Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 45 (11.11.1898)
- Article
- Die Goldschilds
- Date
- 1898-11-11
- Page
- 16 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315788-3364177--09077-3364245- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
©cuc 16 Nr. 45 Denn die Aufgabe, das lecke Schiff in jenen sturmbewegten Zeiten zu steuern, bedurfte zur glücklichen Lösung wahrhaftig das Genie eines Jsak Goldschild. Aber er gieng als Sieger im Kampfe mit allen Widrigkeiten hervor. / Als der Herbst ins Land zog, war der größte Theil der Arbeit beendet. Es war ans dem Zusammenbruch gerettet worden, was sich retten ließ, und mau konnte nun an den neuen Bau aus festem Fundamente denken. Der fürchterliche kleine Jude, der noch vor etwas mehr als Jahresfrist dienstlosen Kellnern und Lakaien zu Wucherzinsen 5 Frankstücke geliehen, hatten die beiden großen Firmen Oslerheim und Cohn verschlungen und die Firma Jsak Goldschild & Comp, daraus gestaltet. Und das war obendrein feiner Ansicht nach ganz naturgemäß und mit rechten Dingen zugegangen. VI. Während Jsak Goldschild seinen Jugendtraum, zu erwerben und zu besitzen, auf französischer Erde zu verwirklichen im Begriffe stand, lebte Dr. David Goldschild in Wien ein einförmiges, arbeitsgewohntes Leben fort. Wir, die wir in dem fertiggestellten bequemen Gebäude der Constitution ausgewachsen sind, ahnen kaum die Mühen und nervenzerrüttenden Krisen jener Zeit, gleichwie der Besucher eines prächtigen Hauses nicht der Schweißperlen des Mannes, der die einzelnen Steine zusammen gefügt, gedenkt. Ter Zeitraum, der. seit dem Zerwürfnisse der beiden so verschiedenen gearteten Vettern Goldschild's verflossen, bedeutete für Oesterreich eine Epoche der traurigsten und beklagenswertesten Begebenheiten. Buol-Schanenstein wurde durch Bach Rechberg und Goluchowsky vom Ministerposten abgelöst und unter dieser Führung begann das Einlenken in die Bahnen des verfaffungsmäßigen Staatslebens. Die neue Aera brachte während der zwei ersten Monate des Jahres 1860 den weiteren Ausbau der Judenemaucipation. Seit dem Jahre 48 hatte man den Söhnen Israels nicht mehr das Recht auf die Lehrstühle der Universitäten bestritten. Dr. Goldenthal wirkte in Wien und Dr. Weffely in Prag, ohne dass ihre Thätigkeit durch das Concordat unterbrochen worden wäre. Nun wurde Israel am 18. Februar 1860 auch der Grundbesitz in den meisten Kronländern bedingungslos gestattet. Nur Oberösterreich, Kärnten, Tirol, Steiermark und Krain verweigerte ihnen noch die Scholle. Aber was bedeutete dies? Saßen doch im neuen Reichsrathe die Abgeordneten Winterstein und Kuranda Dr. David Goldschild war sich darüber klar, dass einerseits alle diese befreienden Schritte kaum stattgefunden hätten, so lange das Portefeuille in Bach's Händen gelegen, andererseits aber ein glücklicher Ausgang des italienischen Krieges die Stellung dieses Ministers befestigt haben würde. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, hatten die beklagenswerten Ereignisse den langsamen Process gefördert. Aber welch theurer Preis war dafür gezahlt worden! Die schaurigen Schlachtfelder von Montebello, Magenta und Solferiuo bedeuteten die blutigen Münzen, mit denen das alte System der Weltgeschichte abgekauft werden mussten.. Der dreißigjährige Mann stand der Welt kühler gegenüber als der neunzehnjährige Jüngling, der mit pulvergeschwärztcm Gesichte aus den Barrikaden begeistert gekämpft. Er — der den Glauben der Väter als den schönen, phantasiereichen Traum der Pubertätsjahre der Menschheit längst belächelte — er konnte nur schaudernd die strenge Religion betrachten, deren Duldung den Völkern in den Stunden maßlosen, vernichtenden Elends abgerungen werden konnte. Aber weit schlimmer als die Misserfolge der äußeren Politik musste dem klugen Doctor die innere, zerfahrene Lage seines Vaterlandes erscheinen. Da herrschte der moralische Zusammenbruch mit all' seinen Schrecken. Die großen Unterschleifsproceffe hatten ganz unglaubliche Zustände der Verwaltung an den Tag gelegt, bis die Selbstmorde des Börsenkammer-Präsidenten Robert und des Finanzministers Bruch das Werk krönten rmd den Staatscredit vollends vernichteten. David Goldschild konnte sich nicht verhehlen, dass hier der Schwerpunkt aller Vernichtungen lag. Sein reger, arbeitsamer Geist wandte sich sofort dem schwierigen und wichtigen Probleme zu. Allmählich war er von der Kirchenpolitik auf das nationalökonomische Fach übergegangen und legte die Frucht seiner Studien in einer Reihe glänzend geschriebener Artikel nieder. Mit der allen seinen Arbeiten eigenen Gründlichkeit unterzog er die Finanzgebarung des Kaiserstaates, von der großen Baumgartuerischen Anleihe an einer ätzenden, vernichtenden Kritik. Bald entbrannte zwischen dem Redacteur des „Freien Blattes" und den Parteigängern Bruch's eine erbitterte Fehde, der erst durch den Tod des unglücklichen Ministers ein jähes Ziel gesetz wurde. So scharfe und schneidige Waffen David auch in diesem Kriege geführt, nie hatte er die Grenzen des Sachlichen überschritten und seine Feder war die erste, die nach der Katastrophe die nun wehrlosen Gegner gegen ungerechte, persönliche Verdächtigungen in Schutz nahm. Hatte seine muthige Kritik bereits die Aufmerksamkeit weiter Kreise erregt, so entwaffnete die vornehme Anerkennung der gegnerischen Verdienste die Feinde. Man konnte es mit Fug und Recht Dr. Goldschild zuschreiben, wenn das „Freie Blatt", das nun bereits in seinem 7. Jahrgänge erschien, als das auf volkswirtschaftlichem Gebiete gewiegteste und bestunterrichteste, publicistische Unternehmen galt. Aber nicht nur in seinem Berufe lächelte der Erfolg dem. ehrlichen und fleißigen Manne. Da er in jener verhängnisvollen Nacht in Chiesch die Lenkung des Lebensschiffleins seines Vetters Raphaelsübernommen, fiihlte er sich nach wie vor für das Glück des Träumers verantwortlich. Das erzielte Resultat konnte ihm Stunden reiner Befriedigung verschaffen. Durch die Eheschließung mit Frau Lisi, hatte er sich vom Vetter einen kostbaren Kuppelpelz ehrlich verdient. Die Goldschilds in der Mariahilferstraße boten ein Bild des reinsten Familienglückes. Aus dem grübelnden und frömmelnden Kabbalisten war unter Lisis gesundem Einfluffe ein behäbiger Geschäftsmann geworden. Wer Karl-Raphael in seinem Laden zwischen Paramenten, Kirchengeräthen und Heiligenbildern wirtschaften sah, hätte keine Spur vom ruhelosen Grübler von ehedem an ihm entdeck^, als höchstens den träumerischen, verschleierten Ausdruck der blauen Augen, die er von der Mutter Mirjam geerbt. (Fortsetzung folgt.) G Krirstasteu der Redaktion. Zionist, Lemberg. Anonyme Anftagen beantworten wir nicht. Be« Zion, Ncumarkt. Geeignet ist: ,,^22T“n" von M. L. Lilienblum. T. M. Florenz, Casa Lucchest. Besten Dank für ihre Bereitwilligkeit. Werden uns brieflich besprechen. Gruß. L. F. M-, Ostra«. .Brieflich. Ist selbstverständlich eine bewusste Entstellung. I. Schneider, Bochnia. Sehr geeignet ist das von „T u s ch i j a" W a r s ch a u zu beziehende Buch : CHTH miE- Preis 1 Rubel. M. Schapira. Wird geschehen. Herausgeber: P. Nsfrhsurr. Berantw. Red.: Dr. Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VIII., Schlöffelg. 11