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Die Welt · 1898-11-25 · 47 (25.11.1898) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
47 (25.11.1898)
Article
[Ohne Titel] / E. R.
Date
1898-11-25
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seile 6 J*#Wc*r 94t. 47 kann, so wirkt die schwarze Haut dennoch auf die Weißen wie ein rothcs Tuch auf den bekannten gehörnten Hausfreund. Man schwärzt also zum Ueberflusse die Sieger an, wie man es in der alten Welt gewöhnlich mit den Juden macht, und insceniert dann Ercesse. Jawohl, Amerika ist frei, sehr frei, aber nicht von Rassenhass. Es gibt nichts bleues unter der Sonne. Auch die neue Welt ist nur eine alte -Welt. Vielleicht wird sich der oben erwähnte Stier verletzt fühlen, wenn wir ihn mit dem Menschen vergleichen. Dieser Wiederkäuer ist im Grunde genommen ein sanftes Wesen. Er wird nur durch ein rothes Tuch zu Ausschreitungen gereizt, aber die Weißen von Amerika sowohl durch eine Rothhaut, als auch durch eine schwarze Haut, als auch durch eine gelbe Haut. Georg Brandes, der berühmte Literaturhistoriker, lernte jüngst eine neue „Hauptströmung in der Literatur des 10. Jahrhunderts" aus den polnischen Blättern kennen. Er hat seinerzeit, wie bekannt, der polnischen Nation von seinem Schreibtisch aus Kusshändchen zugeworfen, und vor Kurzem erfasste ihn die Lust, das von ihm gelobte Land eigenfüßig zu betreten. Ausgerüstet mit dem empfehlenden Vornamen „Georg", der an einen vielgenannten andersgläubigen Drachenrödter erinnert, machte sich der Israelit Brandes auf die Reise. Da bei den Polen, wie bei allen ritterlichen Nationen, das Wort „Revanche" einen breiten Raum im Sprachschätze einnimmt, so wollte sich die Bevölkerung gegenüber dem literarischen Dänenprinzen, der in confessionellem Jncognito reiste, für jene Kusshändchen erkenntlich zeigen. Fräcke, Triumphpforten, weiß gekleidete Jungfrauen wurden vorbereiter, die Deputationen räusperten sich bereits in Gedanken, — da ereignete sich plötzlich etwas Unerwartetes. An der Grenze hatte man die Papiere des Fremdlings visitiert, und siehe, die Papiere waren nicht in Ordnung. Es^fehlte der Taufschein. Und weil die bestürzten Polen an die Triumphpforten keine „Mesusos" befestigen wollten, wie es die Eonfession des Gastes erfordert hätte, und weil sie es überhaupt für widersinnig hielten, ihm Weihrauch zu streuen, so blieb den Deputationen das Räuspern bis auf weiteres im Halse stecken, die weißgekleideten Jungfrauen unterblieben, und die Fräcke und Guirlanden fielen in jenes Wasser, mit dem sich Brandes nach seiner Geburt zu benetzen versäumt hatte. „Zerstören ist leichter als aufbauen." Diesen Satz werden die Wiener Juden, denen man auf dem Gebiete der Volksschule einige stämmige Ghetlomauern aufgebaut hat, entschieden als thörichren Gemeinplatz bezeichnen. Monate lang läuft nun schon die Wiener Judenschaft wider die besagten Mauern Sturm, aber sie erweisen sich als bedeutend solider und widerstandsfähiger als die Mauern von Jericho. Tie Juden haben bereits an allen zur Verfügung stehenden Orten interpelliert und protestiert, und überall finden sie das bereitwilligste Achselzucken. Der dramatische Vorgang ist immer der folgende: Tie Wiener Juden: Bitte sehr, wir möchten die Ghettomauern einreißen. Die competente Stelle: Aber bitte sehr, ganz meinerseits, wir wollen ja auch nur das Ghetto überall — cinreißen lassen. (Geht ab.) Tie Wiener Juden: Hm! Wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht das Gleiche. «Gehen von ihrer Protest- Taktik nicht ab.) Ghetlomauern wachsen mit einer verblüffenden Eilfertigkeit in die Höhe. Wie von selbst fügc sich Stein an Stein. — Tie griechische Sage erzählt, der Componist Amphion habe einzig durch die Macht der Töne mächtige Mauern aufgebaut. Man könnte auf die Vermurhung kommen, dass der musikalische Maurer zu diesem Zwecke auf einer Trehorgel den Lueger-Marsch gespielt habe. E. B. Die Million des jüdischen Volkes. Ein Wort zur Verständigung zwischen Zionisten und Antizionisten. Von Schclomo bcn David Ha-Esrachi. (Fortsetzung.) U. Sind dies unausgleichbare Differenzen? Gibt es da gar feinen gemeinsamen Boden, von dem ans sich eine Verständigung erzielen ließe? Wir denken, ein gemeinsamer Ausgangspunkt für eine Verständigung liegt klar zutage. Zionisten und Rabbiner stimmen ja darin überein, dass Israels Zukunft nicht wirkungslos für die Welt- und Menschheitsgeschichte sein werde, sondern dass das geistige und materielle Gedeihen des jüdischen Volkes in der Zukunft auch das geistige und materielle Gedeihen der Menschheit bedinge und mit sich sichre. Auch die Differenz scheint nicht unansgleichbar, dass die Rabbiner den z e r ft r e u t e n Juden eilte so segensreiche Wirksamkeit in der Zukunft zuschreiben, während die Zionisten diise erst vom national geeinten und in seine Heimat z u r ü ck g e k eh r t e n Volke erwarten. Denn Beides kann ganz gut nebeneinander bestehen: ja bei tiefergehender Betrachtung wird sich vielleicht zeigen, dass Beides gleichmäßig berechtigt und nothwendig ist: einerseits nationale Einheit und staatliche Selbständigkeit im eigenen Land nnd andererseits Ausbreitung des jüdischen Volkes über die ganze Erde, um eben eine universale Wirksamkeit ausüben zu können. Die Zionisten sind ja keineswegs der bornierten Ansicht, dass alle Juden nach Palästina zurückkehren müssten. Andererseits werden ihre Gegner zugeben müffen, dass die Juden als bloß vereinzelte Individuen, ja sogar auch als bloße Religionsgemeinden einen viel geringeren Einfluss auf die Völker und Nationen und die Menschheit ansznüben vermögen, wenn dies überhaupt möglich sein sollte, als wenn sie als compacte, wohlgezliederte Einheit von einem gemeinsamen Mittelpunkt aus wirksam sind. Dadurch, dass die Juden Heimat und nationale Selbständigkeit verloren haben, hat nicht bloß ihr Einheitsbewusstsein Schaden erlitten, sondern sie haben auch die geistige, sprachliche, moralische, cnltnrelle und sociale Einheit eingebüßt: sie sind eine zusammenhaugslose, zerstreute Masse geworden, äußerst verschieden an Geist, Sprache, Sitten, Bildung nnd Cultur. Es ist ganz undenkbar, dass die unorganisierte Maffe die geistige Wirkung auf die Völker und auf die Menschheit ausüben könnte, welche die deutschen Rabbiner ihr als ihre Aufgabe aufbürden. Nicht einmal die geistig so hochstehenden deutschen Juden vermöchten irgend einen erheblichen Einfluss aus das deutsche Volk in religiöser und moralischer, kirchlicher oder socialer Hinsicht auszuüben. Trotz aller jüdischen Rabbinen, Professoren, Literaten und Dichter, Politiker und Schauspieler ist der deutsche Geist, ^er religiöse und sociale, der wiffenschaftliche und moralische, doch seinen eigenen Weg gegangen, als ob kein einziger Jude dabei mitgewirkt hätte, sonst müsste doch wohl die geistige und moralische Stellung der Juden in Deutschland eine ganz andere sein, als sie es in Wirklichkeit ist. Die Lage der deutschen Inden ist ja die, dass man sie aus allen einflussreichen Stellungen hinausbuxiert nnd sich jegliche jüdische Einwirkung auf deutschen Geist und deutsches Leben verbittet. So lange die Juden nur als Einzelindividnen auf andere wirken können, werden sie sich tausendmal eher dem nationalen, .moralischen, socialen und religiösen Volksgeist der anderen assimilieren müffen, als dass sie auf diesen Bolksgeist einen erheblichen oder gar dauernden Einfluss ausüben könnten. Um den Geist eines Volkes oder gar der Menschheit zu beeinflussen, dazu muss das jüdische Volk selbst erst eine geistige Einheit, eine geistige Macht und geistige Größe werden. All das ist das gegenwärtige Judenthum und die gegenwärtige Jadenheit noch lange nicht. Sie können es werden, wenn erst einmal die Juden physisch und materiell wieder eine Einheit, eine einheitliche Nation, mit einheitlichem, nationalem Centrum werden. Dann wird in dem neugeborenen, neuorganisierten, lebenskräftigen Volk auch ein neuer Geist entstehen, rin e.lcr, großer, mächtig

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