Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-11-11 · 45 (11.11.1898) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
45 (11.11.1898)
Article
Wien / B. S.
Date
1898-11-11
Page
11 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315788--09046-3364240
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SÜt. 45 das Memorandum der „Union" reagieren werden, wenn sie es überhaupt thun werden. Aber wir haben zum Memorandum selbst und zur besonderen Ausgabe in Buchform einige Worte zu bemerken: Die „Union" hat durch ihre, gelinde gesagt, plumpe Art der Fragestellung in der christlichen Bevölkerung Galiziens böses Blut gemacht, wie dies Stimmen polnischer und ruthenischer Blätter beweisen. Der Antisemitismus in Galizien ist ohnehin groß genug, und der Landesausschuss bedarf nicht erst einer so unbesonnenen Action, wie sie die „Union" in Scene setzt, um nur noch jadenfeindlicher zu werden. So unbedeutend die „Union" ist, von so völliger Unkenntnis der galizischen, der galizisch-jüdischen, und der allgemein-jüdischen Verhältnisse das ganze Verfahren der „Union" zeugt — der Landesausschuss, die christliche Bevölkerung wissen und kümmern sich nicht um die "Union", sondern machen eventuell die Juden für ihre Action verantwortlich, die Erbitterung gegen die Juden würde daher in allen Schichten nur noch mehr zunehmen. Dies müssen wir entschieden zu verhüten suchen, auf die Gefahr hin, die ganze Operationslust der „Union" als null und nichtig zu erklären. Wir müssen daher ausdrücklich constatieren, dass für die Art der Jn- -.scenierung und Publication der Unionenquöte nur dieser Verein verantwortlich sei. Was endlich die Publication der „Union" betrifft, so wird man ihr die Herausgabe eines stenographischen Protokollcs nicht erlassen können. Sie mag, wenn die Experten cs wünschen, bei den Gutachten die Namen weglassen, aber die Gutachten publiciere sie. Es darf denjenigen, welche der Sache selbst auf den Grund gehen wollen, welche sich überzeugen möchten, ob und inwiefcrne das „Gesammtresultat" der Enquäte mit den Zeugnissen der Experten übereinstimme, die Möglichkeit einer solchen Prüfung nicht vcrenthalten werden. Das ist ein billiges Verlangen, dem die „Union" entsprechen sollte, und hoffentlich im eigensten Interesse entsprechen wird. B. S. Deutschland. Berlin, 26. October. Gestern hielt in der Berliner zionistischen Bereinigung der Schriftsteller S. Lublins kr einen Bortrag über H i r s ch f e l d s Agnes Jordan. Da dieser Bortrag demnächst zu einem ausführlichen Effay verarbeitet werden soll, begnügen wir uns' mit der Hervorhebung einiger Punkte. Lublinski wies in einer kurzen sociologischen Einleitung nach, dass Conflicte, wie der zwischen der feinfühligen und hochgebildeten Agnes Jordan und ihrem Gatten, dem ewigen conimis voyageur, sich gerade im specifisch-jüdischen Milieu der Gegenwart am erschreckendsten entwickeln und sprach seine Freude darüber aus, dass endlich einmal von einer rücksichtslosen und doch feinfühligen Hand die Hülle von diesen Wunden hinweggezogen wurde. Auf den Grundgedanken des Stückes eingeh-nd, wies der Vortragende auf den fünften Act hin, der eine Unterredung zwischen der alt gewordenen Agnes und ihrem Sohne Ludwig enthält. Die reiche lyrische Stimmung dieses Dialoges hat bekanntlich Berliner Kritiker veranlasst, die ganze Scene als ein unorganisches Einschiebsel zu betrachten, als eine unheilvolle Folge der „Versunkenen Glocke." Lublinski war anderer Meinung; er erklärte geradezu diese Scene für das Grundgefühl und für den Ausgangspunkt des ganzen Dramas. Es wird gezeigt, wie die Leiden, Kämpfe und Siege einer früheren in einer späteren Generation in verfeinerter Form wiederkehren, und dass das Bleibende in der Flucht der Erscheinungen die Mutter ist. Der Dichter hat die Kämpfe seiner eigenen Generation durchempfundcn und sich dabei, gefragt: Woher, warum? Die Kämpfe kehren wieder, aber in einer höheren und feineren Form, die Hoffnung auf einen endlichen Sieg erweckt. Ludwig ist ein neuer Onkel Adolf, nur dass sich bei ihm der Conflict ganz nach innen concentriert hat. Onkel Adolf hatte eine seltene Künstlerseele in einem unschönen Leib, Ludwig dagegen ist schon ausübender Künstler, nur dass die Ausdrucksform, gleichsam der Leib seiner Kunst, nicht ganz mit ihrer innersten Seele in Einklang steht: Sturm, Lebensfrohsinu, nach dem er sich sehnt, kann er noch nicht singen. Wie Ludwig, der verfeinerte Onkel Adolf, so seine Schwägerin Frida, die verfeinerte Betty Wiener. Was in der Mutter naive Unbekümmertheit war, ist bei der Tochter zu einem stolzen, bewussten Herabblick ans altes Gerümpel geworden. Hier knüpfte Lublinski an den Zionismus an, der auch auf altes Gerümpel herabblickt und sich leidenschaftlich nach Lebensfreude sehnt. Auch wies er den Borwurf zurück, dass das Drama eigentlich nur ein zweckloses Sträuben und dann wieder Nachgeben von Agnes Jordan enthalten. Lublinski skizzierte die aufsteigendeu Phasen des Kampfes und wies nach, dass er mit einem entscheidenden Sieg von Agnes endet, nach welcher schließlich auch der früher ganz unter dem Einfluss des Vaters stehende Hans zurückverlangt. Den Haupttheil des Bortrages nahm dann die Darstellung und der Nachweis des spccisisch Jüdischen einzelner Gestalten ein, namentlich von Gustav Jordan, von Onkel Adolf und von Ludwig. Es entspann sich, nachdem der Redner geendet, eine zweistündige lebhafte Tiscufsion, die sowohl gesellschaftliche, wie ästhetische Fragen berührte, wobei die Geister mit erfrischender Kraft aufeinander platzten. Frankreich. Paris. Der Caffationshof hat den Anrirevisionisten durch seinen Beschluss, die Untersuchung im Plenum zu führen, einen dicken Strich durch ihre Rechnung gemacht. Einen einzelnen Richter hoffte man durch Güte oder Gewalt eventuell zur Nachgiebigkeit zu veranlaffeu. Den ganzen Cassationshof zu beeinflußen, ist — außer durch eine Gcwaltthat — unmöglich. Tie Untersuchung wird still aber ohne Unterbrechung fvrtgesührt. Da mau über die Resultate nicht informiert ist, so hat man jetzt in Paris einen neuen Sport gefunden, um die Drcy'usisten vor der öffentlichen Meinung herunterznsetzeu. Den hervorragendsten Journalisten werden Prcfsprvcesse gemacht. Eine Unzahl von Verhandlungen werden durch Wochen und Monate die französischen Richter und Advocaten beschäftigen. Namentlich Judet, der wegen seiner unwürdigen Campagne gegen alle Dreyfusfreunde und besonders gegen den Bater Zvlas die heftigsten Angriffe erfahren mussie, ist eifrig mit der gerichtlichen Verfolgung seiner Gegner beschäftigt. Diese bleiben ihm aber auch die Antwort nicht schuldig, und so wird der Spiritus rector des ,,; Vt.it Journal’S der soviel zur Verwirrung und zur Verheimlichung der Drcyfusaffaire beigctrageu hat, in einer Reihe von Processen wegen Verleumdung als Angeklagter erscheinen. Am 8. November begann die Untersuchung des Cassationshvses. Bisher wurden General Mercier, Cavaignac und B i l l o t vernommen. Nach ihnen sind Z n r l i n d e n und C h a n o i n e vorgeladen. Weder der Generalprocurator Mauau noch der Advocat der Familie D r e y f u s, M v r n a r d haben der Vernehmung der Exminister bcigewohnt. P i c q u a r t soll bereits in den nächsten Tagen ans der Haft entlasten werden. Uebrigens nehmen jetzt die auswärtigen Angelegenheiten so sehr alle Politiker in Anspruch, dass die Untersuchung des Cassationshofes bisher nicht im entferntesten jene Leidenschaftlichkeit erregt hat, die man in allen Kreisen vorausgesetzt hat. Cngland. London, 3. November. Die jüdische Gemeinde Londons ist augenblicklich stark von ihren Angelegenheiten und Geschäften in Anspruch genommen. Es ist der Beschluss gefasst worden, eine Schule für verwahrloste Kinder zu errichten, und nächstens will die Gemeinde über das, was mit dem East. End zu geschehen hat, schlüffig werden. Inzwischen gewinnt unsere Bewegung neue Kräfte, neue Kämpfer. Wir dürfen das auf Rechnung der günstigen Situation setzen, in welcher sich der Zionismus eben befindet. So ist in dem bisher etwas spröden Wesl End ein neuer Verein gegründet worden, der wertvolle Kräfte in sich zu vereinigen verspricht. Indessen lasten alle ihre Pläne und Arbeiten der Londoner Gemeinde Zeit und Muße genug, sich auch noch mit uns Zionisten zu beschäftigen. Ein heilig.r Vorstoß w.rd gegen uns in den Provinzen geführt. Tort haben die tüchtigsten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.