Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 46 (18.11.1898)
- Article
- Athen
- Date
- 1898-11-18
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 16 .PTOWdr äh. 46 Eentren für die Juden des Ostens zu werden. Mit dieser Hoffnung ists mul vorbei. Theilweisc haben sich die Juden von Corfu die Schuld selber beizumessen. Damals, als die Rubine Sarda ermordet aufgesunden ward, hätten sie als offene Ankläger, nicht als demüthige Supplicauten, anftreteu sollen. Türkei. Constantinopel. Am 11. Octvber haben circa 20 jüdische Familien den Hafen von (Lonstantinopel verlassen, um sich nach Jaffa einzuschiffen. Sie wollen in Har-Tobh als Ackerbauer ihr Leben weitcrführcn. Har-Tobh (Artus) ist bekanntlich die früher von den türkischen Behörden sistiert gewesene Colonie bulgarischer Juden, denen jetzt die nöthigen Privilegien ertheilt sind. Die 20 Familien sind ausschließlich bulgarische (v. a. spaguvlische) Juden aus Tatar-bazardsolnik und Philippopel. Ncw-Pork. (4! e w -Yorker CH ro u i k.» Wennv die Juden im Allgemeinen in unserem Lande wohlgelitten und beliebt sind, so kommt das nicht in letzter Reihe davon, dass ihre Werke der Barmherzigkeit sich die Anerkennung aller verdienen. Nirgends in der Welt (ich furchte nicht zu übertreiben» geben die Juden so viel und mit solcher Hochherzigkeit für alle das 'öffentliche Wohl fördernden Zwecke wie in den Bereinigten Staaten. Bor einigen Tagen spendeten die Erben des S i m o n H e r n s h e i m v o n ä! c w - Orleans der öffentlichen Bibliothek dieser Stadt die Summe von r»(>.<»<>;» Dollars zum Andenken an ihren Vater. Ein bekannter jüdischer Einwohner des West-End widmete eine stattliche Summe der G r ü n d u n g eines Hospitals und einer A r m e n a p o t h c k e in Chicago, und das ist nur eine von den vielen Spenden, die dem hochherzigen Manne bloß durch eine aufs Acußcrste getriebene Oekonomie in seinem Junggesellenhaushalt ermöglicht werden. In derselben Stadt wurden am Kol-nidi o-Abend 17.00;) Dollars zugunsten der „Bereinigten Jüdischen Wohlthätigkeitsgesellschast" gesammelt. .Hier ist der Platz, Ihnen von dem amerikanischen Al o n t e f i o r e zu erzählen, der Jacob .H. Schiff heißt und überall, wo für einen guten Zweck bedeutende Mittel erforderlich sind, eine wahrhast fürstliche Freigebigkeit beweist. - Biele von uns fürchten fast, dass die Opferwilligkeit der amerikanischen Juden abnehmen könnte, wenn die B a r o u i n Hirsch fortfahren sollte, unsere Institute mit Gaben förmlich zu überschütten. Alle gebürende Hochachtung vor dieser edlen Lady Charitas, wir halten aber die Juden Amerikas für fähig, aus Eigenem für die eigenen Armen zu sorgen. Es ist gar nicht aut, wenn die Reichen um die Last der Armenvcrsorgung „ärmer" werden! Deshalb waren wir erfreut, zu hören, dass die Baronin einer großen jüdischen Ge- ' meinde Europas einen deutlichen Wink gegeben habe, ihre Pflichten gegen ihre Armen aus eigener Kraft zu erfüllen und nicht erst auf die Hilfeleistung Außenstehender zu warten. __ Wenn es eines Beweises bedürfte dafür, dass der Baseler Congress dem Zionismus einen mächtigen Anstoß gegeben, er wäre in dem Wiederaufleben der Thätigkeit in dem zionistischen Lager unseres Landes gefunden. Während der letzten Succoth-F eiertage waren an den Häusern des volkreichen jüdischen Bezirkes von New-Iork hunderte von den neuen Z i o n s f a h n e n zu sehen, die sich treu nach dem Baseler Modell hielten. Taufende von den andersglaubigen Bewohnern der Stadt waren von allen Seiten herbergeströmt, um die jüdische Flagge zu bewundern, die stolz in den Lüften flatterte, geschmückt mit dem Emblem des David-Schildes und mit dem Namen „Z i o n", der dem frommen Amerika als Symbol des Ehrwürdigsten und Heiligsten gilt. — In New-L)ork und anderen Städten fanden eine ganze Reihe von Meetings statt, die überall das gleiche erfreuliche Bild boten: Ansprachen der amerikanischen Congressdelegierten, eine riesige Zuhörerschaft, ein unbeschreiblicher Enthusiasmus. So z. B. hielt Pros. Gottheil in Philadelphia zwei Reden an einem Abend, und in den nächsten Wochen werden Prof. Gottheil und meine Wenigkeit nach Boston, Baltimore, Philadelphia und anderen großen Städten reisen, um die zionistische Sache zu fördern. Es ist ein bemerkenswertes Zeichen, dass viele Frauenvereine eifrig am Werke des Zionismus bethciligt sind, angeeifert und unterstützt von Frau Prof. G o I t h e i l, die bekanntlich Delegierte zum zweiten Congress war. — Die Thätigkeit der aus 30 Einzelorganisationen bestehenden New-Z)orker Föderation muss eine befriedigende genannt werden. An Stelle des zurückgetretenen Pros. Gottheil ist Dr. I. I. Blue st o n e, eine tüchtige zionistische Arbeitskraft, zum Präsidenten gewählt worden. Die National American Federation hat sich mit den Organisationen des ganzen Landes ins Einvernehmen gesetzt, und es ist zu erwarten, dass es in der Chanuka-Woche zu einer Zusammenkunft aller Vertreter kommen wird. Aber das wichtigste Ereignis der zionistischen Bewegung Amerikas ist die Gründung eines „Zionistischen Ordens", in der Art der ,B'nei Brith“, die sich ja auch zuerst in Amerika constiluierten. Es sind bereits zwei Logen errichtet worden und man erwartet, dass der neue Orden viele Eroberungen in jenen Kreisen machen wird, deren Mitarbeiterschaft durch permanente Agitation und Organisation leicht zu gewinnen ist. Die Ordensgründung ist ein Ableger des gesunden B a s e l e r G e d a n k e n s, die zionistische Organisation in den einzelnen Ländern mit den öffentlichen Sitten und Gewohnheiten des betreffenden Landes in Einklang zu bringen. Es wird sich jedoch der amerikanische Zionismus keineswegs daran genügen lassen, die Armen und die verhältnismäßig Wohlhabenden innerhalb zionistischer Logen zu ralliieren. Wir denken vielmehr daran, die Sympathie und werkthätige Unterstützung auch der ganz Reichen zu gewinnen. Zu diesem Zwecke wird nächstens in der portugiesischen Synagoge ein Meeting abgehalten werden, bei welchem das Erscheinen von Mitgliedern der hervorragendsten jüdischen Familien erwartet wird. „Das Fast Fnd ist unser!" sagte Dr. Herzl in London; unsere Augen sind gegenwärtig auf das YV'estr End gerichtet! Stephen S. W is e. V Zritschlistkunmdschail. Der „Jcwish World" führt den Nachweis, dass die strenge Handhabung des Einwanderungsverbotes, welche in letzter Zeit zu beobachten war, nicht mit dem Zionismus in Verbindung stehe. Es handle sich einfach um eine der vielen Vorsichtsmaßregeln, die für die Zeit des Aufenthalts Wilhelm's ll. in Palästina getroffen wurden. Glauben denn die gedankenlosen Kritiker unserer Bewegung, dass Sultan Abdul Hamid nicht weiter sehe als sie? Wenn der Sultan, den seine Freunde und Feinde einen der größten Diplomaten unserer Zeit nennen, mit der Verschärfung der Jmmigrationsgesetze einen Schlag gegen den Zionismus hätte führen wollen, er würde einen günstigeren Zeitpunkt hiefür gewählt haben. Es ist ebenso begründet, in diesem Falle den Zionismus anzuklagen, wie etwa Dr. Herzl für die Drohung der türkischen Beamten verantwortlich zu machen, auf den Correspondenten der „Times" zu schießen! Wir dürfen hinzufügen, dass die Herren Cook & Son derselben Meinung sind und glauben, das Einwanderungsverbot werde nach der Abreise des deutschen Kaisers wieder weniger streng gehandhabt werden. Bemerkenswert ist noch, dass unserJerusalemer Correspondent uns schon vor langer Zeit, anlässlich des Amtsantrittes des neuen Gouverneurs, gemeldet hat: Das Einwanderungsverbot werde binnen kurzem zu dem Zwecke verschärft werden, um der Corruption der unteren Beamten ein Ende zu machen. Das ist doch deutlich genug! Der ausgezeichnete polnische Schriftsteller Boleslaus P r u s aus Warschau bereiste unlängst im Aufträge eines reichen Landsmannes Galizien, um Land und Leute zu studieren. Er ist nun mit reichem Material beladen in seine Heimat zurückgekehrt. Ein Mitarbeiter des Petersburger „Kraj" veröffentlicht in der letzten Nummer dieses Blattes ein Interview mit Prus, der sich über die Anfänge der Cultur in Galizien und die Besserung der dortigen Zustände sehr schmeichelhaft und überaus hoffnungsvoll äußert. Freilich hat alles in der Welt einen wunden — wenn nicht tobten Punkt. Das ist der Judenpunkt. Auf die Frage, was Prus über die ökonomische Entwicklung des Landes meine, antwortete er: „Diese Entwicklung bemerkte ich noch nicht. Die Vorbereitungen sind großartig. Die „KölJca“ mit den Dorfhandlungen, das sind gar außerordentliche Dinge; denn — wissen Sie, was sich gezeigt hat? Keiner dachte daran, dass sich ein Bauer als Kaufmann mit den Juden wird Rath schaffen können und heute verdrängen die Bauern die Juden." Auf die Frage, ob er von den Juden etwas gehört habe, da er doch zur Zeit der Excesse seine Reise unternommen, gab Prus zur Antwort: „Keiner konnte mir erklären, was die Excesse hervorgerufen. Eine Belobung derselben hörte ich nirgends; die Volksparteiler verdammten sie und jeder Bauer konnte bald durch eine einfache Berechnung sich überzeugen, was er durch sie verloren. In Lemberg sah ich unter den Juden ein großes Elend, aber nirgends begegnete ich einem solchen elenden Proletariat wie dort. Was für in Fetzen gekleidete Menschen sah ich bei der „jüdischen Schul"!" j. Herausgeber: Bafaimtrr. Berantw. Red.: Dr.Sirgrn. Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), Vlll., Schlöffelg. ll