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Die Welt · 1898-11-11 · 45 (11.11.1898) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
45 (11.11.1898)
Article
Die Zukunft Palästinas [Kommentar] / Fischer, Theobald
Date
1898-11-11
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 45 Seite 13 von Theobald Fischer, der alle Verhältnisse dieses Landes mit großer Sachkenntnis erörtert, und der angesichts der Reise des deutschen Kaisers nach Palästina besondere Beachtung verdient. Der Verfasser gelangt am Schlüsse seiner Darlegungen zu folgenden Betrachtungen. So wenig erfreulich die Gegenwart Palästinas ist, so zuversichtlich kann man die Frage nach seiner Zukunft beantworten. Das Land wird in dem Augenblicke in eine neue Bahn einlenken, wo ihm eine einsichtige, wohlwollende Regierung beschieden sein wird, wo eine geordnete Verwaltung die Entwicklung des Landes fördern wird. Heute und seit langem geschieht das Gegentheil. Und dennoch erkennt man schon heute eine aussteigende Bewegung, lediglich durch die Entwicklung des Verkehrs und das Erstarken des europäischen Einflusses hervorgerufen. Namentlich tritt dies in den Städten, in Haifa, Jaffa, Nazareth, vor allem in Jerusalem, ja selbst im Ostjordanlande zutage. Es sind gewaltige Summen, welche allein die christlichen Bekenntnisse durch die Pilger, durch dauernde Niederlassung der verschiedendsten Art, durch Unternehmungen, wie der Eisenbahnbau von Jaffa nach Jerusalem, welchem andere und der Bau eines Hafens in Jaffa folgen, ins Land bringen. Von Damaskus aus, dessen Verbindung mit Beirut durch eine Eisenbahn in Ausführung begriffen ist, wird der Hauran durch eine Linie erschlossen, die schon 1893 bis El Muzerib vollendet werden sollte. Von Tag zu Tag zieht das Land mehr Vortheil von seiner großen geschichtlichen Bedeutung. So besitzt heute beispielsweise das kleine Nazareth allein 3 Krankenhäuser, 7 Klöster, 12 Schulen europäischer Völker, einzelne auch zur Ausbildung von Handwerkern in arabischer Sprache. Jerusalem 'trägt heute mit den unabläpig wechselnden Bildern seines Straßenlebens mehr als jemals den Charakter einer eigenartigen Weltstadt, einer heiligen Stadt, eines Sitzes und Ausgangspunktes dreier Weltreligionen. Selbst im Ostjordanlande bevölkern sich heute seit vielen Jahrhunderten verödete Städte von neuem. Mag auch die Humusdecke des Landes dünner und lückenhafter geworden sein; mögen vielleicht sogar die Niederschläge sich etwas verringert haben und unregelmäßig fallen; im Großen und Ganzen sind, namentlich unter Berücksichtigung der fortgeschrittenen Technik, die Bedingungen noch die gleichen, Palästina kann heute wieder der „Süden" und die Kornkammer für das ganze südöstliche Mittelmeergebiet und für Europa werden. Wir halten eine Vervierfachung der heutigen Bevölkerung, also drei Millionen, 100 Köpfe auf 19 Kilometer, für durchaus möglich, lediglich durch Entwicklung des Anbaues des Bodens, ohne Hinzutreten einer irgendwie ins Gewicht fallenden Gewerbthätigkeit, für welche bei völligem Fehlen innerer Schätze des Bodens, also auch des Bergbaues, eben die Bedingungen nicht gegeben sind. Im Westjordanlande ist zunächst die ganze Küstenebene mit ihren ungemeyenen Wasservorräthen im Untergründe, dichtester Bevölkerung fähig. Für Apfelsinenzucht, Baumwollen-, Tabak- und Zuckerrohrbau sind dort die Bedingungen im Großen gegeben. Auch auf dem Hochlande des Westjordans bedarf es nur der Verwertung der vorhandenen und der Aufspeicherung der winterlichen Wassermassen zu Anbauzwecken, um einen sehr großen The il des Landes in Gartenlandschasten zu verwandeln, wie wir sie" heute nur um Bethlehem, Nabulus, Tschenin und einigen anderen Orten sehen. Uebcrall - können mit Hilfe künstlicher Bewässerung wertvollere Erzeugnisse hervorgebracht werden, für die es (z. B. für Oel, Apfelsinen, Wein) im südöstlichen Mittelmeergebiete, besonders in Aegypten, also in nächster Nähe, an Käufern nicht fehlt. Das Ghor ist in seiner ganzen Ausdehnung in einen tropischen Garten zu verwandeln. Die Dattel, die dort reist, wird wie im Alterthum zu den besten gehören, die man kennt, und weit besser sein als die ägyptische. Jericho könnte wieder werden, was es zur Zeit Herodes war: eine prachtvolle Winterresidenz, deren Wert noch durch die dabei sprudelnden heilkräftigen Thermen erhöht wird. Das Ostjordanland in seiner ganzen Ausdehnung, von Moab bis zum Hermon und Hauran, ist ein natürlichrs Weizenland, wie es ausgezeichneter kein zweites gibt. Die fruchtbarsten Gebiete, die, wenn Ende Mai der Weizen geerntet wird, bald im Sonnenbrände einer Wüste gleichen und von den Bewohnern verlassen werden müssen, können, wenn man die winterlichen Regenmengen ausspeichert, dauernd bewohnbar gemacht werden und waren in der Blütezeit bis zum Einbruch der Araber von hochgesitteten Menschen dicht besiedelt, wie die vielen Hunderte in Trümmern liegenden Städte und Dörfer bezeugen. Vermuthlich waren damals, wo das ganze Land angebaut und große Flächen berieselt waren, auch die Missernten seltener. Die Cultur von ganz Palästina, das von zwei Seiten von der Wüste umgeben wird, aber namentlich dieser Grenzlandschaften, ist eine zarte Pflanze, die sorgsamer Pflege und starken Schutzes bedarf: sie verdorrt, sobald beide nicht mehr gewährt werden können. Diese Grenzlandschasten sind der Schauplatz des ewigen Kampfes der Wüste mir dem Culturlande und darum, weil der heute am besten bekannte dieser Schauplätze, von besonderer Bedeutung für den Geographen. In Zeiten, wo eine starke Hand sich schützend über das Land breitet, eine geordnete Verwaltung herrscht, drängen sich die Ansiedler in diese Grenzlandschaften, sie schieben die Grenzen der Cultur immer weiter vor, immer dichter werden die Siedlungen, immer wohlhabender die Bewohner, immer höher der Bildungsstand: das Culturland siegt über die Wüste. Das Umgekehrte tritt ein, sobald die Macht der Bewohner des Culturlandes unter irgendwelchen Einflüssen erlahmt. Dieser Vorgang hat sich nachweisbar hier mehrmals wiederholt. Schwache Anfänge zur Wiederkehr eines goldenen Zeitalters für Palästina sind heute allenrhalben zu erkennen. Die weitere Entwicklung hängt von der Gestaltung der Dinge im Orient ab. Doch scheinen uns die europäischen Einflüsse in dem wankenden Türkenreiche so mächtig zu sein, dass wohl Störungen Vorkommen können, aber eine wirkliche Umkehr in dem einmal eingeleiteten Vorgänge undenkbar ist. P Feuilleton. Die Juden in Andersens Schriften. Von Adolf Friedeman». „Um die Tempel Jerusalems, welche sielen, um die Mauern, die man niederbrach, um unsere Könige, die sie verachteten, um Israels gestürzte Herrlichkeit sitzen wir einsam und weinen." Andersen, Ahasverus, II S. 33. Es ist verhältnismässig selten, dass ein ausländischer Dichter sich einen dauernden Platz in der deutschen Literatur erobert. In zahllosen Uebersetznngen hat man französische, englische, nordische Autoren dem Lesepubl'.cum zugänglich gemacht, und doch war das Interesse des letzteren meist nur ein vorübergehendes, oder aber es beschränkte sich, wie bei Zola, Ibsen, Jacobsen, auf bestimmte Kreise, deren sociale oder mehr noch philosophische Anschauungen die Geistesrichrung des Autors zufällig befriedigte. Am schwersten erringt sich der Schriftsteller die allgemeine Anerkennung und Liebe, dessen Muttersprache die eines kleinen Landes, eines Kleinstaates mit eigen gewordener Cultur ist. Tritt schon die geographische Begrenztheit des Sprachkreises seiner Berühmtheit hindernd in den Weg, so ist er mehr als jeder andere gezwungen, das allgemein Menschliche verstehen und zeichnen zu lernen: und es ist schwieriger für ihn als für jeden anderen das Pulsieren des großen Lebensstromes zu empfinden, welcher den Körper der Menschheit durchströmt und erwärmt. Die Schwierigkeiten der Übersetzung sind heute leichter zu beheben als diejenigen, welche dem Leser ausländischer Schriften das mangelnde Berstäudnis der fremden Eigenart, der besonderen Empfindungsweise fremder Culturkreise bereitet. Denn die Schilderung eigenartiger Anschauungen und Verhältnisse, sei sie auch die interessanteste, fesselt doch nur für den Augenblick. Einzig und allein die Behandlung der Probleme, welche die Menschheit gemeinsam zu lösen hat, ist der dauernden Antheilnahme sicher. Darum werden z. B. Zolas „Therese Raquin“, „Nana“. rBele huniaine“ u. a. längst der Vergessenheit anheimgefallen sein, wenn „Germinal“, diese unübertroffene, jeden bewegende Studie des Hungers, der verzweifelten Noth, wieder und wieder gelesen und gedruckt werden wird. Bon allen den Schriftstellern, welche einem kleinen Sprachenkreise entstammen, hat wohl keiner die oben gekennzeichneten Hindernisse vollständiger überwunden als H. C. Andersen. Es gibt wohl kaum eine deutsche Familie gebildeter Kreise, der sein „Improvisator", sein „Nur ein Geiger" fehlte. Es wächst wohl kein Kind der mittleren und oberen Kreise heran, ohne seine herrlichen Märchen in sich ausgenommen zu haben. Keiner seiner Landsleute hat bei uns auch nur annäherndes Verständnis . gefunden. Er erscheint uns so ganz als deutscher Schriftsteller,

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