Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 47 (25.11.1898)
- Article
- Das Ghetto in der Schule
- Date
- 1898-11-25
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 47 Jpta$WdC Seite 11 Abgeordneter Kareis: Das finden Sie, andere sind anderer -Ansicht. Es ist schon im gewöhnlichen Leben eine Pflicht des Anstandes, aufeine höfliche, ehrerbietige Anfrage zu antworten, wenn der Fragesteller eine gerichtlich nicht beanständete Person ist. (Heiterkeit.) Redner richtet an den Präsidenten die entschiedene Bitte, den Minister zu veranlasien, den Interpellanten eine Antwort zukommen zu lasten. Präsident erwidert, dass er den Unterrichtsmiuister nicht veranlasten könne, die Interpellation zu beantworten, dass er ihm jedoch von der gestellten Anfrage Mittheilung machen Nordafrikanisches. Die Geranten des antisemirischen Journales „l'AntijuifS Peretti und Lafitte, wurden wegen eines beleidigenden Artikels zu je 15 Wochen Gefängnis und 5100 Francs Geldstrafe verurtheilt. Der Director Max Regis wurde freigesprochen. — Auch Algier hat jetzt seinen antisemitischen Bürgermeister. Bei der jüngst erfolgten Bürgermeisterwahl wurde Max Regis mit 36 von 37 abgegebenen Stimmen zum Stadtoberhaupte gewählt. Der Stein von der Klagemancr. Anlässlich der Palästinafahrt des Kaisers wird in einer Zuschrift an die „Frankfurter Zeitung" eine Reminiscenz an Kaiser Friedrich aufgefrischt, die diesen Herrscher in seiner edlen Eigenart zeigt. Als er in Jerusalem die Klagemauer des Tempels besichtigte, suchte er persönlich einen besonders schönen Stein aus und übergab ihn seinem Kammerherrn v. Normann mit dem Bemerken: „Der ist fiir Magnus." Magnus war der damalige erste Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Berlin. Nach Berlin zurückgekehrt, ließ der Kronprinz den Stein einfassen, mit der.Jnschrift „Leis scholaum jeruscholajim", sowie mit seinen Initialen versehen und dem Stadtrathe Magnus übergeben. Die Pest wird immer noch von den Wiener Arrtisemiten in antisemitischem Sinne ausgebeutet. Am 16. November fand wieder in Fünfhaus, in Wimbergers Saal, eine Versammlung statt, in der das Thema — die Juden und die Pest — von den Abgeordneten Schneider und Tom an ek unter reichem Beifall des Publicums behandelt wurde. Eine Gattin. Aus Paris wird der „F. Z." geschrieben: In hiesigen literarischen und journalistischen Kreisen wird der Uebertritt der Gattin des Dichters Cahn vom Katholizismus zum Judenthum viel besprochen. Die Dame ist jetzt nach neunjähriger Ehe zu diesem Entschlüsse gekommen, da sie, wie sie einer Vertreterin der „Fronde" auf Befragen mittheilte, zu einer Zeit, wo der Antisemitismus so mächtig geworden, die Religion ihres Gatten zu theilen wünsche. Der fötale Name. Die antisemitische „Staatsbürger- Zeitung" ist in der seltenen Lage, in einem Leitartikel das Wort für einen Mann mit dem Namen Cohn ergreifen zu müssen. Der betretende Cohn ist Christ und stammt, wie das Blatt versichert, aus einer alten germanischen Schäfersamilie. Er fühlte sich als Christ durch seinen Familiennamen geniert und richtete an das Polizeipräsidium von Berlin das Gesuch, seinen Namen in Köhm oder Archibald umwandcln zu dürfen. Dieses Gesuch wurde abgelehnt. Das Geständnis des Uhlanen. In der ,,Petite Republiquea veröffentlicht Jaques Ohm folgende interessante Erinnerung ans den bewegten Tagen des Zolavrocesscs: Esterhazy, der als Zeuge vorgeladen worden war, wurde von seinen Standesgenosten wie ein Pestkranker gemieden, was ihn dermaßen wurmte, dass er eines Tages ans dem Zeugensimuier fvrtstürzte, auf den Berichterstatter eines nationalistischen Blattes, der mit einem Reporter eines großen Blattes dastand, losgieng und ausrief: „Sie sind alle Schweine, ich habe, es endlich satt, und ich bin fest entschlossen, alles anszuplaudern. Nun denn, ich habe das Bordereau verfasst,, ich habe es aber auf Befehl geschrieben. Das wisten sie alle, warum fliehen sie also von mir, wie vor der Pest. Sehen Sie dort Billot. Den da behalte ich mir vor. Der da ist ein Bestochener, ein Hungerleider, desten unbezahlte Wechsel überall hcrnmliegen. Der mag das Geld der nationalen Verteidigung tanzen lasten. Denn wo hat er die 80.000 Francs hergenommen. die er mir a uszahlte *. — Als Zeuge für diese Episode wird Chincholle, ',)er bekannte Figaroreporter, angeführt. Eine Damcndcputcttion. Am 12. November erschien in Vertretung der Ortsgrupp-e „Mariahilf" des Bundes der christlichen Wiener Frauen die Vorsitzende Frau Ustyanowicz und ""och zwei Damen im Unterrichtsministerium, um eine von den Wiener christlichen Frauen beschlossene Resolution, welche sich für den Bezirksschulratherlass in der Angelegenheit der Trennung der christlichen Schulkinder von den jüdischen ausspricht, zu überreichen. Tie Damen wurden von dem Sectionsrathe Frhrn. v. Bienerth empfangen, welcher die Resolution entgegennahm und in liebenswürdigster Weise zusagte, dieselbe unverweilt der Erledigung zuzuführen. Kauft nicht.bei Juden. Kürzlich kam ein anständig gekleideter Herr, der als christlich-socialer Agitator bekannt ist, mit zwei Arbeitern in eine Branntweinschänke des neunten Wiener Bezirkes und forderte die beiden Begleiter auf, sie möchten nur nach Belieben anschaffen, er werde schon bezahlen. Hierauf that sich das Kleeblatt an Branntwein gütlich. Die beiden Arbeiter entfernten sich dann, der anständig gekleidete Herr blieb jedoch zurück und fragte die Ausschäikerin, ob sie eine Jüdin wäre. Sie bejahte und der christlich-sociale Herr fragte, was er schuldig wäre. Als ihm der Betrag genannt wurde, bemerkte er: „Dr. Lueger sagt: Kauft nicht bei Juden!" — sprach's und entfernte sich, ohne zu bezahlen. Ter Besitzer des Branntweinladens hat gegen den anständig gekleideten Herrn, einen Herrn F. Curschmied, die Klage eingereicht. Personalnachricht. Sonntag, den 27. November findet die Trauung unseres Gesinnungsgenosten Dr. Jsaac S ch m i r e r mit Frl. Friederike Picker in Czernowitz statt. W CorrespMdeuM. Oesterreich-Ungarn. Lemberg. Eine beachtenswerte Betrachtung über den Zionismus stellt der Warschauer „Gtos‘ an, eines der radicalsten polnischen Blätter. Anknüpfend an die Lage der Inden in Galizien, schreibt das Blatt: „Die Inden treten gegenwärtig in das Stadium eines endgilrigen Kampfes auf Tod und Leben ein — und nicht nur in Galizien. Der Kampf wird immer tragischer sich gestalten, denn er wird begleitet sein von dem ökonomischen Elend beiderseits — ein unvermeidlicher Kampf, der mit immer größerer Bewusstheit geführt, enden muss mit der völligen Verdrängung der Inden ans dem Lande. Jüdischerseits haben den Schrecken der Lage als die Ersten die Zionisten begriffen, die soeben den zweiten Eongress ihrer Bereinigung in Basel beschlossen haben. . . Vom allgemein menschlichen Standpunkt haben wir nicht das geringste Recht, es den Juden zu verargen, dass sie die Rettung ihres Stammes anstreben. Die Verschmelzung der Juden mit der arischen Bevölkerung ist unmöglich: warum also sollten diese zwei Rasten ihre gegenseitige Entwicklung hindern?. . . Die Rolle, welche die Juden heute spielen, ist eine Schande, nicht nur für sie, sondern auch für die Länder, welche sie in dem Zustand der Parias bei sich behalten möchten. . . Die Judenfrage ist eine allgemein menschliche Frage, wenigstens eine europäische Frage. Aber ohne den freiwilligen Antheil der Juden ist sie nicht zu lösen. Wir werden sie mit brutaler Gewalt nicht lösen, nicht einmal mit Hilfe der Gesetzgebung — wenn entgegen dem Willen der Juden. . . . Bisher war dieses Volk von seinen eigenen Bekennen: verlassen und, der Gnade des Schicksals überlassen, siechte es dahin: vielleicht wird die jüdische Intelligenz unter dem Einfluss der edlen zionistischen Devise begreifen, wo ihre Pflichten liegen. . . Kurz ausgevrückt, erscheint uns der Zionismus als ein Versuch der Wiederbelebung der jüdischen Volksseele „weder lächerlich noch schädlich", — wie er von anderen Blättern aufgefasst wird. „Den Juden kann der Zionismus die verlorene Menschenwürde wiedergeben, und bei den Mitbewohnern wird er die Achtung ihnen gegenüber vergrößern... Wenn der Zionismus den Juden überdies ihr Wandcrlos mildern und ihnen irgendwo unter einem entsprechenden Himmelsstrich eine selbständige Ansiedlung sichern könnte, so