Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 44 (4.11.1898)
- Article
- Briefe Heinrich Heines
- Date
- 1898-11-04
- Page
- 9 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 44 m&wC Seite 9 Briefe Heinrich Heines. Im Nachlasse der Kaiserin Elisabeth von Oesterreich wurde wohlverwahrt eine Mappe mit Originalbriefen von Heinrich Heines Hand gefunden. Die Kaiserin hatte der N. Fr. Pr. zufolge diese Briefe von Heines Schwester, Frau v. Embden, zum Geschenk erhalten, als sie einmal der alten Dame in Hamburg einen Besuch machte. Da Frau v. Embden dort noch lebt, ließ Kaiser Franz Joseph ihr die Briefe ihres Bruders zurückstellen. Zugleich richtete er ein eigenhändiges Schreiben an Frau v. Embden, worin er für das der Kaiserin gemachte Geschenk dankte und ihr die letzte Photographie der Kaiserin übersandte. Eine Forschungsreise ins Reich der Sabäer. Im südlichen Arabien liegt das alte Reich der Sabäer, über das die treundin des Königs Salomo, die Königin von Saba, herrschte. »ieses Reich war vor Jahrtausenden ein Centrum der alten arabischen, ein Mittelglied zwischen der assyrischen und der ägyptischen Cultur. ein Emporium des Handels, das mit Ausnahme eines Reisenden namens W rede kein Forscher betreten hat, das vollständig unbekannt ist. Kur einige Inschriften sind verstreut in den Museen, welche das Interesse, dieses Reich der Sabäer zu erforschen, geweckt habem Der schwedische Kammerrath Graf Landberg-Hallberger — er nennt sich Hallberger seit seiner Vermählung mit der Tochter des bekannten 'Verlegers — hat seit Jahren die Vorarbeiten gemacht, um in dieses Reich einzudringen, das heute Hadramauth heißt, unabhängig von der Türkei ist und von Scheichs beherrscht wird. Graf Lan db e r g, der die arabische Sprache vollständig beherrscht, hat Freundschaft mit einigen dieser Scheichs geschlossen, auf seine letzte Reise nach Wien Hatto er sogar den Sohn eines der mächtigsten Scheichs als Gast mitgenommen. Mit diesem Forscher hat sich die Wiener Akademie der Wissenschaften in Verbindung gesetzt, um ihre Gelehrten unter seiner Führung hinzusenden, damit dieses alte Culturland der Wissenschaft erschlossen werde. Mitglieder dieser Expedition sind die Universitätsprofessoren Dr. David Heinrich Müller, der Orientalist (für die Erforschung der hebräischen Alterthümer), Dr. Alfred Jehn (für arabische Sprachforschung), Dr. Oscar Simony (für photographische Aufnahmen und botanische Sammlungen), Dr. K o s m a t h (für geologische Untersuchungen). Außerdem begleitet die Expedition der Schiffsarzt Dr. Paulay und Carl Blöch, der Diener am archäologischen Institute. Graf Landberg und Dr. Müller reisten am 24. October ab; acht Tage später treffen sie sich mit den übrigen Mitgliedern der Spedition in' Suez, von wo die Expedition, die auf vier bis sechs Monate berechnet ist. auszieht. Es handelte sich bei den Vorbereitungen für die Expedition darum, auch ein Dampfschiff zu acquirieren, das an der Küste von Arabien entlang die Reise der Theilnehmer verfolgen könne. In Oesterreich fand sich kein geeigneter Dampfer; die Kriegsmarine verfügte über keinen von entsprechender Größe. Durch Vermittlung des Grafen Landbcrg erfuhr der König von Schweden von diesem Bedürfnisse. Man fand nun in Schweden ein Schiff, ,,G o t t fr i e d" (7000 Tonnen) als geeignet. Der König lud den Besitzer, Altheinz, zu sich, nnd das Schiff wurde zu billigem Preise gemietet; Allheinz und auch der Schiffsmakler Bomann haben die Mademie der Wissenschaften bei der Ausrüstuug des Schiffes in der munificentesten Weise unterstützt. Das Schiff wird die Thellnehmer der Expedition in Aden aufnehmen. Als gelegentlich einer Festfeier unter Vorsitz Nordenskjölds für Berzelius vor einigen Tagen das Mitglied der Mademie, der Mineraloge Becke, dem König von Schweden für die Unterstützung dankte, erwiderte dieser, er könne den Dank nicht acceptieren, er habe nur gethan, was jeder gebildete Mann in einem solchen Falle geleistet hätte. Diese neueste Expedition der Akademie der Wissenschaften wird ein bedeutendes Stück Culturgeschichte erschließen. N. W. T. A«S Algier. Der Vossischen Zeitung wird von ihrem Correspondenten geschrieben: Die Antisemftenhetze hat die Wirkung gehabt, dass die in Frankreich bestehende Gesetzgebung betreffs der jüdischen Gemeinden in Algier eingeführt worden ist. Danach wird ein Consistorium errichtet in jedem Departement oder Arondissement, das 2000 Juden zählt. Uebersteigt die Zahl der Juden 10.000 in einem Kreis, so können zwei Consistorien erricht^ werden. In Mgier gibt es 48.763 Juden in drei Departements unter 318.137 Franzosen. 211.580 andere Christen und 3.764.000 Muselmanen. Bisher bestand nur in jedem der drei Departements ein Consistorium, jetzt ist jedes in drei Bezirke mit ebensoviel Consistorien getheilt. Zweck der Neueintheilung ist, wie der sie befürwortende Bericht ausführt, die Macht der bisherigen großen Consistorien zu brechen. Zn diesem Behufs wird den Cousistorien auch die Verwaltung der zu wohlthätigen Zwecken bestimmten Einnahmen aus den Schlacht- und Kaschergebüren, sowie aus den Beerdigungen genommen. Sie müssen fortan diese Gelder an die amtliche Hrlfsanstalt (duresu äe dienkaisanes) des betreffenden Bezirkes abführen. Uebrigens sind auch die christlichen Kirchen gehalten, den Ertrag ihrer Sammlungen für wohlthätige Zwecke an diese Hilfsanstalten abzuliefern. Der-Bericht gesteht, dass durch die Vertheilung in neun, statt bisher drei Consistorialbezirke und Wegnahme der Einnahmen zu wohlthätigen Zwecken die Macht der Consistorien gebrochen wird. Allgemein ist man überrascht, zu erfahren, dass es in Algier nur 48.763 Juden gibt. Nach dem von den Antisemiten gemachten Getöse hätte jeder auf hunderttausende Juden geschlossen, die alle wirtschaftlrche und politische Gewalt in Händen hätten, die Wahlen entscheiden rc. Wenn die Juden in Algier Ansehen und Einfluss besitzen und etwas vorstellen, so kommt das hauptsächlich daher, dass sie sesshaft sind und in ansehnlicheren Städten gruppenweise zusammenwohnen. Dort haben sie sich auch franzöfische Sprache, europäische Gewohnheiten und Bildung erworben. Die Zahl der Juden hat sich dabei in Algier nicht entfernt so vermehrt wie die der übrigen Bevölkerung, ja eher noch vermindert. In Frankreich ist die Verminderung der Juden unzwesselhast. Der angezogene Bericht erwähnt, dass in Frankreich 71.000 Juden unter 38 Millionen Einwohnern leben. Unter dem Kaiserreich, Mitte der Fünfzigerjahre, wurden 90.000 Juden in Frankreich angegeben. Durch die Abtrennung von Elsaß-Lothringen wurden etwa 25.000 Juden abgelöst, doch muss die Gesammtzahl der Juden sich in der Zeit von 1855 bis 1870 vermehrt gehabt haben. Nach dem Frankfurter Frieden sind fortwährend viele jüdische Familien — siehe die Familie Dreyfus — nach Frankreich übergesiedelt, so dass in Elsaß-Lothringen eine Minderheit einttat, die freilich durch Einwanderung aus dem übrigen Deutschland reichlich ausgeglichen wurde. Seit 20 Jahren sind hier namentlich auch einige tausend Juden aus Russland mit einemmale eingewandert. Aus Deutschland. Oesterreich-Ungarn, Rumänien, Russland u. s. w. findet ein fortwährender Zuzug von Juden hieher statt. Nach meinen Wahrnehmungen sind feit 25 Jahren mindestens 15.000 Juden aus dem Auslande nach Paris gekommen, wo fteilich über die Hälfte aller Juden Frankreichs wohnt. Aber auch in den Provinzen sind Juden zugewandert, wie ich aus Beispielen weiß. Und trotzdem nur 71.000 Juden! Eine natürliche Mehrung findet also keineswegs statt, wie denn auch alle Kundigen eiugestchcn, dass ohne Einwanderung die Juden in Frankreich aussterben würden, wenn auch erst in längerer Zeit. Hauptursache davon sind die zahlreichen Heiraten mit Christen, bei denen die Nachkommenschaft christlich wird, selbst wenn die Ehe nur standesamtlich geschlossen wurde. Fast alle jüdischen Familien haben hier deshalb auch christliche Verwandte. In Paris besteht ein israelitisches Obcrconsistorium für Frankreich, dem jetzt auch die Consistorien in Mgier untergeordnet sind. Consistorien gibt es in Lille, Vesoul, Besan^on, Nancy, Lyon, Marseille. Bordeaux, Bayonne. In 56 (von 87) Departements gibt es keine Synagogengeureinden. Der Äusgestoßene. Abäniacar, ein Mitarbeiter der Pariser „Illustration", der einen Abstecher nach Cayenne gemacht hat, berichtet interessante Details über das Leben des Gefangenen aus der Teufelsinsel. Abemiacar erzählt, dass Dreyfus täglich um 5 Uhr früh ausstehe. Die Thür zu dem kleinen eingefriedeten Raume, in welchem er Bewegung machen darf, wird um diese Stunde vom Wächter geöffnet. Der Gefangene bereitet sich dann selbst sein Frühstück, er raucht und schreitet auf dem kleinen Stück Boden, das man ihm gelassen, in Gedanken versunken, hin und her. Um 10 Uhr muss er wieder in seinen Käfig, deffen Thür bis 11 Uhr geschlossen wird. Von 11 Uhr bis 5 Uhr nachmittags steht die Thür wieder offen und Dreyfus kann aus- und eingehen und in dem kleinen eingefriedeten Raume, der keinen Ausblick auf's Freie eröffnet, auf und ab schreiten. Während des Tages schreibt der Einsame auf der Teufelsinsel viel, und namentlich befasst er sich mit Architektur-Zeichnungen. Auf sein Aeußeres verwendet er große Sorgfalt, er kleidet sich gewöhnlich in weiße Leinwand und ttug lange Zeit gestärkte Hemden. Den Wächtern ist es strenge verboten, mit ihm zu sprechen, und er selbst hat bisher das Wort nur an seinen Arzt gerichtet, deffen er ab und zu bedurfte. Früher wurde dem Gefangenen das Essen geliefert, neuester Zeit aber muss er sich die Küche selbst besorgen, und so nährt er sich, um möglichst wenig Mühe zu haben, vorwiegend von Conserven. Der degradierte Uhlan. Der Figaro meldet, Esterhazy sei aus der Liste der Ehrenlegion gestrichen worden. Du Paty einst und seht. Im Jahre 1769, zur Regierungszeit Ludwig XV., wohute in Pfalzburg ein alter Rentner, dessen Reichthum die Habgier einer Räuberbande erregte, die ihn eines Nachts überfiel, ausraubte und sodann