Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 46 (18.11.1898)
- Article
- Die Mission des jüdischen Volkes
- Date
- 1898-11-18
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 46 Seite 7 und Moralität oder Humanität. Mit diesen spärlichen Trümmern von Religion paradieren die Rabbiner und wissen, wie es scheint, gar nicht, dass man dauiit keinen Hund hinter dem Ofen hervorlocken kann, und dass eben diese, ihre religiöse Armuth der Grnnd ihrer leeren Synagogen ist, und zugleich der Grnnd des überhandnehmenden Abfalles vom Judenthum. Wer von seiner Religion, sei er Christ oder Jude, nur die paar Bruchstücke übrig behalten hat, der ist immer in Gefahr, auch diese noch zu verlieren, weil diese zwei noch kein religiöses Leben zu erzeugen imstande sind, das Herz kalt lassen, und vom Verstand nur als überflüssiger Ballast empfunden werden. Wenn diese beiden Dogmen, Einheit Gottes und Humanität, das Ende der religiösen Entwicklung wären, hätten die Völker Europas schon im vorigen Jahrhundert dieses Ziel erreicht, denn da haben die großen Aufklärer gelebt, denen unsere modernen Rabbiner das Wasscr lange nicht reichen, und von denen sie ja erst um die alte jüdische Religion zu desorganisieren und in ein wässriges Reformjnd-nthnm zu verwandeln, die Ideen entlehnt haben. Merkwürdig! Die christliche Religion hat die Voltairc- Rousseau-Diderot-Leibniz'sche Aufklärung ohne Schaden überwunden und ist stark und mächtig über die Herzen und Geister geblieben; dagegen hat das deutsche Judenthum der Mendelssohnscheu Aufklärerci nicht widerstehen können, sondern hat sich von ihr durchseuchen und ruinieren lassen, und die heutigen deutschen Rabbiner sind die echten, wenn auch sehr kleinen Epigonen der Mendelssohn'schen Reformerei; und diese Rabbiner wollen sich und ihren glaubcnsschwachcn Glaubensgenoffen einrcden, sie könnten die Welt für ihr Reformjudenthum einst noch gewinnen, das sei ihre Mission! Hunderte von bedeutenden Juden haben sich und ihre Kinder taufen lasten im 19. Jahrhundert und sind dem Judenthum für immer verloren gegangen, aber man nenne auch nur einen einzigen Christen von Namen, der Jude geworden wäre! Das gibt es nicht in unserem Jahrhundert. Lieber Muhammedaner oder Buddhist oder Spiritist oder sonst etwas — nur nicht Jude; das wäre ja gar nichts, so denken die Kinder unseres Jahrhunderts. Darum mögen die Missionsrabbiner ihre Miffionsidee begraben, denn sie war und ist eine Todtgeburt, die außer ihnen selbst kein Mensch für lebensfähig hält. Die Christen spotten über die Miffionsidee der Rabbiner als über eine Ausgeburt wahnwitziger Eitelkeit großsprecherischer Kanzelredner, und den Juden, die sich lange genug mit diesen Schmeichelreden einlullen und beruhigen ließen, gehen nun auch die Augen auf, und sie merken, dass hinter diesen sich an jedem Festtag wiederholenden Pcunkredcu doch nichts Reelles steckt, und dass sie, trotz ihrer erhabenen Mission doch die von allen gehassten und verachteten Inden bleiben, die jedermann gern los wäre. Es ist sehr verständig von den Zionisten, dass sic frank und frei urrd ohne Furcht vor den Rabbinern die Hohlheit der Rabbiner-Prätensioneu aufdecken und gegen die Miffionsidee protestieren, weil sie dem Jndenthum schon ungeheuren Schaden zugefügt hat. Unzählig viele Juden hat sie in ihren Assimilationsbestrebuugen unterstützt und dieses Streben gerechtfertigt. Wenn sie ihre jüdisch: Nationalität, ihre jüdischen Sitten und Bräuche möglichst rasch und ganz ablegten, damit mau ihnen ja den Juden nicht ansehe, dann meinten sie noch gerade im Geist und Sinn der Miffion des Judenthums zu handeln, denn dazu seien sie ja unter den Völkern zerstreut, um sich ihnen zu assimilieren und zu amalgamieren und sie so für ihre Missionsideen zu gewinnen! Wenn in Deutschland jüdisches Denken, Fühlen und Wollen rapid geschwunden ist, so dass es kaum mehr geweckt werden zu können scheint, so sind die Assimilationsrabbiner mit ihrer Missionsidee daran Schuld. Soweit haben die Zionisten mit ihrem Protest und ihrer Polemik gegen die Nussions- und Assimilationsrabbiuer Recht. Aber sie schießen übers Ziel hinaus und versetzen sich selbst ins Unrecht, wenn einige von ihnen die gesammte Miffionsidee überhaupt, die göttliche Mission und Aufgabe des jüdischen Volkes an die Menschheit leugnen und desavouieren. Das wird sich das jüdische Volk doch nicht bieten lassen. Würde die Frage an das jüdische Volk gerichret, ob es das auserwählte Volk sei, das eine göttliche Aufgab: und göttlichen Beruf unter den Völkern der Erdhabe oder nicht, so würde das ganze jüdische Volk aus innerstem Herzen und tiefster Ueberzeugung diese Frage mit einem mächtigen j a beantworten im Bewusstsein, dass es im Sinn und Geist aller seiner Weisen aller Zeiten von Moschan bis heute rede und dass, wer sein Volk lieb habe, ihm diese Idee nicht antasten dürfe! Tie Mehrzahl der Zionisten steht auch auf diesem Standpunkt, wenn sie ihre Hoffnungen und Erwartungen von der Zukunft auch vielleicht nicht gerade in bestimmter Weise als. eine „Mission" anffassen, aber sie alle glauben doch, dass die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina sür das g-sämmte Morgenland, für die Beziehungen der drei dort zusammenstoßenden Contin-nte und damit für die ganze Menschheit von hoher Bedeutung und segensreichen Wirkungen sein würde. Gebürt also den Juden Palästina, dann haben sie auch dort eine über die Grenzen ihres Landes reichende Mission, d. h. Beruf und Aufgabe für die Menschheit. Wenn nun die Zionisten die Mission in die Zukunft verlegen und wesentlich vom Besitz Palästinas abhängig machen, aber auch der "Ansicht und Ueberzeugung find, dass der Einfluss und die Einwirkung des jüdischen Volkes auf die anderen Völker dann und vondort aus heilvoller und segensreick er sein werden, so werden die deutschen Missionsrabbiner wenigstens dagegen nicht viel einwenden können, dass die Mission der Juden hauptsächlich und effectiver Weife erst in der Zukunft zur Geltung komme. Wenn sie nüchtern und ehrlich die Sachlage und die Zustände im Lager Israels und die der anderen Völker überblicken und den bisherigen Verlauf der Dinggründlich erwägen, so werden sie zugeben müssen, dass in der Gegenwart das jüdische Volk die ihm von ihnen zugeschriebene Mission noch in keiner Weise erfülle, und dass also ihre Missionsidee doch auch mehr nur ein Ideal der Zukunft sei. Die Hauptdifferenz zwischen den Rabbinern und den Zionisten wird also darein zu setzen sein, dass die Rabbiner der Ansicht seien: 1. das zerstreute Israel im Golus, der gar nicht als Golus, d. h. als Gefangenschaft und Heimatlosigkeit anfzufaffen sei, habe eine Mission zu erfüllen, und 2. diese Mission sei eine wesentlich religiös-moralische, welche mit Nationalität und Politik nichts zu thun habe, weswegen die Juden alles nur nicht die Religion preisgeben dürften während die Zionisten die Behauptung aufstelleu: 1. das jüdische Volk müsse erst wieder Heimat und Selbständigkeit als Ration besitzen, ehe es ans andere Völker segensreich wirken könne; und 2. diese Mission sei vorzüglich und hauptsächlich . eine culturelle und moralische. Alle übrigen Einwirkungen, z. B. auch religiösen, müsse man dahingestellt sein lassen und der künfrigen Entwicklung überlassen. (Fortsetzung folgr.) W Ein Antinonikt. Bon Tr. S. Werner. Wenn wir Zionisten die Schar unserer Gegner betrachten, so können wir oft des Kampfes nicht froh werden. Man stellt sich gerne dem ritterlichen und ehrenreichen Gegner. Man grüßt ihn auch respcctvoll, bevor der Waffengang beginnt. Ob man siegt oder unterliegt, nian weiß, dass beides gleich ehrenvoll ist. Anders ist es, wenn man es mit einem hinterhältigen Gegner zu thun hat. Ta gibt es keinen offenen Kampf. Da wird mit vergifteten Waffen auf uns losgeschlagen, und als Kampfpreis winkt uns höchstens das Bewusstsein, selbst in diesem ungleichen Kampfe ehrenvoll gestritten zu haben. Heute kann ich meinen Gegner rächt grüßen. Der Herausgeber der „Oestcrreichischen Wochcuschrifl" Herr Dr. Bloch gefällt sich seit einiger Zeit in einer nntiziouistischen Pose. Das wäre kein Unglück. Ich nehme sogar