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Die Welt · 1898-11-11 · 45 (11.11.1898) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
45 (11.11.1898)
Article
[Ohne Titel] / E. R.
Date
1898-11-11
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 45 J>fc§W<E Seite 5 Wenn man zu den Juden in irgend welchen näheren Beziehungen steht, so hat man davon nur Unannehmlichkeiten. Diesem Schicksale entgeht, wie die Weltgeschichte der letzten Wiener Tage beweist, nicht einmal der Gott der Inden. Die Wiener Rathsherren haben ihm ein bescheidenes Heim im VIII. Bezirke verweigert. Hier wollten die Juden eine Synagoge bauen, aber gegen diesen Plan erhob eine Fran Endlicher, in ihrer Eigenschaft als Anrainerin, Einspruch, und da die Wiener Stadträthe für die Frau Endlicher ungleich wärmere Sympathien hegen, als für den Gott der Juden, so soll dieser im VIll. Bezirk das Los seines obdachlosen Bolkes theilen; der Synagogenbau unterbleibt vorläufig. Nun ja, man darf sich nicht so ohne weiteres mit Beten befassen, wenn man ein Jude ist. In Olmütz sucht mau die Juden von ihren vermessenen religiösen Gelüsten durch ein der Synagoge gewidmetes Boinbenattentat zu curieren, und um die Wiener Juden nicht ähnlichen Zufällen anszusetzen, verbietet man hier überhaupt den Bau solcher gefährlicher Localitäten. — Oder will man nur verhindern, dass sich die Juden hie und da „etwas Gutes ausbeten?" Dreyfus hat, wie jetzt bekannt wird, während seines Aufenthaltes auf der Teufelsinsel eine Unvorsichtigkeit begangen, durch die er sich manchen guten Freund verscherzt haben mag. Und die Gegner der Revision sind um ein Argument, das die Verächtlichkeit des Excapitäns beweisen soll, reicher. Dreyfus ist — ist — — wir sagen es mit zögernder Zunge — auf der Teufelsinsel dicker geworden: und noch dazu um ein ganz beträchtliches Quantum. Dieses Quantum ist für die Gegner der Revision ein gefundener Biffen, den sie jetzt stets im Munde führen. Sie bezeichnen das Vorgehen des Verbannten als offenkundigen Cynismus, als Frivolität. Statt zusehends abzumagern, wie es sich für einen anständigen Deportierten ziemt, betrachtet Dreyfus die Teufelsinsel nur als Borbereitungscurs für eine andere Gegend — für Marienbad. Es kann gar kein schwerwiegenderes Argument gegen die Revision geben, als die schwerwiegende Leiblichkeit des Excapitäns, und wenn es einen deutlichen Maßstab für die Gewiffenlosigkeit dieses Juden gibt, so ist es sein Leibriemen. Dreyfus kann bis an sein Lebensende auf der Teufelsinsel bleiben, die ohnehin nur eine verkappte Mastanstalt ist. Kurz, seitdem jener Leibesumfang in weitere Kreise gedrungen ist, wird er allerorts von den Dreyfusgegnern gegen die Revision in die Wagschale geworfen. Vom Standpunkt der Esterhazylcute ist das ja ganz plausibel. So ein Herr hat gewöhnlich den Sitz des Ehrgefühles in der Magengegend, als Fülle des irdischen Glückes erscheint ihm ein plenus venter und er könnte sogar ein Freund der sonst gefürchteten Teufelsinsel werden, wenn er die Aussicht hätte, ihr — dicker Freund zu werden. Der Herbst ist eingezogen. Das Laub der Bäume ist gänzlich verjudet. Ueberall der gelbe Fleck. Den Bäumen ist das sehr unangenehm und sie schütteln ihn ab. Blätterfall. Im Wiener Gemeinderathe ist jetzt wieder haute saison. Tie meisten Gemeinderäthe sind sehr einsilbig. Diese eine Silbe lautet — „Jud". Das ist der Herbst, die Zeit der Ernte. Juden und „Judenknechte" ernten Beschimpfungen sonder Zahl. Denn die Wiener Gemeinderäthe sind wie herbstliche Bäume. Sie sind nicht grün — den Juden. E. R. Die Mission des jüdischen Volkes. Ein Wort zur Verständigung zwischen Zionisten und Anlizionisten. Von Tchclomo den David ha-ESrachi. Wie man auch die Sache ansehen mag, immerhin bleibt der Zwiespalt zwischen den Zionisten und ihren Gegnern ein beklagenswertes Ereignis. Die Zionisten empfinden es als ein schweres Hindernis, dass ihre hohen und edlen Ideen bei den deutschen Juden auf so hartnäckigen Widerstand stoßen, während letztere darüber unmuthig sind, dass ihre Ruhe durch die neue Bewegung gestört werde. Für die Zionisten wäre es beinahe eine Lebensfrage, wenn sie den Widerstand nicht zu überwinden vermöchten, und die Antizionisten halten sich eben durch den Zionismus im Genuss und der Ruhe ihres Lebens ernstlich bedroht, ja sie fürchten davon schwere Erschütterungen für das gesammte Judenthum und die ganze Judeuheit. Es scheint fast, als ob in Deutschland zwischen Zionisten und Antizionisten ein Kampf auf Leben und Tod entbrennen müsste. Zwar werden die breiten Schichten der deutschen Judenschaft noch ziemlich lange in ihrer indifferenten Lethargie beharren, aber die oberen Schichten, die das Wort für die anderen führen und durch An-, sehen, Bildung und Stellung im Leben die anderen überragen, haben schon längst dem Zionismus den Krieg angekündigt, und die Zionisten haben den Fehdehandschuh ausgenommen: sie wissen, dass wenn sie nicht von der deutschen Judenheit abstrahieren und auf die Mitwirkung dieses so bedeutenden und einflussreichen Theiles des jüdischen Volkes Verzicht leisten wollen, der Widerstand jener oberen Schichten gebrochen nnd die deutsche Indenheit für die nationale Bewegung gewonnen werden muss. Aber lässt sich der Zwiespalt nur durch Kamps und Streit überwinden? Ist kein Versuch zu friedlicher Verständigung möglich? Und ließe sich von einer Verständigung nicht zu einer gemeinsamen Action gelangen? Warum denn Streit unter Brüdern? Wir wollen also den Versuch wagen, ob sich eine Verständigung anbahnen und ein Weg zum Frieden ausfindig machen lässt. Möchte es beiderseits in geneigte Erwägung gezogen werden! Wir stellen bei unseren Erörterungen das gewichtigste Streitobject in den Mittelpunkt der Betrachtung und frage», ob es wirklich so beschaffen ist, dass man nur darüber streiten, sich nicht auch darüber verständigen und einigen^kann. Es ist eine unleugbare, seit Jahrtausenden durch die Geschichte bestätigte Thatsache, dass das jüdische Volk nicht bloß ein ganz eigenartiges Volk ist, sondern auch eine ganz eigenartige Geschichte hat, wie kein anderes Volk der Erde sie gehabt hat. Es ist ferner unumstößliche Thatsache, dass sowohl das jüdische Volk, seit es existiert, sich für ein besonderes, von allen Weltvölkern unterschiedenes, ihnen nicht gleichartiges Volk gehalten hat, als auch dass es ebenso von allen übrigen Völkern als ein besonderes Volk ungleicher Art angesehen worden ist. Wir wollen hier nicht die Gründe dafür aufzählen und untersuchen, sondern nur die Thatsachen constatieren. Es muss ferner constatiert werden, dass kein Volk der Erde so genaue, sichere und zusammenhängende llrkundcn seiner Vergangeuheir besitzt, wie das jüdische Volk, Urkunden, welche für die gesammte Menschheitsenrwicklung von größter.Wichtigkeit sind, weil sie bis auf den heutigen Tag den Geist von vierhundert Millionen der höchstcivilisierteu Menschen bewusster und unbewusster Weise beeinflußen. Es kann ferner nicht geleugnet werden, dass das jüdische Volk sowohl in seiner Gesammtheit, als auch durch einzelne Individuen, trotz oder gerade wegen seiner so eigenartigen Geschichte und Schicksale, allzeit eine tiefgreifende Einwirkung auf die Völkerwelt ausgenbt hat. Schon aus diesem Grunde könnte mit großer Berechtigung darauf geschlossen werde», dass dem jüdischen Volke nicht nur seine besondere Rolle unter den nicht jüdischen Völkern der Menschheit, sondern zugleich auch eine besondere Aufgabe und ein eigenartiger Beruf innerhalb der Menschheit und für

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