Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 46 (18.11.1898)
- Article
- [Ohne Titel] / E. R.
- Date
- 1898-11-18
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Vtr. 46 Einen krassen Fall jüdischer Anmaßung und Unart meldet ein Wiener antisemitisches Blatt. Es bringt eine im vorwurfsvollen Tone gehaltene Nachricht, dass der älteste Mann von Wien K 0 h n heiße. Bor dem Namen Kohn war in der tllotiz, wie ein stiller Seufzer, ein Gedankenstrich hingehaucht. "Ach, es ist gewiss betrübsam, wenn man die bittere Erfahrung machen muss, dass der Knochenmann mit der Sense gewisse philosemitische Neigungen an sich hat und gegen einen Mann, obgleich dieser durch den "Namen Kohn geürandmarkt ist, schonungsvoll vorgeht. In allen Reichen mag das Berbot der Jndeneinfuhr sich einbürgern, nur ja nicht im Reiche der Todten. Aus der Notiz klingt es heraus wie der Aufruf zu einer Versammlung : „Versammelt Euch, Juden — aber zu Euren Vätern!" Es steht übrigens zu erwarten, dass die Wiener Antisemiten in der nächsten Sitzung des Abgeordnetenhauses eine geharnischte Interpellation über den Fall Kohn einbringen werden. E. R. W Brief aus Warschau. Wie wenn plötzlich in einen dunklen Raum durch farbige Gläser ein Lichtstrahl fällt, so erglühen beim Anfflammen der Zionsidee die jüdischen Parteien in ihren Nat rfarl en, und alle Phrasen sind nicht mehr im Stande, darüber zu täuschen, wo ein jüdisches Gefühl noch pulsiert, und wo sich selbstmörderischer jüdischer Antisemitismus eingenistet hat. Es ist kein Geheimnis mehr: tue Zionsidee ist kein bloßes Colonisationsunternehmen. Sie wirkt umgestaltend auf den ganzen Organismus des Judenthums, ihr Effect ist nicht der mechanischen, sondern der chemischen Einwirkung vergleichbar. Sie ist ein festes Bollwerk für Israel, ein Hemmschuh auf der abschüssigen Bahn seiner Selbstvernichtung, sie lässt das Faule, Verkommene, Geistlose, das Paradejudenthum der quasi - fortschrittlichen Confefsionalität in seiner Nacktheit erscheinen: ein Nichts in einem Prunkrahmen. Noch mehr: der Abfall und die Niedertracht werden durch den Läuterungsprocess ans ihren Schlupfwinkeln hervorgelockt. Und welche Widerwärtigkeit! Eine unbeschreibliche Wuth gegen den Zionismus hat sich in den letzten Tagen der polnischen Preffe bemächtigt. Die Einen wälzen auf uns das Odium des Landesverrathes, die Anderen stellen die ebenso lächerliche als unbegründete Behauptung auf, wir seien die puren Finsterlinge und Reactionäre, die Dritten feuern ihr grobes Geschütz ab gegen die „Spekulation des Jndenstaates", es regnet von hämischen Anspielungen aller Art, selbst die erfindungsreichsten Märchenerzähler finden Glauben! Nur ist der Character der Anklage so ausgeprägt casuistisch-jüdisch, dass jeder nur flüchtig Orientierte beim Lesen der ersten Zeilen sich sagen muss: diese Aufsätze sind von Juden geschrieben oder inspiriert. Ohne eine Regung des Gewissens zu verspüren hetzt uns dieser oder jener jüdische Scribent Feindesschaaren ans den Hals. Nichts wäre ungereimter, als etwa nun den Schluss zu ziehen, diese sinnlose Campagne könnte einen lähmenden Einfluss auf unsere Thätigkeit ausüben. Wir werden uns natürlich durch keinerlei Berrrnglimpsung und Schmähung in dem beirren lassen, was wir für recht, gut und loyal erkennen. Die Coordination von st»engcr Loyalität und Zionisnurs, die streng vorgezeichneten gesetzlichen Grenzen, innerhalb deren wir uns bewegen, die aufrichtigste Friedensliebe und Achtung dem christlichen Volke gegenüber, die einer tiefen Ueberzeugung entspringen und volksthümlich frisch sind — sie schützen uns vor Verläumdnngen aller Art. Die nationale, christliche Partei, die wie eine spröde Schöne die Huldigungen mancher Juden empfängt, ohne ihre Liebe zu krönen, wird doch schließlich erkennen, dass die Zionisten viel ehrlichere Bürger sein wollen und können, obschon sie ihr Judenthum Hochhalten und ihr Stammesbewnsstsein hegen und pflegen, als die Assimilations- Cmödianten, die jetzt eine wohlfeile Gelegenheit gefunden haben, durch Proteste gegen den Zionismus ihre „patriotische Gesinnung" protzenhaft zu manifestieren. Aber schmerzlich verletzt das jüdischeHerzdieseFäulniserscheinung ... Echte Polen, Christen, haben gleich am Anfang die zionistische Bewegung mit der größten Sympathie begrüßt. Boleslav Prus widmete ihr Worte aufrichtiger Anerkennung; der berühmte Profeffor der jagiellonischen Universität, Graf Tarnowski, brachte in seiner Monatsschrift einen sympathischen Aufsatz über den Zionismus: Elise Orzeszkowa, die große polnische Schriftstellerin, gab in einem privaten Briefwechsel ihrer Begeisterung für den Zionismus die beredtsten Worte; in Basel sahen wir die gefeierte Dichterin Konopnicka den Verhandlungen lauschen; eine andere polnische Dame, auf dem Gebiete der Frauenarbeit rühmlichst bekannt, Frau Korwin-Pwtrowska, zählt zu den eifrigsten Anhäugerinuen des Zionismus. Es schien ein Band aufrichtigster Gegenseitigkeit sich um die Geister zu schlingen; und in der That! Ist es nicht Wahnwitz, zu behaupten, der Zionismus führe etwas im Schilde gegen die gesetzliche, bürgerliche, oder sociale Sellung der Bevölkerung dieses oder jenes Landes? Der Umschlag, der Stimmungswechsel in der polnischen Preffe ist einzig und allein von einigen jüdischen Individuen hervorgerufcn worden. Alles, was unter den obwaltenden Verhältnissen die hiesige Bevölkerung aufreizen ka:m, wird durch diese Angeberei dem Zionismus an die Nockschöße gehängt. Es gicng so weit, dass ein journalistischer „Schmock" die Fabel ausgeheckt hat, der Zionismus sei identisch mit der polenfrefferischen Hakata im Posenischen. Gehört nicht dieses Individuum in das Beobachtungszimmer von Tworki? Himmelhoch über diese Gesellschaft ragen die Häupter unserer ehrlichen Gegner; aber wie beschränkt und einseitig sind sie! Welch eine blaffe, verschwommene Ahnung haben sie vom Zionismus! Unser älterer Prediger — zum Unterschiede vom Jüngeren, der die Strömungen der Zeit richtig fasst — hat wieder einmal am Schemini-Azeres eine optimistisch-affimilatorische Predigt vom Stapel gelassen. Koheleth musste herhalten. Der herzensgute, mild lächelnde Prediger schwelgte förmlich J.n einem Optimismus über die jetzigen Zeiten, die viel Hetzer seien, als die vergangenen Tage. In einem subjectiven Empfiudungskreise verharrend, ohne einen hinlänglich weiten Horizont zu überblicken, um zu sehen, was in den letzten Jahrzehnten geschehen ist, suchte der ästhetische Wortkünstler der Wohlgenährten und Wohlgepflegteu zu beweisen, dass die durch hundertjährige Abnützung längst morsch gewordene Phrase vom glücklichen Zeitalter der Emancipation Wahrheit sei. Und alles dies auf Grund des Buches Koheleth! Diese Polemik erweckt ein Gefühl, ähnlich demjenigen, welches den Zuschauer ergreift, wenn er einen Tanzkünstler die Balancierstange erfassen und den tastenden Fuß auf das schwache Seil setzen sieht. . . . Das Fundament des Fortschrittsjudenthums kracht in allen Fugen, der Gegensatz von Jung und Alt, den zu leugnen vergebliches Bemühen wäre, der Mangel jeder jüdischen Lebensäußerung seitens der „Großen", die consequente Zurückorängung des jüdischen Bewusstseins in der Synagoge, die zu besuchen sie Anderen überlasten, die in die Augen springende Unmöglichkeit, die Fiction eines autinationalen und innerlich confessions losen Judenthums aufrechtzuerhalten, die beißendste Satire des Widerspruchs mit den jüdischen Gebeten — und dieser Optimismus. Wie hattest Du Recht. Koheleth: Alles eitel! Ron Ezra. Srief aus Transvaal. Von S. M. (Jakobsdal). Ter zweile Baseler (Kongress ist schon lange vorüber, aber der Bericht über seine Thätigkeit hat uns in diesem abgelegenen Winkel Südafrikas erst vor Kurzem erreicht. Tie kurze Kabelmeldung in einer Johannesburgischen Zeitung, die uns auch erst eine Woche nach ihrer Publieation zugegangen war und uns berichtete, dass sich x<X) Delegierte zum Kongresse eingesunden haben, hatte uns aus einen lebhaften -Verlaus des Kongresses vorbereitet. Tenn, obgleich wir zu der Zeit noch keine zionistische Ortsgruppe besaßen, so war doch das Interesse, mit dem die Bewegung verfolgt wurde.