Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-11-04 · 44 (4.11.1898) · p. 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
44 (4.11.1898)
Article
Paris
Date
1898-11-04
Page
13 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315787--08932-3364074
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 4-4 J*ÖÄ Seite \ii procurators gegenüber der kriegsgerichtlichen Verurtheilung des Alfred Dreyfus; ferner im Hinblicke auf die Processakten und auf die einschlägigen Paragraphen des Strafgesetzes, was die Z u- Lässigkeit des Revision s"begehrens bezüglich eines Urtheiles, das die Rechtskraft einer res su.Iicata besitzt, erkannt, dass das Begehren in gesetzlicher Form eingebracht wurde. Was dre Procedur betrifft, so wird in Erwägung, dass die producierten Schrift ft ücke den Gerichtshof nicht in die Lage setzen, meritorisch zu beschließen, erkannt, dass eine Supplementar-Untersuchung zu erfolgen habe. Aus diesen Gründen erkennt der Gerichtshof: Das Revisionsbegehren ist zulässig: er ordnet an, dass zu einer Supplementär- Untersuchung geschritten werde und erklärt schließlich, dass vorderhand bezüglich des Begehrens des Generalprocurators, die Strafe des Alfred Dreyfus zu suspendieren, ein Beschluss nicht platz zugreisen Hab e." Wenn die Nationalisten etwa darauf gerechnet hatten, cs würde nach diesem Urtheile zu größeren Demonstrationen kommen, so hatten sie sich getäuscht. Die Bevölkerung verhielt sich ruhig und enttäuschte so auch die Erwartung der Umsturzparteien, welche gehofft hatten, bei eventuellen Unruhen die Sache der verschiedenen Prätendenten fördern zn können. Auch die Bildung des neuen Cabincts begegnete nicht so großen Schwierigkeiten, als man in jenen Kreisen geglaubt hatte. Der neue Ministerpräsident Dupuy wird das Portefeuille des Kriegsministers Herrn F r e y c i n e t, das Justiz-Portefeuille Herrn L e b r e t, einem gemäßigten Nepnblikaner, übergeben. Nun ist Freycinet allerdings nichts weniger als energischer Freund der Revision, und auch dem neuen Justizminister wird eine fast revisionsscindliche Stellungnahme nachgesagt. Gleichwohl hofft man, dass die Snpplementar-Untersuchung, die vom Cassationshofe felbst geführt werden soll, einen ruhigen Fortgang nehmen werde. Daran dürfte auch Cavaignac nichts mehr ändern können, der vom Caffativnshose eine Einvernahme in dieser Untersuchung verlangt, weil angeblich vom Referenten B a r d, ebenso wie vom Generalprocnrator mehrere ungenaue Behauptungen vorgebracht worden wären, welche er im Interesse der Wahrheit richtigstellcn müffe. Eine Entscheidung über die Zuschrift C a v a i g n a c s ist noch nicht getroffen worden. Paris, 1. November. In der gestrigen außerordentlichen Sitzung der Strafkammer des Caffationshoses wurde nach längerer Berathung beschloffen, dass die Zeugenvernehmung in Gegenwart aller Räthe stattsindcn und kein Mitglied des Caffationshoses mit einer besonderen Aufgabe betraut werden solle. Der Caffativnshos wird Delegierte ernennen behufs Herbeischaffuug der dem Actenmateriale der Affaire Dreyfus nachträglich beigeschloffenen Documcnte, deren Prüfung jedoch der Caffativnshos selbst vornehmen wird. England. London» Sir Samuel M o n t a g u, der seisinnige Philanthrop, der hochgebildete Politiker, ist als Gegner des Zionismus bekannt. Noch nicht seit langem zwar — ganz junge Leute erinnern sich deutlich an eine Zeit, da Sir Montagu ein jüdisches Programm vertrat, welches jeder stramme Zionist noch heutigen Tages ruhig unterschreiben dürfte. Würde nun Sir Montagu, deffen persönliche Ehrenhaftigkeit und dessen sonstige Verdienste um die Hebung des East End außer Zweifel stehen, erklären, er sei infolge neu aufgenommener und vertiefterer Erwägung zn einer geänderten Auffaffung jüdischer Politik gelangt — kein unbedingt berechtigter Vorwurf dürste ihm aus dem Wechsel seiner, sozusagen, sachlichen Gesinnung gemacht werden. Auch zu solchen Geständnissen gehört eine starke Ehrlichkeit. Aber sührwahr, zu diesen Raisonnements der Erklärung und Rechtfertigung gibt Sir Montagu keinen Anlass! Wo das treibende Motiv seines Frontwechsels liegt, darauf weist er mit vieler Gefliffentlichkeit selber hin. In einer Sitzung der .Federation of Synagogues“ die unlängst im East End stattfand, erklärte er, er habe zu den Factoren der zionistischen Bewegung kein Zutrauen. Das ist kein sachliches Argument, sondern eine Privatangelegenheit Sir Montagn's, die ganz gewiss keinen etwas angeht. Sir Montagu allerdings denkt hierüber anders. Wenigstens forderte er die Mitglieder der Federation aus, eine Resolution anzunehmen, mit welcher dieselbe sich aus Grund der Sir Montagu'schen Privatmeinung gegen den Zionismus hätte aussprechen sollen. Ein st a r k e s Stück! Oder vielmehr, da die apostrophierte Versammlung sich durch den Mund mehrerer Redner entschieden gegen jene Zumuthung anssprach, ein schwaches Stück. Auch die Bank, welche Sir Montagn's Missbilligung erfuhr, fand begeisterte Bertheidiger. — Und so erweitert sich die Kluft zwischen den beiden Theilen der Londoner Gemeinde von Tag zu Tag, und die traurigen Folgen einer indolenten, unzeitgemäßen Politik werden zn einer Warnung, die man auch anderwärts beherzigen sollte. P DkltWmchnchtku. Wien. Am 2'.>. October l. I. veranstaltete die jüdische akademische Verbindung „Uni las" im Restaurant Kaiserhof den Eröffnungscommers ihres IX. Semesters. Der überaus zahlreiche Besuch von Seiten der Stndentschafr und vieler Herren und Damen aus der besten Gesellschaft Wiens zeigt, welcher Sympathien sich die Verbindung allseits erfreut. Stach den kurzen Begrüßungswortcn des Präsidiums hielt der Vicepräses der Verbindung, St a g e l st o ck, die Tendenzrede, in welcher er mit scharfen Worten das lässige Verhalten vieler Wiener Juden geißelt, die glauben, für das Judenthum genug gethan zu haben, wenn sie dreimal im Jahre protestieren, zweimal im Musikvereinssaal und einmal im Saale des Kaufmännischen Vereines. Mitglied Salo Deutsch pries mit beredten, oft von Beifall unterbrochenen Worten die hervorragenden Führer der Zionisten, denen wir die Errungenschaften der letzten Jahre zu verdanken haben. Mit einem witzigen Toast aus die Damen fand der offieielle Theil des gelungenen Abends seinen Abschluss. Wien. Am 27. Ocl. hielt die akademische Verbindung „Maccabäa" ihren ersten Tiscussionsabend in diesem Semester ab; tei-lm. Elias referierte über die Ziele deS Zionismus; an der lebhaften Discussion, die sich nun entwickelte, betheiligten sich nicht nur die Mitglieder der Verbindung, sondern auch zahlreiche zu diesem Abend erngeladene Techniker. Die Verbindung „Maccabäa", die ihre Agitation hauptsächlich unter den Wiener Technikern entwickelt, gedenkt von nun an wöchentlich einen Vortragsabend mit zionistischem Thema abzuh alten. Wien. Jüdische Vereinigung „Jordania". In der am 23. October stattgefundenen Plenarversammlung legte der abtretendeAusschuss seinenRechenschaftsberichtvor; derselbe wurde ein stimmig genehmigt. Hieraus fanden die Neuwahlen in den Ausschuss statt. Es wurden gewählt, resp. wiedergewählt die Herren: Robert S e r e t h zum Präsidenten, Egon Lederer züm Bicepräsi denken. Wien. Ter jüdische Arbeiter- und Privarangeuelltenverein „Ach w ah" veranstaltet Samstag den r>. d. M. im Fischerscheu Restaurationssaale, 2. Bezirk, S ch i s f a m t s g a s s e 20 «Ecke Große Schiffgasse-, seinen ersten musikalisch-declamarorischen Abend als „G o l d s a d e n - A b e n d". Das Programm ist ein sehr reichhaltiges und interessantes. Es enthält u. a. einen Vortrag vom Schriftsteller R. A. B r a u d e 6 : „Ueber Goldfaden, den Schöpfer des jüdischen Theaters". Ferner Recitationen aus den Werken Goldsaden's, Elavier-, Violin- und Gesangsvorträge, Declamationen und humoristische Vorlesungen. Ihre Mitwirkung haben sreundlichst zugesagt: Die Elaviervirtuosin Fräulein Gina Hoth, der jugendliche Violinvirtuose Herr Leo Fiedler, ferner die Herren Leon A w i n. Mich. B e r k o w i c z, Josef E s k r e i s, Nord. Orgel, Alfr. Weißberaer u. m. a. Der Beginn dieses Geselligkeitsabends ist für 8 Uhr angesetzt. Eintritt frei. Gäste, auch Damen, herzlich willkommen! Wien. Im VereinejüdischerMädchen „H ad assa" hielt Herr B. T a g am Sonntag den 30. d. M. einen Vortrag unter dem Titel „Der Zug nach Palästina", in welchem er in glänzender Weise die Ziele der zionistischen Bewegung auseinandersetzte. Nach dem Referenten ergriff Herr Dr. Leop. Kahn das Wort und verwies auf die hervorragende Stellung, welche die Frau zu allen Zeiten im Judenthume hatte, und richtete an die Damen einen warmen Appell, in ihrem Kreis für die Verbreitung der jüdisch-nationalen Idee zu arbeiten. Herr Tag wurde von anwesenden Mitgliedern des Einzelvereines „Wien" des „Zion" ersucht, den Vortrag in ihrem Vereinslocale (H. Rembrandtstraße Skr. l l) zu halten. Herr Tag hatte die Güte, zuzusagen; der Vortrag findet Dienstag den 8. November statt. Sämmt-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.