Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Article
- Lemberg [Kommentar] / B. S.
- Date
- 1898-11-25
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 FkHVrlr: Ätr. 47 wäre das der wahrhafte göttliche Geist von der Vorsehung entsendet, zur Erlösung des unglücklichen Volkes." Wir entnehmen diese Sätze auszugsweise der letzten Nummer der R S. Czernowitz, l-\ November 1803. Am 13 d. M. fand in einem Saale der isr.-deutschen Volksschule die dritte ordentliche Generalversammlung des Vereines „Zion" in Czernowitz statt. Die Generalversammlung wurde vom Vereinsvräsidenten Herrn E. H. Mclzer mit einer sehr beifällig aufgenommenen Ansprache eröffnet. Hierauf erstattete der Vicepräsident des Vereines, Herr Dr. Mayer Ebner, den Rechenschaftsbericht über das abgelaufene Vereinsjahr, gab in kurzen Umrissen ein Bild über den derzeitigen Stand der Bewegung und entwarf in eingehender Weise das Arbeitsprogramm für das kommende Vereinsjahr. Unter anderem wird es Aufgabe des Vereines sein, den Bukowinaer Landesverband zu gründen, sowie die Schekelsammlung zu leiten und für die jüdische Colonialbank Propaganda zu machen. Aus dem Berichte des Cassicrs, Herrn S. M. U n g e rm ü n z ist zu entnehmen, dass der Verein seine sämmtlichen "Ausgaben aus den Mouatsbeitragen gedeckt und überdies einen Ueberschuss von rund 300 fl. erzielt hat, was bei einem Monatsbeitrage von nur 20 Kreuzern als ein sehr günstiges Caffaresullat angesehen werden kann. Hieraus wurde dem Ausschüsse das das Absolutorium ertheilt. Die Neuwahlen ergaben folgendes Resultat: Zum Präsidenten wurde gewählt Herr E. H. Melzcr, zum Viccpräsidenten Herr Dr. Mayer Ebner, zu Schriftführern Herr Samuel 'König und cand. jur. L. Presser, zum Cassier Herr S. M. Ungermünz, zum Controlor Herr Jacob Hauer, zum Bibliothekar Herr S. W a g s ch al, zuin Zeitungsverweser Herr E. Spiegel und die Herren Doctor Ph. M e n c z e l, sowie die Cultrsräthe H. Trichter und L. H e r s ch m a n n zu Ausschussmitgliedern ohne besondere Function Uebcr Antrag des Herrn Dr. Philipp Menczel wurde die Entrüstung der Generalversammlung über das Hetztreiben der „Oesterreichischen Wochenschrfft" gegen den Zionismus zum Ausdrucke gebracht und wurde ein Antrag auf eine Vertrauenskundgebung für das Wiener Actionscomitö mit stürmischer Begeisterung angenommen. Ueberdies wurde in der Generalversammlung dem Hos- und Gerichtsadvocaten Dr. Leopold Kahn der Dank für den ausgezeichneten Vortrag, den er namens des Vereines „Zion" hielt, ausgesprochen. Deutschland. Berlin. Gott bewahre! Die Protestler sind in ihre'.'.! Wollen nicht originell; dessen dürfen wir sie nicht zeihen. Sic sind nur Prvducte einer absonderlichen Gedankenrichtung, einer nunmehr schon bankbrüchigen Bewegung. Als die jüdische Nation das mittelalterliche Ghetto zu verlassen angefaugen, sperrten sie ihre Führer in ein zweites ein, in die Tempel nämlich. „Du meine liebe Nation — sagten sie zu ihr — vor allem musst Du Deinen Namen oblegen. Cvnfession, Religionsgenossenschaft, wie Tu willst kannst Du heißen, nur nicht Nation. Deine Ideale, Deine Sehnsucht musst Du endlich anfgeben. An alles musst Du vergessen, besonders an das, was man Leben nennt. Deine Seele musst Tu in Dir ablödten. So beschließen nämlich wir, die wir Deine „Seelsorger" geworden." Nachdem sie ihr so die Leüenswärnre und den geistigen Inhalt genommen, ihre Ideen und Ideale ihr entzogen, übergaben sie die Nation der ausschließlichen Pflege der Cantoren und Prediger, der Krankenwärter von Fach und beauftragten sie, dass sie das Leben der Elation mit censurierten Gebeten und reformierten Ccremonien erhalten. Anfangs pflegten sie, noch die Söhne der Natioit, an ausgezeichneten Feiertagen ihrer Mutter einen Kranken-, will sagen Tempelbesuch, abznstatten. Lange hielt es aber nicht an und Krankenbulletins meldeten bald, dass die Nation in den Tempeln infolge dieser Gleichgiltigkeit vereinsamt dahinsieche. In der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" jammert der bekannte Herr Doctor Vogelstein über „den Jndifferentismus der sogenannten freisinnigen Juden". Seine Bulletins sind schon voll Verzweiflung. „Die liberalen Gemeindemitglieder kümmern sich wenig oder gar nicht um die Angelegenheiten der Gemeinde" und die freisinuigeu Elemente bleiben dem Gottesdienste gänzlich fern oder besuchen ihn doch nur an den höchsten Feiertagen des Jahres. „Die Rabbiner wollen" sogar schon „die religiösen Angelegenheiten vor dem Verfall bewahren, der ihnen namentlich durch den übcrhandnehmenden Jndifferentismus droht." Freilich sieht Herr Dr. Vogelstein noch immer nicht ein, dass sein „gestrichenes", geist- und inhaltloses Judenthum ohne die herrlichen Ideale und lebensverleihenden Hoffnungen keinen beigeistern kann und er — immer in seiner Weise — verlangt nur größere Macht für die Rabbiner, um das Judenthnm zu „retten". Aber diese Stimme ist uns symptomatisch; wir hören ans ihr die Gewissensbisse vieler dieser „Führer", sie kündigt uns — freilich versteckt — den Bankbruch der ganzen Bewegung an, die vom Judenthum wegführte, die eine centrifugale war. Ganz wie Meister Heinrich in der „Versunkenen Glocke", flohen diese „Lehrer und Führer" von ihrer Familie, vom Judenthum weg und gäben sich romantischen Schwärmereien hin. Und als einmal Meister Heinrich von seiner Familie fern bei seinem Rautendelein saß, begannen sich still in sein Herz Zweifel, in sein Gewiffen Reue zu schleichen und ihn zu foltern. Da kamen seine Kinderchen den Berg emporgeklonmien und brachten ihm die Thränen der Mutter, die sie weinte, weil der Meister sie verlaßen. Meister Heinrich besinnt sich und kehrt zur Familie zurück, wo ihm wahres Leben zuwinkt, wo seine Kraft geborgen liegt, wo er Großes schaffen kann. In unserer Geschichte beginnt jetzt ein neues Capitel; seine Überschrift lautet: I’me teschubah, Jahre der Rückkehr. Haruri. Frankreich. Paris. Der Minister der Colonien ordnete telegraphisch die Freigabe dos Briefwechsels zwischen Dreyfus und seiner Familie an. Im Aufträge des Gouverneurs von Cayenne wird Dreyfus fortan als Angeschuldigter behandelt. Paris.' Die Regierung hat Ordre ertheilt, die Haft des Dreyfus zu mildern. Der Gefangene wird sich bis auf Weiteres in dem nicht bewaldeten Theile der Teufelsinsel, mit einem Flächenraume von 4-Hektar, von 8—12 Uhr vormittags und 2—5 Uhr nachmittags erholen können. Die übrige Zeit wird er in seiner Hütte eingeschlossen sein. P Dir siomfischr Kewegmg. Lemberg. Am 19. l. M. fand hier im großen Saale der Cultusgemeinde der Jnaugurationsabend des zionistischen Frauenvereines „Ognisko k o b i e t zydowskich“ statt. Das reichhaltige Programm enthielt auper den gelungenen Declamalionen und musikalischen Productionen auch drei wirkungsvolle Tcndenzreden, welche von der Vorsitzenden des Vereines Fräulein K. L e w i n und den Herren Dr. Brande und Adolf Stand vorgctragen wurden. Lrz. Tarnopol, 16. November. Der hiesige zionistische Verein entwickelt sich jetzt dank der Rührigkeit des Herrn Apothekers K u r z r o ck, der seine ganze freie Zeit der Agitation widmet ungemein rasch. Neulich wurde eine hiesige jüdische Familie nach Palästina geschickt. Bei einem bescheidenen Mahle im Vereine sprach Apotheker Kurzrock das herzliche Abschiedswort und schloss feine Rede mit dem Wunsche aus ein baldiges Wiedersehen in Palästina. Stryj. Der hiesige Verein „A ch d e s" veranstaltete Sonntag den 30. October l. I. eine Volksversammlung in der großen Synagoge, an der sich ein sehr zahlreiches Publicum aus allen Schichten unserer jüdischen Bevölkerung betheiligt hat. Als besonders freudige Thatsache muss constatiert werden, dass auch zahlreiche Damen anwesend waren und warmen Antheil an den Ausführungen der Redner nahmen. Nachdem der Vorsitzende Herr M. Stern die Versammlung eröffnet hatte, ergriffdasWort Herr Kofsler aus Lemberg zu einer anderthalbstündigen Rede, worin er betonte, dass nur im Zionismus die endgiltige Lösung der Judenfrage zu finden sei. Redner erntete mit seinem Vortrag lebhaften Beifall. Nach ihm sprach Doctor Nt a l z aus Lemberg über die jüdischen Arbeiter und die Bedeutung desCongresses. Dornawatra. Der in unserer Stadt bestehende Verein „Zion" macht bedeutende Fortschritte. Das Jnterepe der hiesigen jüdischen Bevölkerung für die nationale Sache steigert sich ständig. Es hat sich hier der Fall ereignet, dass einer unserer Glaubensbrüder der Taufe nahe war und durch den Ruf „Zion" in letzter Stunde diese Jdeee ausgab. Jetzt ist er ein warmer Zionsanhänger. — Der Verein „Zion" in Dornawatra wird diesen Winter eine Reihe von Vorträgen und Versammlungen im Dienste des Zionismus abhalten. P