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Die Welt · 1898-11-18 · 46 (18.11.1898) · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
46 (18.11.1898)
Article
Berliner Brief
Date
1898-11-18
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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SK. 46 Wochen resümiert. Unter diese Thatsachen rechnen wir vorsichtshalber nicht, dass der Wahl des socialdemokratischen Stadtverordneten Singer in die communale Schuldeputation die Genehmigung seitens der Regierung verweigert wurde; man könnte einwenden, dass es geschah, weil Singer ein Führer der Socialdemokratie, nicht aber, weil er Jude ist. Aber dass jüdische Lehrerinnen, die seit zwanzig Jahren an Berliner Gemeindeschulen tadellos ihres Lehramtes walten, aus den von ihnen bisher innegehabten Ordinariaten entsernt wurden, ist doch wohl kein augenfälliger Beweis von Anerkennung der Gleichberechtigung der Juden, und säst wäre man geneigt, der braven „Kreuzzeitung" zu glauben, welche behauptet, es gehe dem Berliner Magistrate längst schon wider den Strich, dass in der Stadtverordnetenversammlung die Juden einen so breiten Platz einnehmen. Es ist doch auch nicht ganz harmlos, dass aus einem Wahlkreise nach erfolgter Abgeordnetenwahl die Mehrheit der Wähler die Dreistigkeit besitzt, an den Kaiser nach Palästina ein Telegramm abzusenden, worin von den „vereinigten Conservativen und antisemitischen Wählern" der Erfolg der conservativen Candidaten gemeldet wird. Wenn man dies alles mit dem Triumph zusammenhält, dass nun wieder ein Jude — einer, erinnern wir — im Mitgliederverzeichnisse des preußischen Abgeordnetenhauses unterkommt, so ist es doch gewiss eine mehr als wunderliche Wahrnehmung, dass die Assimilierten noch immer in dem Wahne besangen sind, das Schicksal des Judenthums sei bei ihnen besser aufgehoben als bei den Zionisten. Ganz sc zuversichtlich, wie noch bis vor wenigen Jahren, tritt diese Selbsttäuschung jetzt allerdings nicht mehr aus. Es ist vielmehr sehr bezeichnend, wie oft man jetzt verlegenem Achselzucken begegnet, wo früher im „knurrigsten" Tone von dem Zionismus gesprochen wurde. Sollte aber die Erkenntnis aufgedämmert sein, dass den Juden einiges andere dringender noththut als die Unschädlichmachung Stöckers oder des Clowns Ahlwardt? Ja sogar, als die Wahl eines jüdischen Abgeordneten, dessen Candidatur schandenhalber in Berlin aufgestellt und unterstützt wurde, weil es die Spatzen bereits von allen Dächern pfiffen, dass die Juden auf die Hilfe des Freisinns nicht mehr zu rechnen hätten? Die Wahrheit ist, dass es den Assimilierten in ihrer arg zergerbten Haut unbehaglich zu werden beginnt, und dass sie sich nur noch mit künstlich zur Schau getragener Selbstgerechtigkeit der Einsicht erwehren können, wie traurig es ist, von Brosamen leben zu müssen, die ihnen hingeworfen werden, obgleich sie Juden sind. Dieses bitterliche Obgleich! Man spricht von Ludwig Bamberger noch mit einigem Respecr, obgleich er Jude ist, man lässt sich die Stadtverordnetenversammlung gefallen, obgleich in ihr, wie die „Kreuzzeitung" so zartfühlend sagt, die Juden einen so breiten Raum einnehmen, man rechnet sogar die Nationalliberalen noch zu den Liberalen, obgleich sie in ihrer größeren Zahl mehr oder minder verkappte Antisemiten sind. Lässt sich aber der Unterschied zwischen assimilierten und zionistischen Juden nicht auch aus jenem Unterschiede zwischen dem Obgleich und Weil formulieren? Dem Assimilierjuden ist es erlaubt, sich einzubilden, dass er ein Deutscher zweiter Classe sei, obgleich er Jude ist. Kommt aber der einstweilen noch im embryonalen Zustande verbliebene berüchtigte Assessorenparagaph zustande — was durchaus nicht unmöglich ist — so wird den Söhnen assimilierter Juden zwar gestattet sein, fünfjährigen unbesoldeten Referendariatsdienst dem Staate zu leisten, dann aber werden sie einfach von der Avancementsliste gestrichen werden, weil sie Juden sind. Das ist nun allerdings nicht die Meinung der Zionisten, sich mühsam dulden zu lassen, obgleich er Jude ist, und schwerste Rechtskürzung hinnehmen zu müssen, weil er Jude ist. Doch auf diesen Punkt wollten wir heute nicht hinauskommen. Der Rückblick auf das Wahlergebnis sollte uns nur den Anlass geben, vor einem der trivialsten und oberflächlichsten Argumente, denen der Zionismus bei den nichtzionistischen Juden begegnet, zu warnen. Die Letzteren betrachten im besten Falle den Zionismus als eine Abwehr a.l liöc, als eine Bewegung, die gegenstandslos sein werde, wenn der Antisemitismus zurückstaue. Und die Wahl des Dr. Hirsch könnte möglicherweise in diesem Sinne gegen den Zionismus verwertet werden. Es ist aber ein arger Jrrthum, den Zionismus als eine vorübergehende Bewegung anzusehen. Dieses bisherigen Jrrlhums wird man sich hier allmählich in immer weiteren jüdischen Kreisen bewusst. Man bekennt ihn noch nicht laut, aber man ist nahe daran, es zu thun. Noch widerstrebt man mühselig dem Zionismus, obgleich man Jude ist, aber man wird bald nicht mehr widerstreben, weil man Jude ist. Und dann werden auch wir Juden, wie weiland der preußische Fortschrittsmann Franz Ziegler, aber mit größerer Berechtigung rufen dürfen: Der Fink hat wieder Samen! P Dir Wisst«« des jüdische« Volkes. Ein W.'rt zur Verständigung zwischen Zionisten und Antizionisten. Von Schelomo bcn David Ha-Esrachi. (Fortsetzung.) Das jüdische Volk, sagten sie, hat die göttliche Misiivn, Licht und Wahrheit unter den Völkern anszubreiten, die Verehrung des einzig-eiuen Gottes, die Religion vollkommener Humanität den Stationen der Erde zu bringen. Darum ist es in alle Welt unter alle Völker zerstreut, darum bedarf es keines Reiches, keines Tempels, keiner Opfer mehr, weil ihm die viel höhere Miffiou für die ganze Bölkerwelt übertragen ist, die Finsternisse des Aberglaubens, der falschen Begriffe von Gott, der Jmmoralität und Unmenschlichkeit durch das helle Licht des Judenthums zu vertreiben. Die Juden sind das Licht der Welt, der Leuchtthurm der Zukunft; sie bringen allen Völkern das Heil, indem sie sich unter alle Völker mischen, sich allen assimilieren, um alle für wahre Religion und' wahre Humanität zu gewinnen. Die Juden müssen also vorläufig den Zwiespalt ertragen : der Nationalität nach Deutsche oder Franzosen oder Engländer, und der Religion nach Juden zu sein, bis die Deutschen, Franzosen und Engländer ihre Vorurthcile ablegen und sich zur höchsten, reinsten Religion durchringen. Tann wird der Zwiespalt aufhören, dann wird eine Universalreligion da sein, der alle Völker anhängen. Das wäre nun schön und gut, wenn es nur nicht pure Phantasie und reine Illusion wäre, was die Rabbiner Vorbringen und hoffen. Wie die Sachen liegen, würden eher die Völker mitsammt den Juden religionslos, als dass auch nur ein einziges Volk jüdisch würde. Ueberdies ist die christliche Religion immer noch viel tiefer und unausrottbarer in den Herzen der christlichen Völker eingewurzelt, als das nivdern zugestutzte Judenthum der Rabbiner in den Herzen ihrer Gemeindeglieder. Um geringer, äußerer Vortheile willen fallen oft die Juden zu Dutzenden von ihrer Religion ab, daher die Blätter der Rabbiner sich in Lamentationen darüber nicht genug thun können. Zehnmal mehr Juden werden Christen, als Christen Juden. Und wenn es so fortgeht in Deutschland, kann man unschwer den Zeitpunkt berechnen, wann der letzte deutsche Jude mit seiner Familie zum Taufbecken tritt. Dass die moderne jüdische Religion der deutschen Rabbiner für Christen keine Anziehungskraft hat, selbst wenn ihnen Beschneidung, Sabbath und Koscheressen erlassen wird, hat darin seinen Grund, weil diese Rabbinerreligion nur aus den zwei abgestandenen Dogmen der veralteten Vernunftreligivn des vorigen Jahrhunderts besteht, welche die Christen schon längst als ungenügend zurückgewiesen haben: Einheit Gottes

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