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Die Welt · 1898-11-25 · 47 (25.11.1898) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
47 (25.11.1898)
Article
Die Goldschilds
Date
1898-11-25
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Seite Itz jfcOWdt: tou 47 erste Hälfte des Tages hatte sich programmgemäß abgespielt. Frau Karoliue Sanstmuth hatte ihrem Doctor wie gewöhnlich den Morgenkaffee eingeschenkt und hieraus hatte sich David mit seiner Pseife an seinen Schreibtisch gesetzt. Er war sogar bei besonders guter Arbeit gewesen. Es handelte, sich darum, dem Projecte der Regierung, die illyrische Bahn an eine französische Gesellschaft zu verkaufen, durch einen geharnischten Artikel entgegenzutreten. Die schärfsten Sätze waren ihm ohne Ueberlegung aus der Feder geflossen. Allerdings beherrschte er dieses Thema gründlich. Denn mehr als einmal hatte er bereits in den Spalten des „Freien Blattes" gegen derartige wirtschaftliche Gebarung gewettert und Oesterreich mit einem Manne verglichen, der sein Capital verschleudert, um seinen Wohlstand zu sichern. Noch ehe die Haushälterin das Mittagmahl auftrug, war die Arbeit druckreif. Mit dem Gefühl heiterer Ruhe, das ein gelungener polemischer Artikel stets in dem streitbaren Doctor wachrief, trat David zur gewohnten Stunde den Weg nach dem Goldschildschen Geschäfte in der Mariahilferstraße an. Schon von weitem lachte ihm das große schwarz-goldene Schild vertraut entgegen. Er fand Karl-Raphael allein im Laden, in einem großen, roth eingebundenen Buche lesend. Beim schrillen Klang der an der Thüre befestigten Glocke unterbrach der Paramentenhändler sein Studium und nickte dem eintretenden Vetter freundlich zu. „Habe die Ehre!" schnarrte David, der sich diesen bei Bureaukcaten häufigen Tonfall in der Redaction angeeignet. „So einsam heute? Was macht di-: Gnädige?" „Tie Gnädige ist mit dem Herrn Schwager in die innere Stadt gegangen!" erwiderte Karl-Raphael auf den scherzenden Ton eingehend. „So — ist der Georg wieder einmal in Wien? Wie gehts denn draußen in Perchtoldsdorf?" Der Paramentenhändler seufzte auf. „Jämmerlich schlecht! Der Georg kann nicht genug klagen! Seitdem der Schwiegervater nicht mehr arbeiten kann, geht es abwärts. Das Gütlein ist eben zu groß, um von Georg allein bewirtschaftet werden zu können und zu klein, um einen Lohnarbeiter zu erhalten!" „Sie sollen halt etwas davon verkaufen! Einen Weinberg, der viel Arbeit erfordert und wenig einbringt!" meinte der Redacteur. „Ja — rathe einer einmal dem Georg!" murrte Karl- Raphael. „Du weißt ja selbst, wie die Bauern sind! Eher gehen sie allgesammt zugrunde, ehe sie ein Stückchen der Scholle aufgeben. Es sind wahre Märtyrer der Erde!" So sprechend war er zur Thüre getreten und spähte aufmerksam die Straße hinab. „Was hast Du denn?" fragte nach einer Weile der Doctor, der es sich auf einem Stuhle im Hintergrund des Ladens bequem gemacht. „Du bist heute so ungemüthlich?" „O es ist nichts!" beruhigte dieser. „Ich begreife nur nicht, wo Lisi so lange bleibt! Um 4 Uhr ist heute Segen in der Kirche!" „Da darf mein Herr Vetter natürlich nicht fehlen!" spottete David. „Und Frau Lisi muss statt seiner hinter dem Ladentische stehen!" Aber Karl-Raphael war heute ungnädig. „Der Eine hat eben religiöses Bedürfnis, der Andere keines!" ferttgte er den Spötter kurz ab. „Jawohl!" bestättgte David behäbig und schnitt sehr umständlich die Spitze einer Cigarre ab. Vielleicht wäre es zu einem kleinen Streite zwischen den beiden Vettern gekommen, wie das öfter der Fall war, ohne je ein ernstliches Zerwürfnis nach sich zu ziehen, wenn nicht gerade ein feister, bartloser Mann eingetreten wäre, dem man den wohlsituierten Landprobst auf zehn Schritte weit ansah. Nun hatte Karl-Raphael alle Hände voll zu thun. Der hochwürdige Herr begehrte einen schönen Bespermantel und war keineswegs leicht zufttedenzustellen. Wohl ein Dutzend dieser feierlichen, goldstrotzenden Gewänder wurde anprobiert. Der Paramentenhändler war unermüdlich. Bald machte er auf die sinnigen Stickereien, bald auf den schweren Faltenwurf aufmerksam. Dabei umkreiste er den Geistlichen, hier ein Fältchen glättend, dort den Kragen zurechtzupfend, wie eine Schneiderin eine schöne Modedame. Schließlich wurde man handelseinig. Eine gute halbe Stunde war indes verstrichen! Und Frau Lisi kehrte noch immer nicht zurück. Karl - Raphael warf ängstliche Blicke nach der Wanduhr. Das Gespräch mit Dr. David wollte auch nicht mehr recht in Fluss kommen. Der Redacteur kaute gemächlich an seiner Cigarre und schien an der Verlegenheit seines Vetters noch obendrein seine Freude zu haben. Als schließlich der Zeiger der Wanduhr fünf Minuten nach vier Uhr wies, hielt Karl-Raphael es nicht länger aus. „Es ist vier Uhr vorüber?" wandte er sich in ftagendem Tone an den Doctor. Dieser zog sein Chronometer aus der Tasche und nickte lakonisch. „Das stimmt!" Ich werde zu spät ut die Kirche kommen!" klagte der Parcunentenhändler. „Wenn der Priester nicht aus Dich wartet — wahrscheinlich!" Schon schwebte eine heftige Erwiderung auf den Lippen des Ungeduldigen. Aber rechtzeitig fiel es ihm noch ein, dass er den Journalisten jetzt nicht reizen dürfe und er bemeisterte sich. Ergeben wartete er abermals fünf Minuten. Dann begann er schüchtern: „Ich begreife wirklich nicht, wo Lisi so lange bleibt. Jeden Augenblick muss sie kommen! Siehst Du — da Du doch jedenfalls Ihre Ankunft abwatten wirst — könnte ich eigentlich jetzt in die Kirche gehen!" „Und ich soll inzwischen Paramente verkaufen!" lachte David mit gntmüthigem Spotte, da er es schon längst erkannt, worauf es sein Vetter abzielte. „Na — ich will Dir ja den Gefallen gerne thun! Nur fürchte ich, Deine Firma greulich bloßzustellen, falls ein Käufer kommen sollte. In der frommen Ware kenne ich mich nicht aus!" „Um diese Stunde spricht selten eine Kundschaft vor!" beruhigte ihn Karl-Raphael. „Und übrigens — stelle Dich nicht schlechter, als Dn bist! Du wirst doch wiffen, was ein Kelch, eine Monstranz und ein Messbuch ist?" „Das ja!" nickte David. „Aber unter den Heiligen. da bin ich schlecht bewandert!" Dabei stippte er mit dem Finger auf das Glas der Bittine, in der zu Päckchen geordnet eine reichhaltige Sammlung kleiner Bildchen lag. „Auch das ist nicht schwierig!" lächelte der Paramentenhändler, den Deckel des Kastens aufklappend. „Siehst Du hier ans der Rücksette ist immer ein paffendes Stoßgebetchen und der Name des Heiligen gedruckt. Lesen wirst Du hoffentlich können?" Nun schienen die Scrupeln des Doctors endgiltig überwunden. „Das ist sehr sinnreich und vereinfacht die Sache!" meinte er mit drolligem Ernste. „Geh Dn nur in Deinen Segen! Ich werde hier schon alles vorttefflich besorgen!" (Fortsetzung folgt.) In der nächsten Nummer beginnen wir mit der Publication eines Reiseberichtes von Dr. Bodenheimer (Köln) über die Reise der zionistischen Deputation nach Palästina. Herausgeber: V Nasthaurr. Bercmtrv. Red.: Dr.Skesm. Wrrnrr. Buchdruckerei «Industrie" (S. Bergmann), VIII., Schlöffelg. 11

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