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Die Welt · 1898-11-04 · 44 (4.11.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
44 (4.11.1898)
Article
Eine Fahrt ins Heilige Land
Date
1898-11-04
Page
15 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 44 Seite 15 schwankt zwischen den Schlägen des Antisemitismus und dem Wunsche, von diesen nationalen Kraftübungen nicht getroffen zu werden. Ein lasches Volk, das erst durch eine neue Jugend und ein großes Ideal in das Gleichgewicht der Seele, in das Geleise der Weltgeschichte zurückgehoben werden kann. Unfrei ist ein Volk, das jeden Augenblick den Nacken wenden muss, um dem Streiche auszuweichen, der ihm möglicher Weife dräuen könnte. Ich habe aber nicht den Eindruck erhalten, dafs die Juden in Budapest viel freier sind. Nicht etwa, weil sie gezwungen werden, ihre Namen magyarisieren zu müssen: oder weil viele von ihnen mit der alten Zähigkeit ihres Stammes an überlieferten Formen hängen. Bei aller Freibeit und Gleichheit durch die Verfassung und vor den Gesetzen, die nicht nur Papier geblieben sind, haftet ihnen ein Stück moralischer Unfreiheit an, das dem vorurtheilsfreien Blicke unverkennbar ist. Sehr bezeichnend für das unbewusste Gefühl der Unfreiheit bei den ungarischen Inden ist der Wunsch, nicht bemerkt werden zu wollen. Sie wünschen, dass ihre Zahl möglichst gering erscheine. In Budapest sollen nach der Angabe gut unterrichteter Leute über zweihunderttausend Juden wohnen, während die officielle Statistik nur hnndertdreißigtauseud jüdischer Einwohner kennt. In Budapest tritt uns ein Judenthum entgegen, das politisch frei ist wie das englische und geistig unfrei wie nur das Wiener. Aber die Krankheit des ungarischen Juden, deren Wesen die Unfreiheit ist, hat Symptome, die zeigen, wieviel tiefer und schwerer das Leiden in diesem Theile des Volksorganismus ist, als irgendwo anders. Ungarns Hauptstadt ist der einzige uns bekannte Punkt der Erde, wo die Reinheit jüdischen Familienlebens nicht mehr die alte ist. Kaum gibt es irgendwo einen durch die Assimilation gezeitigten Fehler, den die ungarischen Juden nicht wenigstens versucht haben, mitzumachen. Und doch steckt noch ein echt jüdischer Kern in diesen Juden, nur müssen sie wieder einmal in der Leidensschule geläutert werden. Ob diese aber noch lange auf sich warten lasten wird? Wer diese Budapester Juden nur so beiläufig und oberflächlich betrachtet, der wird kaum noch in ihnen jenen echtjüdischen Kern vermuthen, der doch unzweifelhaft vorhanden ist. Das soll nicht heißen, dass man in der schroffen Scheidung von „Neologen" und „Orthodoxen" ein Interesse am Judeuthume erblickendürfte, das Gegentheil ist davon der Fall. Aber man wende sich ab von den glänzenden Quais und der prächtigen Andraßystraße und betrete das wirkliche Judenviertel. Denn auch in Budapest gibt es ein Ghetto, oder vielmehr zwei: natürlich eines für die Reichen, und eines für die Andern. In diesem zweiten Jndenviertel, welches das erste war, wohnen die zahllosen jüdischen Kutscher und Lastträger, Kleinkaufleute und Gewerbetreibenden. Betritt der magyarische Jude diese Straßen und Gasten, so sieht er sich noch einmal scheu um, ob er nicht auch vielleicht bemerkt werde. Dann fetzt er seinen Fuß in das Innere, und mit diesem Augenblicke ist das Ungarische vergessen. Er spricht Judendeutsch und ist Jude. Die Inschrift an der Ecke unter dem rohen Bilde eines schwarzen Topfes TTT! ist ihm ein Stück trauten Vaterlandes. Diese Hunderte von deutschen Inschriften sind chrakteristischer Weise mit hebräischen Lettern geschrieben. Nur wer sich Maurus im Magyarischen nennt, heißt hier Moritz oder Mauscheh. Die große Zahl der ungarischen Juden würde es schon an und für sich unmöglich machen, dafs dieser so bedeutende Theil unseres Stammes in Andersgearteten und Andersdenkenden aufgehen könnte. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass das ungarische Judenthum offen in die neue Phase jüdischer Geschichte und bewusster Eigenentwicklung eintreten wird. Der magyarische Freiheitsdrang wird ihnen nicht immer eine mit dogmatischer Gläubigkeit hinznnehmende Gemüthserreguug sein. Von den Ungarn lernen sie, was Freiheit heißt. Dass sie dabei etwas gelernt haben, wird in die Erscheinung treten, wenn ihnen die Ungarn die vermeintliche Freiheit wieder nehmen wollen. In Belgrad betritt man den Orient, wenn es auch manchmal scheinen will, als beginne er schon in Tetschen. In Serbien ist die Gleichberechtigung der Juden auch in Wirklichkeit durchgeführt. Da ist kein Zweifel möglich. Wer daran zweifelt, erinnere sich der Rede des Ministerpräsidenten Karageorgios, die noch nicht vergessen ist. Die Negierungsform ist fteilich keineswegs eine freiheitliche. Das Verwaltungssystem ist verrottet und im tiefsten Kerne verdorben. Da geht ein ganz anderer Zug durch das aufstrebende Bulgarien. Mau fühlt auf Schritt nnd Tritt, dass hier ein Volk zu neuem Leben erwacht. Auch hier hat man den Inden alle Freiheiten gegeben, aber es ist bei der Klärung ein Bodensatz zurückgeblieben, den mau sich ängstlich hüten muss, aufzurühren. Bon den Donauländern ist beiweitem Rumänien das aufstrebendste und bedeutendste. Eine liberale Regierung hat es verstanden, die im Volksthume schlummernden Kräfte zu wecken, und wenn von cultnreller Kraft und Entwicklung in diesen Ländern die Rede ist, stehen Bukarest und Rumänien überhaupt obenan. Tie Behandlung der Juden freilich — das ist ganz etwas anderes! Niemals nnd nirgends ist an den Inden mit solcher Felonie und Rücksichtslosigkeit gehandelt worden, wie in Rumänien. Des Räthsels Lösung ist sehr einfach. Sie entspricht den Verhältnissen in anderen Ländern, abgesehen von Imponderabilien, die stets Mitwirken. In Serbien wohnen circa 3400 Juden, in Bulgarien 27.900, in Rumänien rnnd 400.000 Juden. Tie Stärke der Judenfeindschaft ist in diesen Ländern umgekehrt proportional zur Zahl der Juden. Doch wir haben die türkische Grenze überschritten. Eine neue Welt beginnt. In der Ferne verschwinden die Minarets von Adrianopel. Bald werden wir an den Ufern des Goldenen Hornes wandeln. (Fortsetzung folgt.) P Die Goldschilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (24. Fortsetzung.) V. Wenn Herr Kohn aus Frankfurt Zeuge dieser aufgeregten Unterredung gewesen wäre, er hätte nicht weniger überraschende Tinge erfahren als fein Pariser Geschäftsfreund. Bisher glich das Bild, das er sich im Geiste von feinem künftigen Schwiegersöhne entworfen, ganz und gar nicht der unscheinbaren Gestalt des kleinen, böhmischen Inden. Aber nach Jsak's Meinung wurde seine Ehe wenn auch nicht im Himmel, so auch sicherlich nicht im Kopfe feiner Schwiegereltern geschloffen. Er war es selbst, der sich seine Gattin unter Evas Töchtern aussuchte, und die übrige Menschheit musste sich wohl oder übel mit seiner Wahl absinden. In der zweiten Hälfte Juni traf der kleine Goldschild in Frankfurt ein und stieg, ganz gegen feine Gewohnheit, im vornehmsten Gasthofe, dem Schwan, ab. Nachdem er sich sorgfältig gekleidet und frisiert hatte, fuhr er zu Herrn Kohn. Dieser war nicht wenig erstaunt, als er den Buchhalter seines französischen Geschäftsfreundes in fein Privatcomptoir eintreten sah. Bei den Differenzen der letzten Monate hatte er zu feinem empfindlichen Nachtheile einige Proben der Schlau heit nnd Hinterlist des jungen Goldschild kennen gelernt. Daher war der Empfang, der Jsak zutheil wurde, nichts lveniger als ermuthigend. Aber gegen derlei Dinge war der kleine Jude merkwürdig nachsichtig. Er wusste ja, dass die Meinungen der Menschen oft überraschenden Wandlungen unterliegen. Mit freundlichem Gesichte saß er dein Banquier in dem im gothischen Stile ausgestatteten Arbeitszimmer gegenüber nnd

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