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Die Welt · 1898-11-25 · 47 (25.11.1898) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
47 (25.11.1898)
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Date
1898-11-25
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Sette 10 Nr. 47 düng unserer jüdischen Bevölkerung beitragen würden. Ter Tank aller Guldenkenden wird gewiss nicht ausbleiben. Der Verein .,8etd Israel^, Koloinea: Dr. Rosenheck, Jacob Orenstein, ViceprLsident. Schriftführer. WkttchrsM. Jüdische Ackerbaucolonien. Nachdem die Versuche, eine größere Menge russischer Juden nach den transatlantischen Colonien des Baron Hirsch überzuführen, als endglitig gescheitert betrachtet werden müssen, und von der Thätigkeit des jüdisch-russischen Auswanderungscomites nichts mehr zu hören ist, beginnen in Russland selbst, iwie wir bereits mittheilten), die Bestrebungen, die jüdischen Mitbürger für die Beschäftigung mit der Landwirtschaft zu gewinnen, wieder stärker hervorzutreten. Der Minister der Landwirtschaft Jermolov steht .diesen Versuchen sympathisch gegenüber. Seinen Bemühungen ist es gelungen, es durchzusetzen, dass es den jüdischen Ackerbaucolonisten im Gouvernement Cherson, welche vielfach über einen zu geringen Landbesitz zu klagen haben, jetzt gestattet ist. noch Land hinzuzupachten oder käuflich zu erwerben, während die Administrationsbehörden früher der Ausdehnung der jüdischen Ackerbaucolonien eine Reihe von Hindernissen in den Weg legten. Ueber die Befähigung der Juden zum Ackerbau sind die Meinungen in Russland selbst sehr getheilt. Die Ministerien des Innern und der Landwirtschaft haben wiederholt Beamte nach den jüdischen Colonien zur Revision derselben, abcommandiert. Aus den einander arg widersprechenden Berichten lässt sich ein klares Bild kaum gewinnen. Neben vielen völlig verwahrlosten Wirtschaften finden sich auch viele andere, welche gut gedechen, und deren Besitzer durch den Betrieb der Landwirtschaft zu größerem Wohlstände gelangt sind, als die umwohnenden rusiischen Bauern. Man wird also in jedem Falle vernünftig organisierte Versuche zur Schaffung jüdischer Ackerbaucolonien in Russland selbst iricht von vornherein als aussichtslos bezeichnen dürfen. Der Baron Günzbnrg wird im nächsten Frühjahre auf seinem Gute Bcndery (Beyarabien) eine solche Colonie schaffen, welche als Muster für derartige weitere Unternehmungen dienen soll. Die Auswahl der Colonisten soll eine sehr sorgfältige sein. Principiell sollen nur diejenigen Land erhalten, welche irgend eine landwirtschaftliche Schule durchgemacht oder sich auf größeren landwirtschaftlichen Betrieben Kenntnisse erworben haben. Es ftagt sich allerdings, ob sich zur Zeit schon genügend viele Candidaten finden werden, welche diesen Ansprüchen genügen. Die Bedingungen für die Ansiedlung sind äußerst günstige. Auch der Kiewer Philanthrop Brodski hat sich bereit erklärt, sein großes Gut von 18.000 Dessjatinen Land im Odessaer Kreise für die Gründung einer Colonie von 100 Familien herzugeben. Warten wir also ab, was bei diesen interessanten Bestrebungen herauskommt. Bemerken wollen wir noch, dass der russische Bauer bisher den jüdischen Colonisten nicht als vollwertig und gleichberechtigt betrachten will, vielmehr in dem jüdischen Ackerbauer einen Eindringling in sein Gebiet sieht, auf welchem er nichts zu suchen habe. Besonders missgünstig werden die Colonisten betrachtet, denen es wirtschaftlich gut geht, und die sich den für bäuerliche Verhältnisse unerhörten Luxus gönnen, — häufig Thee mit Zucker zu trinken. Ein jüdischer Ackerbauer, dessen Wirtschaft von dem eine Enquöte anstellenden Beamten in trefflichem Zustande gefunden wurde, während unter den umwohnenden russischen Bauern große Armut herrschte, bemerkte zu den Beamten: „Ich trinke keinen Schnaps, ich rauche nicht, und da reicht es eben für Thee und Zucker." Heinrich Heines Arzt, Dr. Gruby, ist in Paris gestorben. Er war vor etwa 4o Jahren einer der bekanntesten Aerzte und bis an sein Lebensende der drolligste Kauz, den je die Welt gesehen. Im Grunde genommen nur ein Quacksalber, haben seine merkwürdigen Erfolge, seine unglaubliche Grobheit und seine sonderbare Art ihm doch Weltruf verschafft. Ein Theil seiner Praxis hat ihn sogar zu einer historischen Persönlichkeit gemacht. „Majestät essen zu viel!" sprach er einmal zur Königin von England, die ihn consultierte, die kranke Sarah Bernhardt brachte es fertig, auf seinen Rath, ihr Bett in südwestlicher Richtung zu stellen, Rini Buffet sich zur Heilung weiß-blaue Tapeten zu bestellen. Seine Patienten waren Chopin, Liszt, Heinrich Heine, Ambroise Thomas, Alexander Dumas Vater und Sohn und Daudet. Alexander Dumas, der Jüngere, vertraute ihm wie ein Kind. Ihm befahl Gruby, 2M0 Schritte nach Osten, 2000 nach Westen, 3000 nach Norden, aber 7940 nach Süden zu machen. „Sie haben zu wenig Schritte nach Süden gemacht," herrschte ihn der Arzt an, als er den Dichter eines Tages schlecht aussehend fand. Da schöpfte Dumas Verdacht: „Warum das?" — „Damit Sie beim Schrittezählen das schädliche Denken verlernen," bekannte der Andere. Von diesem Tage an schlug Dumas seinem Arzte ein Schnippchen und markierte sich die Grenze. Interessant sind die Erinnerungen Grubys an Heinrich Heine. Seit dem Jahre 1852 war er sein Freund, kein anderer hat des Dichters kranke Erscheinung, für die er so gern ein Heilmittel gefunden hätte, besser charakterisiert als er. Bei Heines Werke „Deutschland" stand Gruby Pathe: vergebens aber bat er den Dichter, sich zu schonen. Er sah, wie der Dichter sich aufrieb, und während Heines letzten schweren Siechthums war er es, der an seinem Bette stand. — Gruby, der ein geborener Ungar war,- starb in Paris. In den letzten Jahren zeigte er eine mehr als sonderbare Art, wurde ein Menschenfeind urrd schloss sich ’ in seine vier Wände ein, die er nur öffnete, um sich Nahrung bringen zu lassen. Man fand ihn eines Tages, nachdem man die verriegelte Thür hatte sprengen müssen, auf einer Matratze liegend todt vor. Jüdische Cafvhausbesucher. In Constantine kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Arabern und Juden. Ein Haufe von über 100 Juden stürmte mehrere arabische Cafes und verwüstete alles darin Befindliche, auch mehrere Araber wurden durch Steinwürfe und Knüttelhiebe verwundet. Die Araber versammelten sich, um Rache zu nehmen, doch kam es nicht zu einem Zusammenstoß, da die Präfectur, rechtzeitig benachrichtigt, sämmtliche Gendarmen zu Fuß nnd zu Pferde und eine große Anzahl Tirailleure und Zuaven an die bedrohten Stellen schickte und jede größere Menschenansammlung verhinderte. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen. Jüdische Melodien. Ein interessanter, nunmehr in Leipzig bei Breiükopf und Härtel abgedruckter Vortrag von Professor Emil Breslauer, handelt über die Entstehung unserer synagogalen und weltlichen Melodien. Die synagogalen Melodien sind in verschiedenen Ländern verschieden; so ist sogar die traditionelle Melodie des „Kol nidreu den Juden in Italien ganz unbekannt. Auch die Melodien entsprechen oft nicht dem Texte, dean sie unterlegt sind; so ist die Melodie des nüchternen Geb, des „Kol nidre“ und der beschreibenden „Abodah“ tief ergreifend, oft leidenschaftlich erregt. Daraus schließt nun der Bierfässer, dass unsere alten synagogalen Melodien nicht specis isch-jüdisch sind, vielmehr von den fremden Völkern entlehnt. Die verschnörkelten Coloraturen unserer Nigunim sind nicht, wie Naumann in seiner „Illustrierten Musikgeschichte" beha upten wollte, ein Product der Absonderung und des talmudisch.m Geistes aus der Zeit nach der Zerstörung des Tempels^ sondern der tief traurigen, stolz trostlosen Geigenmusik d *r umherirrenden Zigeuner abgelauscht. Auch die Melodien unserer weltlichen Volkslieder sind nicht originell. Und doch wohnte einst unseren Vätern eine starkempfindende Bolksseele rnue; und doch sang unser Volk vorder Vertreibung aus seinem Heimat die herrlichsten Lieder. — „Wie können singen wir alL Gott.essrohn, in fremdem Lande, da wir trüb gesessen." ft b. Das Ghe tto in der Schule. Am Schluffe der Sitzung des öste rreichischen Abgeordnetenhauses vom 16. Novencber erinnert f Lbgeordn eter Hofrath K a r e i s in einer Anfrage an den Pi.äsidenten daran, dass die am 29. September und am 25. 0c ioöer ein gebrachten Interpellationen in Betreff des Erlasses dr g Wiener Bezirksschulrates wegen der Trennung der Schulkind'^ nach C«nfessionen vom.Untere ichtsminiiter noch nicht beantwortet worden seien. Abge- Kneter Pro.chazka: Das ist ein-sehr vernünftiger Erlass!

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