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Die Welt · 1898-11-25 · 47 (25.11.1898) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
47 (25.11.1898)
Article
Die Wiener Cultusgemeinde
Date
1898-11-25
Page
9 (sequence 1)
Language
German
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Sir. 47 Seite 9 Die Wiener Euilrrsgemeinde. Von B. Sopher. Mit besonderer Erwartung sieht diesmal die jüdische Bevölkerung den Cultuswahlen und ibrem Resultat entgegen. Sticht die Wahlcandidaten allein sind es, welche das Interesse so rege machen; der Wahlact an sich, die Cultusgemeinde als Repräsentanz der Juden ist von erneuter Bedeutung geworden. Darin, in der allgemein sich kundgebenden Theilnahme an den jüdischen Gemeinde-Angelegenheiten zeigt sich der Umschwung der Jawohl, es ist ein unläugbarer Unterschied zwischen früher und jetzt. Die Beziehung des größeren Theiles der jüdischen Bevölkerung zur Cultusgemeinde war bisher eine lockere, gleichgiltige. Freilich, die Ursachen davon lassen sich leicht ermitteln. Sie ergeben sich aus der politischen Geschichte der letzten Jahrzehnte, aus dem besonderen Antheil der Juden an derselben, endlich aber aus der matten Thätigkeit der jüdischen Gemeinde selber. Indem der Jude Anschluss suchte an die allgemeineren Bewegungen theils politischer, theils socialer Art, erschien ihm die Cultusgemeinde wie ein Rest unerquicklichen Judenthums, der wie zu seinem Aerger übrig geblieben war, um ihn bei mancherlei Gelegenheit bald fröhlicher, bald trauriger Art, bei Geburt oder Tod, bei Hochzeit oder Begräbnis an seine Abstammung zu erinnern/ Leber dieses meist äußerliche Verhältnis hinaus wurde die Cultusgemeinde nur noch als diejenige Stätte angesehen, wo der arme Jude zeitweilig eine Unterstützung oder ein Almosen empfieng. In der letzten Zeit nun geht eine merkliche Wandlung vor sich. Zwar ist innerhalb der Cultusgemeinde selber noch immerzu wenig davon zu spüren, aber desto mehr außerhalb derselben. Und das ist das bei weitem Wichtigere. Denn es kommt vor allem aur die Anschauungen an, welche die jüdische Bevölkerung theilt, nicht sowohl in Bezug aus die zeitweiligen Vertreter der Cultusgemeinde als aus den Zweck und die Bestimmung dieser selbst. Es ist aber die Bestimmung einer jeden Institution abhängig von ihrer Wertung und Würdigung. Solange die Cultusgemeinde wenig beachtet wurde, mochten ihre Zwecke gerinsügig, ihre Bestimmung unbedeutend sein. In dem Moment "aber, wo die Bevölkerung der Cultusgemeinde ihre volle Aufmerksamkeit zuwendet, ist die Situation gründlich verändert: Tenn nicht allein der Einzelne, auch die Gemeinde „wächst mit ihren höheren Zwecken". Von solchen und von ernsten, sehr ernsten Ausgaben darf in unseren Tagen sehr wohl die Rede sein Wir wollen mit der Frage des Unterrichtes beginnen. Der Unterricht und die Erziehung der jüdischen Jugend gehören ja ganz eigentlich in den Wirkungskreis der Cultusgemeinde. Aber hier ruft, wie wir schon einmal erwähnt haben, alles nach Reform: die Eltern, die Lehrer, — dort sagten wir, die Gemeinden selber, nun sagen wir: das Volk. Die heutigen Vertreter des indifferenten Judenthums, in der Arbeirerclasse, in den mittleren Schichten der Bürger, in den Kreisen der Geldaristokratie und Intelligenz, sie seien uns warnende Beispiele hicsür, wie die nächsten Generationen nicht sein dürfen. Nichts Schmerzlicheres, als wenn man diese Juden über das Judenthum sprechen hört. Wider sein Volk reden, um alles was daran erinnert, hart von sich zu weisen, für immer abzuthun, wahrhaftig das heißt wider seine eigene Natur wüthen. Es geht nichr an, dass die Jugend auch ferner in solchem Geist, wenn das Geist zu nennen ist, erzogen werde. Die Ueberlieserung, die Vergangenheit unseres Volkes verdienen es wohl, dass wir um sie wissen sollten, mehr wissen, als man unserer Jugend in den kargen zwei Stunden wöchentlich beizubringen pflegt Unsere Religionslehrer am. wenigsten sind Zauberer. Religion, Geschichte, Sprache — so schön, so nothwendig diese Vereinigung ist — bei der so kurz bemessenen Unterrichtszeit kann es ganz unmöglich zu etwas Ersprießlichem kommen. Sollte cs denn ganz undenkbar sein, den Grund wenigstens einer mehr nationalen Erziehung tiefer zu legen, als dies bis jetzt geschehen ist? Freilich, es gehen böse Gerüchte um, dass das Uebel noch anderwärts stecke, in den Vorbereitungsschulen für Religionslehrer, im theologischen Seminar auch. Ueber die Oualification der Lehrer verlautet nicht das Beste. Wie viel Berechtigung diese Gerüchte haben, und wie viel sie übertreiben, das können wir nicht entscheiden; wohl aber könnte es die Cultusgemeinde. Einiges darüber wird doch wohl auch bis zu ihr gedrungen sein. Es ist sehr löblich, dass die Cultusgemeinde, wie wir dies gelegentlich in Versammlungen gehört haben, stets bestrebt war, den Relionsunterricht derart zu leiten, dass er mit dem übrigen Schulunterricht nichr collidiere. Sollte sie nicht auch daraus bedacht sein, dass der Religionsunterricht nicht auch in Collision gerathe mit ihren, wir können auch sagen mit unseren Pflichten dem jüdischen Volke gegenüber? Der Vorwurf der Irreligiosität wird jetzt ein sehr beliebter bei einem Theil unserer Gegner. Nun, wir wollen ihn nicht so einfach zurückgeben. Die Religion — was sie ist und was sie nicht ist — auf alle Fälle ist sie eine sehr complicierte Erscheinung. Die Ansichten gerade in religiösen Dingen gehen ja. wie man weiß, so schrecklich schroff auseinander. Es gibt z. B. Leute, welche das Recht der Theilnahme an den Gemeindeangelegenheiten vom Verhalten zum Cultus, von der Religion und ihrer Üebung abhängig machen möchten. Aber sicherlich würde es ihnen schwer fallen rigoros zu bestimmen, was sie unter Religion verstehen, welche Cultusübungen sie befolgt haben wollen. Ob wir also in ihrem Sinne religiös sind oder nicht, darüber lässt sich streiten: wenn wir aber für unsere jüdische Jugend gründlicheren Unterricht, bessere Erziehung, auch religiöse Erziehung verlangen, dann ist es gewiss unser Wunsch und Wille, dass die Jugend religiös sei, dass das Religiöse gepflegt werde. Nun kommen wir zu anderem, zur Cultussteuer und zum Armenwesen. Man wäre geneigt, fast einen jeden Punkt, den man eben berührt, als den wichtigsten zu betonen, weil fast ein jeder Theil der Thärigkeit der Cultusgemeinde einer Aenderung, einer Besserung bedarf. Gibt doch der Cultusvorstand in seinem letzten Jahresbericht selber zu, dass die jüdische Bevölkerung Wiens immer ärmer wird, und dass es nothwendig sei, der Armenpflege eine erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Dies kann aber nicht geschehen, solange der Verwaltungsapparat für das Armenwesen ein schon quantitativ so armseliger bleibt, wie er gegenwärtig ist. In den Wählerversammlungen kam ja gerade dieser Punkt oft genug zum Ausdruck. Was die Cultussteuer betrifft, so muss eine Herabsetzung des Census erfolgen, und zwar in der Weise, dass alle Classen der Bevölkerung, auch die Armen an den Wahlen theilnehmen können. Gerade die Masse des jüdischen Volkes, die in ihrer religiösen und nationalen Beltzäligung das eigentliche Judenthum repräsentiert, muss auch unmittelbaren Einfluss ausüben können auf die jüdische Cultusgemeinde und das jüdische Gemeinwesen. Gerade jetzt ist auch die rechte Zeit dazu, um einige Worte zu bemerken über die Cultusgemeinde als Repräsentanz der Juden. Nicht allein weil die Wahlen vor sich gehen, sondern vor allem aus Anlass der Schulsrage. Der Erlass des Wiener Bezirksschulrathes gibt ja eine ganz besondere Gelegenheit dazu. Alle die Schritte, welcl)L der Cultusvorstand in dieser Sache unter»,ommen hat, angefangen von der Audienz beim Unterrichtsminister bis zur Ucberreichung einer Eingabe sind ja gewiss zu billigen. Aber^gerade in der Behandlung dieser Frage — soweit das aus den Sitzungsberichten zu ersehen ist — wird der rechte Eifer vermisst, der hier sehr wohl angebracht wäre. Von den Prötestversammlungen der jüdischen Bevölkerung bis zum Sitzungssaal der Cultusgemeinde '. scheint der Weg etwas lang, etwas ermüdend zu sein. Von den unmittelbaren Wallungen der jüdischen Bevölkerung scheinen die Culrusvorstände kaum berührt zu werden. Dagegen werden sie umso empfindlicher berührt von der leisesten Kritik ihrer Thärigkeit. Wie berechtigt aber diese Kritik ist, zeigt das Programm, welches vom vereinigten Wahlcomitv ausgestellt wurde. »Jene Resormwünsche, die schon seit Jahren in der jüdischen Bevölkerung allenthalben laut wurden", sie werden jetzt nur umso lauter betont, weil sie bis jetzt nicht gehört, geschweige denn erfüllt wurden. Wir wollen 'sie hier nichr nochmal der Reihe nach wiederholen, zumal wir hier nicht eine jede ausführlich behandeln können. Aber zufammensassend wollen wir sagen: Der Würde der Cultusgemeinde wird es sicher nur förderlich sein, wenn sie in den Grenzen ihres Macht- und Wirkungskreises mehr Energie entfalten wird. Wir erwarten auch, dass es in Zukunft geschehen wird: denn nunmehr wird immer reger, sagen wir auch inniger der Contact sich gestalten zwischen der Cultusgemeinde und der jüdischen Bevölkerung. Welche Männer immer aus der Urne hervorgehen werden, — es sind wichtige und cs sind nichtwenige Aufgaben, die der Lösung und Erfüllung bedürftig sind. -Unsere Lehrer in früheren Zeiten, die Rabbinen, pflegten vor Erlass gewisser Verordnungen die Regel zu befolgen: „Sieh dich draußen um, was das Volk dazu sagt."*) Aus die Berather der Gemeinde angewendet müsste der Ausspruch lauten: Sieh, was das Volk sagt, dann wirst du wissen, was du verordnen sollst, was jederzeit notlhut. Aber lieber noch möchten wir ihnen zurufen: Seid ihr selber Volk, dann werdet ihr's am besten wissen und erfüllen. Aufruf! Da der Unterzeichnete Verein den Beschluss gefasst hat, die Vereinsbibliorhek in eine Volksbibliothek umzuwandeln, so stellen wir das inständigste Ansuchen an alle Herren Autoren, Verleger und Buchhändler, sie mögen ein Schärflein zu dieser gemeinnützigen Sache beitragen. Es würde im wahren Sinne des Wortes ein "ON IV-K heißen, wenn sie aus diesem Wege zur Förderung der Bil- *) Lazarus, Ethik des Judenthums.

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