Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 45 (11.11.1898)
- Article
- Heimkehr
- Date
- 1898-11-11
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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«Seite 2 ^It^WdC Nr. 45 nicht wieder zu lebendiger Blüte ausrichten kann, wenn nicht ringsumher Ackerbau und Gewerbefteiß fröhliches Gedeihen fördern, und wir halten uns für berufen, die Intelligenz, Erfahrung und Gesittung des Abendlandes zu verpflanzen in das „unbebaute Land", das die heiligsten Ueberlieferungen unserer Vergangenheit birgt. Die Uebereichung des° Albums mit den Ansichten der jüdischen Colonien in Palästina hatte den guten Sinn, dem mächtigen Gaste aus dem Abendlande zu zeigen, dass die Intentionen seiner Jerusalemfahrt von den Juden verstanden werden, und er hat dieses Verständnis belohnt mit der feierlichen Verheißung seines „wohlwollenden Interesses". Dieses wohlwollende Interesse dürfen wir als eine kostbare Bürgschaft der öffentlich-rechtlichen Sicherung erkennen, die wir anstreben. Wir werden nicht vogelfrti sein auf dem Boden unserer nationalen Herkunft. Und wir werden auch nicht vergessen, dass Palästina ein Bestandtheil des türkischen Reiches ist. Wilhelm II., der Gast des Sultans, hat uns daran erinnert, wie er nicht anders konnte, denn sein wohlwollendes Interesse darf natürlich nur so weit gehen, als es mit der Souveränität des Landesherrn vereinbar ist. Die Mahnung ist keine War- . nung. Wenn wir, von der Dankbarkeit unserer erfüllten Heimatssehnsucht bestärkt, Palästina durch unsere Arbeit und Hingebung auf die Stufe der modernen Civilisation erheben dürfen, so ist es, wie sich von selbst versteht, die Wohlfahrt des türkischen Reiches, der unsere Arbeit zustatten kommt. Wir sind keine Revolutionäre. Es fehlt uns nicht weniger als Alles dazu, um innerhalb des türkischen Reiches ein Element der Gährung und Auflehnung zu bilden gleich dem armenischen oder griechischen. Ist das wohlwollende Interesse des deutschen Kaisers an unseren Bestrebungen eine Garantie unserer öffentlich-rechtlichen Sicherung, unseres Schutzes, der von confessionellen Gegensätzen unabhängig sein wird, so besteht eine nicht minder kostbare Bürgschaft in der Fürsorge des Sultans, dessen Souveränität wir aufrichtig und sorgsam zu respectieren bereit sind. Wir meinen, in der Mahnung des deutschen Kaisers einen Fingerzeig erblicken zu dürfen, dass auch der Sultan unter den beiden Voraussetzungen, dass wir der Wohlfahrt des türkischen Reiches dienen und die Souveränität des Landesherrn respectieren, unserer Heimkehr nicht widerstrebt. Niemals haben wir etwas Anderes gedacht, als dass wir diese Voraussetzungen erfüllen müssen. In Jerusalem ist es wieder stille. Aber wenn wir die Botschaft des deutschen Kaisers richtig begreifen, so wird diese Stille nicht lange mehr anhalten. Der Sämann ist bereit, das Saatkorn neuen Lebens auszustreuen über den heiligen Boden. Wilhelm II. kehrt heim aus dem gelobten Lande, dem er die Hoffnung der Wiedergeburt verkündet hat. Hoffnung und Heimkehr! Unsere Gedanken und Empfindungen klingen nur noch in dem Doppelwohllaute dieser beiden Worte. Sie umfassen und erschöpfen, wonach unsere Seele verlangt. Im Geiste sehen wir uns bereits an der Arbeit, Pflug und Kelle sind geschäftig, .vom Acker klingt das fröhliche Erntelied. Jerusalem lebt wieder auf und mit unsäglicher Kindesliebe hüten wir jeden seiner neuen Athemzüge, die auch unsere Athemzüge sind. Durch Jahrtausende blieb uns die Sehnsucht erhalten; nun umfängt es uns wie freudiges Ahnen der Erfüllung. Das sind ungeduldige Tage, aber wir wissen, was in der Geschichte das Morgen bedeutet. Wie lange haben wir gläubig, aber resigniert den Spruchwunsch gemurmelt: „Zum kommenden Jahr "in Jerusalem!" Wir sind nicht mehr resigniert und brauchen es nicht mehr zu sein. Der Sonnenstrahl der Hoffnung scheint wieder durch unser Dasein; er zeigt uns im Lichte einer großherzigen Verheißung den Weg zur Heimkehr. P Noch rinmal dir pr««ßischrn Landtagswahlrn. Von Max Aram. Wer noch in der ersten Phase der Wahlvorbereitungen die preußischen Landtagswahlen von einem jüdischen Standpunkte aus besprechen wollte, mochte sich verpflichtet fühlen, etwas von einer Gewaltsamkeit des Zusammenhanges zu sagen; aber je weiter die Vorbereitungen gediehen, umso offenbarer ward die Bedeutsamkeit dieser Wahlen für die Juden. Ja, sie mochten für die Juden noch ein höheres Interesse haben, als stir die eigentlichsten Borussen. An und für sich dürste es kaum etwas Zwergmäßigeres und Uninteressanteres geben, als die Zwistigkcicen zwischen der freisinnigen Bolkspartei und der freisinnigen Vereinigung, und mit solchen „politischen" Ereignissen verglichen kann noch die Premi.'re eines Fulda'schen Theaterstückes (über deren Generalprobe sogar ein Berliner Blatt einen ausführlichen Stinminngsbericht brachte) etwas wie ein historisches Ereignis vorstellen. Diese Landtagswahlen mögen für den Europäer etwa das Interesse von serbischen Skupschtina- oder norwegischen Storthingswahlen haben, bei denen man nicht einmal weiß, wodurch sich die kämpfenden Parteien unterscheiden. Aber für die Juden und zumal für die dein Zionismus geneigten haben die Vorgänge eine Bedeutung, die freilich unter der Oberfläche preußisch-politischer Gegensätze und Strebungen tief verhüllt ist, aber von einem aufmerksameren Betrachtergar leicht bloßgelcgt werden mag. Der Antheil der jüdischen Publicistik an den Wahlvorbereitungen wurde recht eigentlich erst wach aus einer zufälligen Veranlassung. In dem Wahlkreise Stadr Posen, wo die Juden infolge des plutokratischen Dreiclassenwahlsystems und des nationalen Gegensatzes zwischen Deutschen und Polen eine ausschlaggebende Stellung inne haben, war ein jüdischer Justizrath Lewinski gegen einen Caudidaten der freisinnigen Bolkspartei ausgestellt worden, und obwohl auch er sich zu einer freisinnigen Partei, der freisinnigen Vereinigung, bekannte, wurde seine Candidatur von den Nationalllberaleu und Conservativen aufs lebhafteste unterstützt, offenbar weil man hoffte, durch feine Ausstellung die jüdischen Wähler von der mit den Polen verbündeten freisinnigen Volkspartei abzuziehen. Nun aber offenbarte Eugen Richter, der Führer der freisinnigen Volkspartei, bei seiner Polemik gegen die Candidatur Lewinskis Anschauungen, die ihm von manchen jüdischen Anhängern gar sehr übelgenommen wurden. „Herr Lewinski ist Israelit", schrieb er in seiner „Freisinnigen Zeitung", „. . . . dass sich hierzu (zur Bekämpfung des Polenthnms) ein Israelit bergibt, muss umso mehr befremden, als gerade die Israeliten ein unmittelbar persönliches Interesse daran haben, den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Preußen vor dem Gesetze nicht angetastet zu sehen. Geht doch die antisemitische Bewegung darauf aus, in ähnlicher Weise wie die Hakatisten (d. s. Chauvinisten) gegen die Polen, gegen die Juden Ausnahmegesetze zu bringen. Abgesehen davon, werden thatsächlich die Juden sowohl im Staatsdienste, wie im Militärdienste hinter andere Classen der Bevölkerung znrückgesetzt." Gegen diese Auffassung machten nun wenigstens die specifisch jüdischen Blätter zumeist energisch Front, und z. B. die „Jsraelitsche Wochenschrift" fragte mit bnte"em Tone, ob denn die Juden nicht auch innerhalb der freisinnigen Volkspartei bei der Auswahl der Reichstags- und Landtagscandidaten zurückgesetzt würden. Denn die Candidatur Lewinskis mit ihren Folgen war nur die Veranlassung, welche eine längst gährende Missstimmung dieser specifisch jüdischen Kreise gegen den Führer der freisinnigen Volkspartei anslöste. Ursache war die allgemein bekannte Neigung Eugen Richters, die Juden möglichst von den repräsentativen Stellungen der Partei ferne zu halten, so dass diese in der That im Reichstage keinen einzigen jüdischen Abgeordneten hat, und die Wahl des etwaigen letzten Juden, des Dr. Max Hirsch in den Landtag noch sehr fraglich iit. Und diese Stimmungen verdichteten sich so sehr, dass sogar der Ruf nach „confessionellen Candidaturen" laut wurde, und zwar so laut, dass das „Berliner Tageblatt" gar in