Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 45 (11.11.1898)
- Article
- [Ohne Titel] / Hadassa / Verein jüdischer Mädchen / Präsidium
- Date
- 1898-11-11
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 45 JTksesWdC Seite 9 Zionisten stellten sich uns zur Verfügung und besorgten die Angelegenheiten des Vereines. Da erlaubte uns die Cultusgemeinde auf unsere Bitte, unsere Vortragnachmittage in ihrem schönen Sitzungssaale abzuhalten. Das war sür uns eine große Freude, die leider nur von zu kurzer Dauer war; Heuer wird uns diese Vergünstigung, kaum dass die Vorträge wieder begonnen haben, plötzlich entzogen, ohne dass uns ein trifliger Grund angegeben worden wäre; man setzt uns vor die Thür. — Die Cultusgemeinde hat in ihrem Hause nicht drei Slun'd en alle vierzehn Tage Platz sür jüdische Mädchen. Nun hat uns der Verein „Zion" sein eigenes Vereinslocal, (II. Rembrandtstraße I I) zur Verfügung gestellt, welches 'Anerbieten wir mit Vergnügen und Dank acceptieren. Das Präsidium des Vereines jüdischer Mädchen „Hadassa". Die Abreise des deutschen Kaisers von Palästina. - Vormittags 4. November begaben sich die Majestäten und zwar der Kaiser zu Pferde, di: Kaiserin im Wagen zum Bahnhof, wo das Gefolge, der deutsche Generalconsul, der türkische Gouverneur, die Würdenträger der verschiedenen Religionsgesellschaften ihrer bereits harrten. Nachdem die Majestäten die Anwesenden begrüßt und verschiedentlich angesprochen hatten, setzte sich der kaiserliche Extrazug nach Jaffa unter den Klängen des Präsentiermarsches in Bewegung. Die am Bahnhof ausgestellten türkischen Truppen riefen begeistert dem Kaiser „Tschog Jascha!" — aus Deutsch: „Mögest Du lauge leben!" — zu, den Ruf, der sonst nur dem Sultan gebürt. Eine zahlreiche Menge, darunter die in Jerusalem lebenden Deutschen, hatten sich aus dem Bahnhof versammelt und sandten den Majestäten lebhafte Sympathie-Kundgebungen nach. Das Kaiserpaar hat sich in Jaffa bei schönem, aber immer noch sehr heißem Wetter und ruhiger See an Bord der „Hohenzollern" eingeschifft und gieng nachmittags nach Beirut in See. Am Grabe Heines.) Ein Mitarbeiter der „Fr. F. Ztg." hat jüngst das Grab Heinrich Heines auf dem «.Ümetiere dn Nord am Montmartre besucht und erzählt uns im Feuilleton des genannten Blattes Folgendes: Ich war vor einigen Jahren schon einmal dort gewesen und so fand ich bald das nicht unmittelbar an der Straße gelegene und in seiner Einfachheit bekanntlich auch sonst nicht in die Augen fallende Grab. Zwei elegant gekleidete deutsche Herren in Cylinderhüten und mit auseinandergezwirbelren Schnurrbärten wandten sich gerade zum Gehen, als ich hinzutrat. „Ter macht nun auch keine schlechten Witze mehr!" klang es im Reservelieutenantton an mein Ohr. Heine's Grab ist für den, der es noch in seinem verwahrlosten Zustande gesehen hat, kaum wiederzuerkennen. Dank dem von den Verehrern des Dichters begründeten Fonds steht jetzt ein viereckiger, das ganze Grab bedeckender Sleinrahmen darauf, der jederzeit mit Blumen gefüllt ist. Zum Allerseelentage hat der Gärtner in die Mitte eine prachtvolle Palme gesetzt und rings herum andere Blattpflanzen und viel schöne violettrothe Erica. Ich hielt mich längere Zeit an der Stätte aus, weil ich das Publicum beobachten wollte, das seinen Weg hieher nahm. Zuerst zwei Engländerinnen mit dem Bädeker, Mutter und Tochter. „Heinrich Heine," sagte das junge Mädchen. „YVho i-> that?;‘ fragte die Mutter. German poet.- erklang es zur Antwort Nach dieser Belehrung hielt es die alte Dame für angezeigt, ein welkes Ahornblatt, das aus das Grab gefallen war, in die Tasche zu stecken. Daraus zwei corpulente Pariserinnen, die wohl häufiger nach dem Friedhof ihren Spaziergang richten. Sie studieren die Visitenkarten, welche Verehrer des todten Dichters aus allen Theilen der Welt geschmackloserweise an dem Grabe zurückgelassen haben. Sie buchstabieren in drolligstem „Battignolles-Dialect" die zahlreichen englischen Namen, die dabei sind, und die Eine sagt dann zur Anderen: .Naiurellement r;en que des Allemat.d».* Jetzt erscheinen ein paar ältere, modisch gekleidete Damen, die sich auf Frankfurterisch miteinander unterhalten. Sie sehen sich nur die Visitkarten an und sind glücklich, als sie einen Bekannten entdecken. Zwei junge französische Künstler stehen einige Zeit still, flüstern leise miteinander und gehen weiter. Ein junges deutsches Ehepaar folgt, die zierliche, kleine Frau legt einen Veilchenstrauß nieder und weilt wohl eine halbe Stunde. Der Mann wird ungeduldig und mahnt zum Weitergehen. „Ach lass' mich," sagte sie bittend, „ich habe ihn doch so sehr lieb." Aus der interkonfessionellen Schule. Die „^Arbeiterzeitung" erzählt einige Aussprüche, mit denen der katholische Religionslehrer des Schottengymnasiums, ein Dr. Franz Greiß, seine Schüler auf ein höheres moralisches Niveau zu heben sucht. Er sagt zum Beispiel: „ D r e y f u s ist offenbar ein ganz gemeiner Verbrecher, und Zola ist so ein Lump, dass sich darüber gar nicht reden lässt." Beim Capitel „Feindesliebe" erklärt er, dass der Antisemitismus nicht unchristlich sei, und stellt bald darauf beim Examen folgende gewiss sehr interessant: Schulsrage: „Sagen Sie mir, wieso sich der Antisemitismus mit dem Christeitthum vereinen lässt, und w a r u m j e d e r C h r i st A b s ch e u gegen die Inden empfinden muss." Ein verbotener Tempelbau. Ter Tempelbau-Verein sür den VIII. Wiener Bezirk kaufte im November lS'.xi die Realität Neudeggergasse Nr. 1t, um daselbst eine Synagoge erbauen zu lassen. Bei der am k Mai v. I. nach Bestimmung der Baulinie stattgehabten commissionellen Begehung erhoben die Vertreter des Stadlbauamtes und des Stadtphysicates keinerlei Bedenken gegen die Ertheilung des Bauconsenses: nur der Bezirksvorsteher sprach sich aus Verkehrsrücksichten gegen den Bau eines Tempels in der Neudeggergasse aus und erklärte ferner, dass für die Errichtung einer Synagoge bei der geringen Anzahl der im Bezirke wohnhaften Israeliten kein Bedürfnis vorhanden sei; der Vertreter der Polizei-Behörde und endlich die Anrainerin Amalia Endlicher, Eigenrhümerin des Hauses Neudeggergasse Nr li, sprachen sich mit Rücksicht auf die Enge der Straße gegen die Ertheilung des Bauconsens aus. Der Magistrat als Baubehörde ertheilte dem Vereine den Bauconsens; der Sradtrath erkannte jedoch mit Beschluss vom I. Juli >897 ohne nähere Begründung, dass der Bauconsens nicht zu bewilligen sei. Die Baudcputalion hob das Verbot auf mit der Motivierung, dass ein gesetzlicher Grund zur Verweigerung des Bauconsenses für die den Verkehr nicht behindernde Synagoge nicht vorliege. Gegen diese Entscheidung der Baudcputalion erhoben die Commune Wien und die Anrainerin Frau Endlicher den Recurs an das Ministerium des Innern, welches nun ohne Anführung gesetzlicher Bestimmungen lediglich aus Feuersicherheitsrücksichten die Verweigerung des Bauconsenses aussprach. Das Ministerium hatte vor Fällung seiner Entscheidung Gutachten der Wiener Feuerwehr und der Polizei-Tirection eingcholt. Erstere sprach sich gegen den Bau der Synagoge aus, weil mit Rücksicht auf die Enge der Straße beim Ausbruche einer wenn auch nur durch eingebildete Gefahr hervorgerusenen Panik die Rettungsaction sehr erschwert wäre. Die Polizei-Tirection sprach sich mit Rücksicht aus die Passagefreiheit gegen den Bau aus. Ter Tempelverein erhob nun gegen die Entscheidung des Ministeriums die Beschwerde an den Verwaltungs-Gerichtshof. — Der Vertreter des Ministeriums des Innern, Sectionsrath v. Nagy, trat für die Abweisung der Beschwerde ein, da sich gegen die Ertheilung des Bauconsenses für die fragliche Synagoge vom Standpunkte der Wiener Bau- Ordnung, der analog anzuwendenden Theater-Ordnung aus dem Jahre 1882 und endlich vom Standpunkte des öffentlichen Interesses verschiedene Anstände ergeben haben. — Dr. Edler v. Stourzh als Vertreter der mitbeklagten Anrainerin Frau Endlicher trat ebenfalls für die Abweisung der Beschwerde ein. - Nach andcrthalbstündiger Berathung des Verwaltungs-Gerichtshofes wurde Publication des Erkenntnisses aus den 10. d. verschoben. Das moderne Ghetto. Am 4. Jänner 1897 fasste der Gemeinderath der Stadtgemeinde Gaya den Beschluss, zur Bedeckung des Gemeindedesicits von 16 983 fl. eine 30 Percent betragende Gemeindeumlage von den directen Steuern cinzuhcben, jedoch sollten die in der sogenannten Judengemeinde Gaya entrichteten Steuern von dieser Gemeindeumlage befreit sein, da diese Gemeinde selbständig sei. Dagegen erhoben der frühere liberale Bürgermeister Dr. Koch, sowie vier andere Bewohner von Gaya den Recurs an den mährischen Landesausschuss mit der Begründung, es existiere in Gaya keine selbständige Judengcmeinde und der angesochtene Beschluss ziele darauf hin. das mittelalterliche Judenghetto wieder einzuführen, um die Juden des Wahlrechtes verlustig zu machen. Der Landesausschuss verwarf den Recurs, worauf Dr. Koch und Genossen die Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshof erhoben. Nach kurzer Berathung entschied der Verwaltungsgerichtshof, die Beschwerde werde als unbegründet abgewiesen, da nach den Erhebungen in Gaya de facto eine selbständige Judengemeinde existiere; ob dieser factische Zustand auch legal ist, sei in dem vorliegenden Falle nicht zu prüfen gewesen. Antisemitismus in Kriegervereinen. Das „Berl. Tgbl." berichtet: „Vor uns liegt das Schreiben eines ehemaligen Soldaten des 107. (königlichsächsischen) Regiments. Darin theilt uns der Betreffende mit, der Vorsitzende des königlich sächsischen Militärvereins 107er, Herr Brückner, hätte ihm auf sein