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Die Welt · 1898-11-18 · 46 (18.11.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
46 (18.11.1898)
Article
Wien
Date
1898-11-18
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 46 r Seite 15 sich fühlbar machte. Seren Einführung die lauten Beschwerden der Bevölkerung mit unumgänglicher Nothwendigkeit bewiesen haben. Es sind dies: l. Die Erweiterung des Wahlrechtes und die Herabsetzung der niedrigsten Steuergrenze. 2. Die Abänderung der derzeit geltenden Wahlordnung in der Weise, dass ein jeder Bezirk seine eigene Vertretung in den Cultus-Vorstand wählt und entsendet. 3. Schaffung eigener Bezirks-Cultus-Ausschüffe zur selbstständigen Durchführung der Bezirks-Cultus-Angelegenheiten. 4. Tie Vermehrung der Zahl der Cultus-Vorstände von 24 auf 36 Mitglieder. 5. Pflege des jüdischen Geistes und des Zusammengehörigkeits-Gefühles mit dem jüdischen Volke, durch gründliche Lehre der jüdischen Geschichte, sowie Verbesserung des hebräischen Unterrichtes ohne Mehrbelastung der Schüler. 6. Reform des Arnrenwesens (Elberselder Systems Bestellung von Bezirks-Armenräthen und Errichtung einer unentgeltlichen Arbeits- und Stellenvermittlung. Als wünschenswerte Ergänzung zu diesen, den Wünschen der jüdischen Wählerschaft vollauf entsprechenden Programmpunkten, wäre zu bezeichnen:;ul 1. Tie Aushebung des Steuer-Maximums nach Oben, sowie die vollständige Oeffenllichkeit der Finanzgebahrung der Eultusgemeinde in allen Zweigen der Adnlinistration. all 4. Tie Abstellung aller jener vielbemerkten Unzukömmlichkeiten bei allen rituellen Anlässen, die nur geeignet erscheinen, eine tiefe Erbitterung in der ärmeren jüdischen Bevölkerung hervorzurusen. Des Weiteren streben wir folgende Reform des Tempelwesens an: Die Eultusgemeinde möge ihrer statutarischen Bestimmung, für den Gottesdienst aller Juden Sorge zu tragen, dadurch entsprechen, dass sie die bereits bestehenden Bezirks-Tempelvereine möglichst unterstützt und an den hohen Feiertagen zahlreiche Freibetstätten errichtet. Ferner möge den Functionären der Bezirks-Tempel die uneingeschränkte Funktions- Bewilligung zugestanden werden, damit endlich das derzeit bestehende erasse Missverhältnis in den Bezügen der Organe der Eultusgemeinde und der Tempelvereine wenigstens einigermaßen gemildert werde. Was wir mit der Durchführung dieser Punkte erstreben, ist das: der Wiener Cultus-Vorstand, die offieielle Vertretung der größten jüdischen Gemeinde Europas, soll nicht nur eine Körperschaft sein, die ausschließlich administrative Geschäfte erledigt, sondern uns Ersatz bieten für die Vernachlässigung unserer Interessen seitens der anderen öffentlichen Vertretungskörper. Er soll der berufene Führer und Schützer der Judenschaft in geistiger und materieller Hinsicht werden. Und nur von diesem Wunsche geleitet, unterbreiten wir dieses Programm der geehrten Wählerschaft mit der dringenden Bitte, nur jenen Eandidaten ihre Stimmen zuzuwenden, die dieses Programm vollinhaltlich als ihr eigenes anerkennen. Adolf Lichtblau, Kaiser!. Rath Ruziezka, Oskar Marmore k, Dr. I. W. M a r m o r e k, L. W e i s s, Hermann Eltbogen, Hermann Beck, Richard Rappaport, Dr. Arnold Ascher, Sigmund Spitz, Tr. I. Kohn, Dr. S. Werner, Heinrich Korn mehl, Kais. Rath Wilhelm, Dr. L. K a h n, Dr. A. S t r a n s? i, W Schramek, Siegmund K anders, I. Hollitscher. Die Cultusräthe Baurath Stiaßny, Moriz Hirsch, Dr. Marcus Spitzer, Carl Kohn und Dr. Grünfeld erklärten unter dem Beifall der Versammlung, dass sie auf dieses Programm caudidieren. Ueber Aufforderung des Versammlungs-Präsidenten, des kaiserlichen Rathes Ruziczka, beantworteten die abtretenden Cultusräthe mehrere Interpellationen. In der Debatte sprachen auch noch die Cultnsvorstände, Landesschulrath Dr. Kohn, Salo K o h n, sowie Dr. Steg er. Erst in vorgerückter Stunde erfolgte der Schluss der gutbesuchten Versammlung. Seine Candidatur hatte der Versammlung angezeigt: Herr Emil Horner. Wie -. (I u d e n e x c e s s e in bei Aula.) Am verflossenen Samstag spielte sich in der Aula der Wiener Universität wieder einmal eine jener Seenen ab, die in den letzten Jahren zum feststehenden Repertoire des Wiener Universitätslebens gehören. Die Jugend des Volkes der Dichter und Denker gab Proben altgermanischen Heldenmuthes, indem sie sich in zehnfacher Ueberzahl auf ein Häuflein jüdischer Studenten stürzte, und diese zur Aula hinauszudrängen suchte. Die jüdischen Studenten setzten der Gewalt gleichfalls Gewalt entgegen, und so kam es zu einerregelrechten Belagerung. Die jüdischen Studenten hatten sich zwischen zwei Säulen der Aula „verbarricadiert" und wehrten von dort aus den Ansturm der Bedränger ab, die zweieinhalb Stunden lang mit Knütteln und Fäusten auf die Juden lossuhren. Da die jüdischen Studenten nicht vom Fleck wichen und sich erfolgreich zur Wehre setzten, so gab es auf beiden Seiten zahlreiche blaue Augen. Die an greifenden Recken mussten sich, nachdem jeder Ansturm kräftigst abgewehrt wurde, damit begnügen, einzelne versprengte Juden heräuszufischen und zur Aula hinauszuschaffen, wobei ungefähr 2a bis 30 der Helden an dem Transport eines einzigen Juden sich betheiligten. Ein Ende der Prügelei war unabsehbar; die jüdischen Studenten wollten den Platz nicht räumen, eine anstürmende Rotte löste die andere ab, und die Pedelle, die wahrscheinlich nur für den Fall eines Todtschlages energisch zu intervenieren haben, warteten mit anerkennenswerter Geduld eine derartige paffende Gelegenheit zum Eingreifen ab. Nun erschien der Rector. Nachdem er sich über hie Sachlage informiert hatte, forderte er die Juden zum Verlassen der Aula aus. Die jüdischen Studenten erklärten, sie wären die Angegriffenen, der Friede wäre hergestellt, wenn auf die Angreifer, die Deutschnationalen, besänftigend eingewirkt würde. Der Rector zu den jüdischen Studenten:„Jchwerdealle Ihre Vereine auflös en, ich werde gegen jeden Einzelnen hierdisciplinarischvorgehen, wennSiediesen Platz hier nicht verlassen!" Der Rector war in großer Aufregung. — — So verließen denn die Jüdischnationalen in geschlossenem Zuge die Aula. Olmütz. Bei den am 8. November durchgeführten Wahlen in den Cultusausschuss wurde auch der von den Olmützer Zionisten candidierte Obmannstellvertreter des Vereines „Zion" Olmütz, Herr Wilhelm Spitzer, einer der eifrigsten Verfechter des Zionismus, gewählt. Derselbe hüte in der Wählerversammlung ausdrücklich erklärt, dass er als Parteimann auf das zionistische Programm candidiere, und dass er stets die zionistischen Interessen vertreten werde. Trotz eifriger Gegenagitation gelang cs den Olmützer Zionisten, ihren Eandidaten mit großer Majorität dnrchzubringen. Ein Anfang wäre gemacht! B. Lemberg. Zum Andenken unseres im Juli l. I. in der Blüte seiner Jahre dahingeschiedenen Gesinnungsgenossen Moses Sterner fand am 30. October a. e. in Lemberg die Grabsteinsetzung statt. Die Lemberger Zionisten ehrten ihren unvergesslichen Collegen damit, dass sie am Grabstein eine Gedenktafel in hebräischer und polnischer Sprache anbrachten und in großer Anzahl mit dem Ausschüsse des „Zion" am Grabe sich einfanden. Im Namen der Freunde sprach Herr Rabbiner Dr. S. Guttmann. Er rührte die Versammelten zu Thränen: den „Zion" vertrat Herr Dr. M. Brande, welcher in einer tief durchdachten und inhalt'eichen Rede die Verdienste des Verblichenen um die zionistische Partei im allgemeinen, und die Zionsverbindungen in Lemberg, Wien nnd Kairo im besonderen, schilderte. Der Text der Gedenktafel lautet: „Hier ruht Moses Sterner, eanä. phil., ein unermüdlicher Vorkämpfer der zionistischen Idee, Gründer von Zionsvereinen in Kairo, Lemberg und Wien. Geboren im Jahre 1860, gestorben im Jahre 1898. Ehre Seinem Andenken! Der Verein „Zion" in Lemberg." Russland. St. Petersburg. Wie ich aus bestunterrichteter Quelle erfahre, sind alle russischen Minister nnd Würdenträger, die in letzter Zeit so zahlreich Paris und das übrige Frankreich ausgesucht haben, als eifrige Dreyfusfreunde von dort zurückgekehrt. Der Kriegsminister K u r o p a t k i n, der Finanzminister Witte, und vor allem der Minister des Aeußern, Graf Murawjew, die vor ihrer Reise mehr oder . weniger heftige Gegner der Revision waren, sind jetzt nach den Aufilärungen, die sie in Paris von hoher Stelle erfuhren, von der Unschuld Dreyfns überzeugt. Man sieht hieraus, dass die Wahrheit über den „Fall Dreyfns" auch in den französischen Regierungskreiscn sich endlich Bahn gebrochen hat, von denen man heute noch annimmt, dass sie sich im guten Glauben der gerechten Verurtheilung Dreyfns befinden. Griechenland. Athen. Aus Athen wird dem „Jewisli Woild“ gemeldet : Tie Juden bereiten sich vor, Corfu zu verlassen und sich nach Alexandrien und Triest zu begeben. Der Eigenthümer einer Regenschirmfabrik, der bis vor kurzem eine Anzahl armer Juden als Arbeiter beschäftigte, hat sie nunmehr entlaffen. Selbst der Präsident der jüdischen Gemeinde will mit seiner Familie auswandern. Vor dem Ausbruche des Antisemitismus versprach gerade Corfu, eines der bedeutendsten

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