Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 45 (11.11.1898)
- Article
- Die Mission des jüdischen Volkes
- Date
- 1898-11-11
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 JP*h>*w: srr. 45 dieselbe zugetheilt sei. Dabei wäre denn nur noch zu untersuchen, wie groß der Antheil sei, den die geschichtliche Entwicklung, die Umstände und Berhältnisie, Schicksal und Zufall an der Begründung und Hervorbriugung dieses Berufes haben, und wie groß andererseits der Antheil sei, der dem jüdischen Volke selbst durch seinen Geist und seine Thaten an der Wahl und Zutheilung dieses Berufes zukomme. Jmnierhin aber könnte man dann noch darüber streiten, worin eigentlich dieser Beruf bestehe, wie weit er reiche, wie lange er dauere, wann er beendigt sei. Gerade in der Gegenwart ist auch viel darüber gestritten worden, während man in früheren Zeiten innerhalb des jüdischen Volkes darüber ziemlich einig war. Unleugbar ist wieder, dass die heiligen Schriften der Juden, sowohl die Propheten, als die Verfasser der Thora und der übrigen Schriften, dem jüdischen Volke einen Menschheitsberuf göttlicher Art zufchreiben, nur ist ungewiss und für uns schwer auszustnden, ob und wie weit das Volk selbst sich dieses Berufes bewusst gewesen ist und ihn anerkannt hat, und ob er ihm zu aller Zeit gleich klar und deutlich vor Augen stand. In der Zeit der Zerstreuung im Golus hat das jüdische Volk dagegen sich weder einen solchen Beruf zugeschrieben noch einen solchen ausgeübt. Das schreckliche Ereignis der Vernichtung des Reiches, der Zerstörung der heiligen Stadt, der Verbrennung des Tempels, der Berjagung aus dem Lande der Väter, hat einen so erschütternden Eindruck auf die jüdische Volksseele gemacht, dass cs von der Ueberzeugung durchdrungen war, solange es in der Gewalt Edoms sei, bleibe ihm nichts übrig, als um Erlösung aus der Gefangenschaft, um Rückführung nach Jerusalem, um das Kommen des Meschioch zu beten und seiner Erscheinung zu harren. Für die Zeit des Golus schrieb es sich in keiner Weise einen messianischen Beruf in der Menschheit zu, wie es ja auch nicht im mindesten in der Lage gewesen wäre, einen solchen an seinen Verfolgern und Peinigern auszuüben. Wohl aber bielt es mit der ganzen Glut seilres Herzens an der süßen Hoffnung fest, dass, wenn Meschiach es in's Land Israel zurückgebracht habe, wenn dort der Thron Davids in Herrlichkeit wieder aufgerichtet sei, das Königreich des Ewigen und seines Gesalbten sich über alle Völker ausbrciten und die Enden der Erde der Herrlichkeit Gottes und seines auserwählten Volkes voll werden sollen. In der Zeit des Golus aber, das stand allen Juden fest, sei Leiden, Thränen, Schmerzen und Schmach ihr trauriges Geschick. Die großen Gelehrten Spaniens, Südfrankceichs, Deutschlands, Polens hätten den sonderbar augeschaut, der ihnen zugemuther hätte, sie sollten jetzt im Golus an denen, die sie verfolgten, marterten, verbrannten, abschlachteten, beraubten und mit Schmach bedeckten, einen messianischen Beruf ausüben, und der ihnen jetzt an den Nichtjuden eine Miffion ausgebürdet hätte, während sie den gelben Fleck am Kleide trugen und an jedem Thor und Schlagbaum wie das liebe Vieh Zoll zahlen mussten. Ein so verrückter Gedanke wäre keinem Weisen in Israel in den Sinn gekommen, geschweige dass Einer gesagt hätte, sie seien darum unter alle Völker zerstreut worden, damit sie ihre Mission an ihnen ausüben könnten. Gleichwohl waren alle Gelehrten der Judenheit auch in jenen Zeiten darüber einig, dass mit dem Beginne der messianischen Zeit das jüdische Volk auch eine meffianische Aufgabe an der Menschheit werde zu erfüllen haben. Erst die moderne Zeit hat den Gedanken gezeitigt, dass das jüdische Volk das Opfer seiner Nationalität, seines Vaterlandes und seiner Selbständigkeit habe bringen müssen, um unter den Nationen der Erde, sei es eine religiöse, sei es eine humane, sei es eine culturelle oder moralische Miffion zu erfüllen. Wie ist man auf diesen Gedanken gekommen, der keineswegs einer gewiffen Großartigkeit und Hoheit entbehrt? Denn darin liegt ja doch, dass das jüdische Volk um der Wohlfahrt der Menschheit willen, das große Opfer habe bringen müffen. Wie ist man also dazu gekommen, den unter alle Völker zerstreuten Juden e:nc Miffion zuznschreiben? Den Anlass dazu gaben die durch die Emancipation veränderten Berhältnisie der Juden in den westlichen Ländern Europas und besonders in Deutschland. Es sind ja auch ganz und gar nur deutsche Rabbiner, welche solche Miffionsgedanken ausgeheckt und verbreitet haben. Wo die Juden heute noch, wie in Russland, Rumänien, Marokko, Tunis, Persien die Leiden des Golus durchzukosten haben, da nehmen sie auch heute noch keine solche Miffion in Anspruch. Es sind also Gedanken des deutschjüdischen Rabbinismus. Infolge der Emancipation nämlich haben die deutschen Juden in den deutschen Staaten Heimat- und Bürgerrecht gefunden. Zugleich gestalteten sich ihre materiellen und öconomischen Verhältnisse so günstig, sie lebten sich so rasch und so leicht und so mächtig in die Zustände des deutschen Volkes ein, dass ihnen ihre jüdische Nationalität nicht nur entbehrlich, sondern sogar als ein bedeutendes Hemmnis der vollkommenen Affimilation mit den Deutschen erschien. Um ganz des Glückes und der Vortheile zu genießen, die ihnen als deutschen Staatsbürgern winkten, gaben sie gerne ihre Nationalität preis und wollten nichts anderes als deutsche Staatsbürger jüdischer Confeffiou sein. So legten sie denn mit dem jüdischen Nationalgefühl und Nationalbewusstsein auch jüdische Denkart, jüdische Sitten und jüdisches Leben ab und waren eifrig bestrebt irr Allem die deutschen Mitbürger nicht nur nachzuahmen, sondern auch zu übertreffen. Aber wenn man Alles, Alles darangegeben hatte, um deutsch zu werden und zu sein, warum denn nicht auch das Letzte, die Religion preisgeben? Warum sollte man nicht auch sofort oder allmälig die Religion der Deutschen annehmen und christlich werden? Das nicht zu thun war eine Jnconsequenz. Und Viele haben diese Jnconsequenz eingesehen und tief gefühlt, und haben darum sich oder wenigstens ihre Kinder taufen laffen, und Biele machen es heute noch so, denn weder der jüdische Geist noch das jüdische Herz können einen solchen Zwiespalt und Widerspruch ertragen, deutsch und jüdisch zugleich zu sein, deutsch der Nationalität und jüdisch der Religion nach, da doch, wie in keiner Religion sonst, im Judenthum Religion und Nationalität auf's innigste verbunden und untrennbar verschmolzen sind. Das ist ja schon den alten Römern ausgefallen. Schon Strabo erschien es außerordentlich sonderbar und merkwürdig, dass, wenn ein Römer oder Grieche jüdisch-religiöse Sitten und Bräuche und Glauben annehme, er damit seine römische oder griechische Nationalität verliere und in die jüdische Nationalität einverleibt werde. Umgekehrt fühlen jetzt viele Juden, dass man kein rechter Deutscher werden könne, wenn man nicht auch Christ werde, und dass, wenn man der Nationalität nach Deutscher geworden fei, man auch kein ganz religiöser Jude bleiben, sondern von seiner Religion nur noch wenig oder nichts behalten könne. Sie spürten es, dass man, um ganzer Jude der Religion nach zu bleiben, auf die deutsche Nationalität hätte verzichten müffen; und umgekehrt, auch ' der jüdischen Religionentsagen müffe, und mit Leib und Seele Nationaldeutscher sein zu können. Die deutschen Rabbiner mussten also einen Rechtfertigungsgrund haben, wenn sie ihren Gläubigen zumuthen wollten, den unerträglichen Widerspruch und den inneren Zwiespalt doch zu ertragen. Die Rabbiner waren in sehr übler Lage. Ihr Volk und sie selber zog es mit tausend Seilen zur Affimilation mit dem Deutschthum hin. Sie selbst studierten eifrig deutsche Wiffenschasten, Literatur und Kunst, sie selbst hatten die allergrößten Vortheile davon, dass sie Deutsche wurden, und doch konnten und durften sie ihre Religion, das kostbarste Erbgut von den Vätern her, welche es Jahrhunderte lang mit ihrem Herzblut vertheidigt hatten, nicht preisgeben, um diese ihre Religion mit einem anderen Glauben zu vertauschen. Wie könnte also der Widerspruch gerechtfertigt und erträglich gemacht werden? Da bot sich ihnen der Miffionsgedanke als erwünschter und, wie es schien, vollkommen richtiger Ausweg. (Fortsetzung folgt.) G