Abschied und Wiedersehen
- Date
- 1898-12-02
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JXcSrtWr bindet. Diese Wahlverwandtschaft ist für das deutsche Reich ein nationales Glück, sie stellt die Vereinigung erprobter Regentenweisheit des Greises mit dem stürmischen Thalendrange der Jugend dar, und wenn zu vermuthen ist, dass Wilhelm II. die geklärte Besonnenheit Friedrichs von Baden bei all seinen großen Conceptionen als Rathbegehrender in Anspruch nimmt, so dürfen wir nnsercrscits vielleicht auch muthmaßen, dass die Ziele und Zwecke >der Jerusalemfahrt Wilhelms II. dem Großherzog von Baden keine Geheimnisse gewesen sind, lange schon bevor die Fahrt angetreten wurde. Zu der modernen Vorurtheilslosigkeit und Unbefangenheit des Kaisers, der sinnend au das Grab Saladins tritt, und diesem ritterlichen Sultan eine schwungvoll wohllautende Erinnerung widmet, gesellt sich wie ergänzend die in langer Regierung gefestigte Seelengröße des Großherzogs, die kein Athemzug ron menschlicher Voreigenommeuheit trübt. Der einundsiebzigjährige badische Landesfürst wird verjüngt durch den Autheil, den er an dem großen forlstürmenden Wollen seines kaiserlichen Neffen nimmt, und der Neffe bedarf kaum eines zuverlässigeren Maßftabes für seine Entwürfe als der Zustimmung des erfahrenen und doch allen edlen menschlichen und nationalen Impulsen zugänglichen großherzoglichen Oheims. Es dünkt uns darum, dass der Abschied und das Wiedersehen der beiden Fürsten einen milden menschlichen Farbenglanz über das große epische Bild der Jerusalemfahrt Wilhelms II. ausgießen. Was unseren Entsendeten in der Zionsstadt Wohlwollendes und Ermuthigendes von Wilhelm II. gesagt und verheißen ward, ist, mir zweifeln nicht daran, der Billigung und Zustimmung des Großherzogs von Baden gewiss gewesen, und wir meinen, es sei für uns auf unserem Wege kein geringer Ansporn, zu wissen, dass zwei Fürsten von so hochedlem, geistigem Gefühle wie Kaiser Wilhelm und Großhcrzog Friedrich an unseren Zielen wohlwollenden Antheil nehmen. Die werbende Kraft unserer Bewegung kann nicht erlahmen, wenn ihr bis zu diesen Höhen hinauf sympathisches Jatereye und willige Anerkennung begegnen. ■ (Pitt Armutszeugnis. (3n den Wiener Cultnswahken.) Die Wahlen in den Wiener Cullusvorstand sind vorüber. Ihr Ergebnis ist gleichgiltig. Die'Betheiligung am Wahlacte ist in Ziffern ausgedrückt, welche alles sagen. In einer Gemeinde von ,etwa l40.00 > Seelen haben ungefähr, zweitausend Wähler ihr Stimmrecht ausgeübt. Sogar beim jetzigen eng und ungerecht beschränkten Wahlrecht ein lächerlich geringer Perzentsatz der Wahlberechtigten. Das Interesse an der Gemeinde ist auf dem Nullpunkte. Und dem Interesse der Gemeindemitglieder entspricht auch die Autorität des Cultusvorstandes und dessen Bedeutung für die jüdischen Angelegenheiten. In einer der letzten Wahlbesprechungen sagte der Vorsitzende mit unwillkürlicher Selbstironie, dass von den zehn zu vergebenden Mandaten acht solchen Candidaten zugedacht seien, die auf den Listen der verschiedenen Wahlcomites gleichmäßig , Vorkommen. Der ganze Kampf drehe sich also darum,..ob' die Herren Grünfeld und Rappoport oder die Herren Philipp und Eltbogen gewählt werden sollen. Das war eine richtige Bemerkung, welche die ganze Kleinlichkeit und Unwichtigkeit des sogenannten Wahlkampfes erkennen ließ. Die Zionisten hatten an diesen rein persönlichen Streitigkeiten kein weiteres Interesse. Einen Augenblick war daran gedacht worden, zionistische Candidaten aufzustellen. Eine. Liste mit Namen, deren Träger sich allgemeiner Achtung und Sympathie erfreuen, wurde auch schon von eifrigen Parteigä: gern colportiert. Aber die Candidatur dieser Herren musste unterbleiben, da sie auf direkte Befragung erklärten, eine Wahl ' unter den jetzigen Verhältnissen nicht annehmen zu wollen. Bei einzelnen war auch die Erwägung maßgebend, dass sie sich der unsauberen Discussion einiger in den Mitteln nicht wählerischer Wahlmacher nicht preisgeben wollten. Die Zionisten haben sich demzufolge diesmal damit begnügt, an den Wahlbesprechungen theilzunehmen und ihren Standpunkt zur Geltung zu bringen. Es hat sich bei dieser Gelegenheit gezeigt, dass die Ziele und Absichten unserer Bewegung in gewiffen Kreisen der Wiener Juden Dank einer systematischen Verdrehung und Verleumdung noch gar nicht bekannt sind. Das Niveau dieser Wählerversammlungen war überhaupt ein betrübend niederes und wir können sagen, dass es nur den Bemühungen der zioni stischen Wortführer M a r m o r e k, Dr. Kahn, Dr. M i n tz, Dr. W e i s l und Anderer zu danken ist, wenn doch auch ab und zu die weiteren, höheren Interessen des Judenthums zur Discussion gestellt wurden. Die Wahlen in den Cullusvorstand haben ja nur localen Wert, und aus diesem Grunde hat sich unsere Bewegung, deren universalen Charakter wir nicht erst.zu betonen brauchen, mit solchen Ortsangelegenheiten bisher wenig abgegeben. Aber auf die Dauer geht es doch nicht an, dass die Nester, in welchen gegen uns gehetzt und intriguiert wird, außerhalb der Beachtung bleiben. Es hat sich gezeigt, dass gerade diejenigen — Vorstandsmitglieder wie Candidaten — die mehr oder minder gewundene Erklärungen gegen den Zionismus abgaben, hinzufügten, sie seien eigentlich nicht über den Zionismus unterrichtet. Auch Leute standen auf, die erklärten, sie seien „halbe" oder „dreiviertel" Zionisten; und andere solche amüsante Bemerkungen. Wir werden nun schon in der nächsten Zeit denjenigen, die guten Willens sind, sich zu unterrichten, die Gelegenheit geben, indem wir in Wien von Bezirk zu Bezirk aufklärende Vorträge über den Zionismus halten lassen werden. Wie verhält es sich nun mit der vorgeblichen oder wirklichen Unkenntnis der Ziele und der Beschaffenheit des Zionismus, die von mehreren Vorstandsmitgliedern behauptet wurde? Man traut seinen Ohren nicht. Vollzieht sich die zionistische Bewegung etwa im Geheimen, an unzugänglichen Orten; gibt es nicht schon eine ganze Literatur über diesen Gegenstand, die man doch nur einzusehen braucht, wenn man das allergeringste Interesse für jüdische Angelegenheiten hat? Selbst wenn man die Bewegung — wie die hübschen Schlagworte lauten — für wahnsinnig, unreif, verderblich hält, kennen lernen musste man sie doch immerhin. „Soweit ich über den Zionismus unterrichtet bin", ist eine Redensart, die von Leitern einer großen Gemeinde heute nicht mehr gebraucht werden sollte. Der Zionismus ist in die Weltdiscuffion eingetreten. Mit wenigen Ausnahmen haben die Blätter der ganzen Welt diese Bewegung, ihre Literatur und ihre Congresse besprochen. Nur der Cullusvorstand von Wien weiß davon nichts. Mächtige Fürsten und hochstehende Staatsmänner haben die Frage gründlich studiert und sich über sie ernst und freundlich geäußert. Nur die Cultusvorsteher von Wien sind zu vornehm und von wichtigen Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen, um der Sache ihre kostbare Aufmerksamkeit zuzuwenden. Und in diesem sonderbaren publicistischen Ghetto, welches die Judenpreffe ist, tobt seit Jahr und Tag ein hitziger Kampf um den Zionismus. Der Kampf wird leider von unseren Gegnern häufig mit unanständigen Mitteln geführt, aber die Thatsache des Kampfes selbst ist nicht zu leugnen. Nur der Cullusvorstand von Wien weiß von alledem nichts. Man möchte beinahe glauben, dass die Herren nur ihre eigenen Reden lesen, die in solchen Blättern abgedruckt werden.