Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 44 (4.11.1898)
- Article
- Wien / Haruri
- Date
- 1898-11-04
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 J*&Wde Nr. 44 Wunsch ausgesprochen. Herrn X. P. zum Rabbiner Voranschlägen. Was diesen „Wunsch" in den neun Geschäftsleuten, die zu Sachkundigen in einer Rabbinerwahl gewählt wurden, hervorgebracht hat, ist unbekannt, wenigstens nicht angegeben. Um Fähigkeit hat es sich doch nicht gehandelt, denn dann hätte man einen erprobten ehrwürdigen Mann berufen, wie es zu allen Zeiten in Israel war, und nicht das Amt im Wege einer Art von abscheulicher, herabwür^igender Licitation übertragen. War es aber die Unfähigkeit — ich meine speciell für dieses Amt — die sie angelockt — dann hätten ja alle gleiches Anrecht, denn jeder „hat gefallen." Man begreift, warum die Herren Cultusvorstände einen Judenstaat für überflüsiig halten. Was sie dafür gewinnen könnte, das wäre nur die Freiheit, sich nach ihrer Art ausznleben, d. h. die Herrschsucht befriedigen zu können und auf eigene Faust hin in kleinlicher Politik zu machen. Diese Freiheit bietet ihnen aber schon jetzt nebst der Börse die Cultusgemeinde. Nur dass es sich in letzterer um die heiligsten Güter des Judeuthnms handelt, das ist das Bedauernswerte. Der Zionismus hat also noch einen Protestler und das Judenthum wird wieder ein Menschenleben lang nicht erlöschen können, weil seine Religion ein neues „Kirchenlicht" bekommen. Dass die religiöse Erziehung unserer Jugend die heiligste ''Ausgabe der Cultusgemeinde ist, wird jeder Jude zugcbon. Unsere Kinder sind ja die Zukunft und die Hoffnung unseres Volkes. Man sollte meinen, dass die Herren Vorstände ihre Börsenwitzc draußen lasten und sich ihre Hände rein waschen, bevor sic diese heilige Sache anfaffen. Aber ganz anders. Die Wiener Cultusgemeinde braucht zwei Religionsprofessoren für Mittelschulen. Es melden sich nun zwei absolvierte Theologen und ein Jurist — ein schiffbrüchiger dazu, der nur die eine Befähigung Nachweisen kann, mit einem Cultnsbeamten von einer Mutter geboren worden zu sein. Freilich denkt sich ein jeder, die zwei Theologen wären die Berufensten und in solch wichtigen heiligen Sachen gäbe es keinen Spass. Aber wie naiv, lieber Leser! Bei den Herren ist die Liebe zu dem Juristen „vom Geschäft her" sehr groß, er wird nun R.-ligionsprofeffor, und ein Theologe wird abgewiesen. In Krähwinkel gab cs nur einen Schlosser, dafür aber zwei Schmiede. Der Schlosser legieng nun ein Verbrechen und sollte aus der Stadt ausgewiescn werden. Da cs aber nur einen Schlosser gab, beschloss der weise Stadtrach, an e'nem der zwei Schmiede das Urtheil zu vollstrecken. Und eine Mittelschule ist im glücklichen Besitze eines juridischen Religionsprofessors. Wenn die jüdische Schule cingeführt werden sollte, würde es uns gar nicht wundern, wenn wir eines Tages folgenden Concurs läsen: Für die jüdische Schule werden absolvierte Juristen als Professoren ausgenommen. Referenzen nur von ersten Wiener Advocaten oder Wcchselstubeninhabern. Acceptierte finden in der freien Zeit Verwendung als Rechtsconsulenten. Und das sind unsere Vorstände, diesen Männern werden die heiligsten Güter Israels anvertraut. „Das sind deine Götter, Israel", so rief man den Juden zu, als sie sich ein goldenes Kalb verfertigt, das ihre religiösen Bedürsnisse befriedigen sollte. Haiuri. Deutschland. Berlin. Löbliche Redaction der „Welt" in Wien. Sehr geehrter Herr Doctor! In Nr. 43 Ihres geschätzten Blattes, Seite 11/12, veröffentlichten Sie eine R. Unterzeichnete Mittheilnng aus Posen vom 23. d. M., die bedauerlicherweise falsche Angaben und überdies gehässige Unterstellungen enthält. Es ist unwahr, dass Herr Justizrath Lewinski „ein politisch sehr unsicherer Cantonist" ist. Er war stets sehr liberal und hat sich nach dem Zeugnis seiner volksparteilichen College:: in der Posener Stadtverordnetenversammlung „nach links entwickelt. Es ist unrichtig, dass von Seiten der Freisinnigen Volkspartei gegen die Lewinski'sche Candidatur „nur" oder überhaupt wegen dieser politischen Haltung was gemacht worden ist. Tie Freisinnige Volkspartei hätte, nach dem Erkenntnis ihrer Ortssührer, ebenso gegen Rickert und Dr. Barth agitiert. Sie will nur einen Volksparteiler und kein Mitglied der Freisinnigen Bereinigung, die genau so freisinnig ist, wie die Volkspartei, und nicht „auch-freisinnig", wie Ihr Correspondent sagt. Es ist unwahr, dass Eugen Richter der Aufstellung jüdischer Candidaturen „nicht mehr" abgeneigt ist und „in mehreren den Freisinnigen absolut sicheren Kreisen jüdische Candidaturen angeregt hat". Eugen Richter stellt heute wie früher nur aussichtslose jüdische Candidaturen auf, hindert heute wie früher die Aufstellung jüdischer Candidaturen in sicheren Wahlkreisen, wobei er, unter dem Beifall mancher unserer mattherzigen Glaubensgenoffen „taktische Gründe" vorfchützt. So bekämpft er in Berlin die Candidatur Friedemann, so hat er in Posen die Aufstellung des Volkspartei lers Moritz Jaffe gehindert. Es ist unwahr, dass Lewnrski sich „ein antipolnisches Mäntelchen umgchäugt hat". Er konnte das umso weniger, als er sich zur Freisinnigen Vereinigung rechnet, die, wie Eugen Richter in Posen selbst hervorhob, in allen polnischen Fragen mit der Volkspartei übereinstimmt. Es ist unrichtig, dass Justizrath Lewinski, der Schwiegersohn des orthodoxen Jzrael St. Posnanski in Lodz, „assimiliert" ist in einem anderen Sinne, als dass er nicht zu den Orthodoxen zählt. Das Lewinski'sche Schriftchen endlich, das nicht „vor einigen", sondern vor neun Jahren erschienen ist, enthält wohl manchen Vorschlag, den ich nicht billige, aber es ist unzweifelhaft ein Beweis für die Antheilnahme des Verfassers an jüdischen Dingen. Im Interesse der Sache möchte ich wünschen, dass Sie dieser Richtigstellung Raum geben. In der „Allg. Jsr. Wochenschrift" sind diese politischen Fragen und speciell die Candidatur Lewinski's ausführlich erörtert worden. Ihr ergebenster M. A. K l a u s n e r. Frankreich. Paris. Zwei Ereignisse von höchster Bedeutung haben die vergangene Woche zu einer denkwürdigen gemacht. Das erste :var der Sturz des Cabinets B r i s s o n, das zweite die Nevisionsverliandlung des Caffationshofes in der Affaire Dreyfus. Die Antisemiten und die mit ihnen verbündeten Parteien hatten nach ihrem Triumphe über das Ministerium in ihrem Siegesräusche die Richter des Caffationshofes in der unverhülltesten und rohesten Weise einzuschüchtern gesucht. Es war geplant, durch ein Aufgebot aller revisionsfeindlichen Deputierten, welche im Gerichtssaale erscheinen sollten, ferner durch Demonstrationen auf der Straße die Verhandlung zu beeinfluffen und, wenn die Richter sich trotzdem nicht willfährig zeigen sollten, das gerichtliche Verfahren gewaltsam zu verhindern. Zum Glück hatten gerade diese urbi et orbi verkündeten Drohungen den Erfolg, dass man von Seite der Regierung alle Vorsichtsmaßregeln traf, die einen rubigen Verlauf der Verhandlung sichern konnten, außerdem aber den Führern der Antirevisionisten zu wiffen that, dass man gegen ihre Gewaltthätigkeit die- Autorität der Regierung rücksichtslos ausrecht erhalten würde. Das wirkte so viel, dass die Verhandlung des Caffationshofes in Ruhe und Ordnung verlaufen konnte. Der Procurator Man au, der Rath B a r d, vor allem aber der Advocat M o r n a r d, der die Entkräftung des gegen den Excapitän vorgebrachten Materiales und die Kritik des damaligen Verfahrens in bewunderungswürdiger Weise vollbrachte, gaben in rein sachlicher Weise ein erschöpfendes Bild der ganzen Affaire, trotzdem ihnen eine Anzahl von Akten aus dem sogenannten geheimen Dossier des Kriegsministeriums nicht zugänglich war, welche, wie man annehmen muss, eine noch größere Belastung der Richter aus dem Jahre 1894 ergeben würden. Nach dem Plaidoyer des Advocaten Mvrnard zog sich der Gerichtshof zur Urtheilssällung zurück. Nach dreicinhalbstündiger Berathung verlas der Präsiedent L o e w folgendes Erkenntnis: „Im Hinblicke auf den Brief des Justizministers vom 27. September 1898 wird auf das Requisitorium des General-