Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 44 (4.11.1898)
- Article
- Am Jafathor in Jerusalem
- Date
- 1898-11-04
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
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Seihe 8 Rr. 44 Am Jafalhor tu Jerusalem. Im Norden führt nach Jerusalem das Damaskusthor, Umgebung des Jafathores ist eine der belebtesten Gegenden im Osten das Stefansthor, im Süden das Zionsthor und im der Stadt. Durch das Jafathor hat der deutsche Kaiser Westen das Jafa- oder Hebron-Thor (Bab-el-Chalil). Dieg ^seinen Einzug gehalten. 2?-SS- 3Tabius Miefes. Bor einigen Tagen verschied er im 74. Lebensjahre in Leipzig. Er stammte aus Galizien, war Kaufmann und Gelehrter, schrieb hebräische Gedichte und war Verfasser vieler religionsgeschichtlicher Abhandlungen. Sein bedeutendstes Werk ist seine hebräische, leider unvollständige „Geschichte der neueren Philosophie". Mit einer seltenen Klarheit und Gemeinverständlichkeit, die wohl eine Folge ausgezeichneter Sachkenntnis sind, stellt er dem hebräischen Publicum die Systeme der neueren Philosophen dar. Der im Talmndstudium geübte kritische Scharfblick half ihm diese zu dnrchdringen. In der Aufklärungsperiode gehörten viele Talmudisten zu den begeisterten Jüngern der Philosophie. Als man in Deutschland über die Erklärung des Hegel'schen Systems herumstritt — so ungefähr schrieb einmal Zunz über Krochmal — ahnte keiner, dass Hegel in einem ostgalizischen Städtchen ein Jünger erstand, der ihn am besten begriff. Mit Fabius Mieses starb uns wieder einer von der „alten" Schule. Ihre Jünger werden immer seltener, das erfüllt uns mit Schmerz, mit banger Besorgnis. Was drese Jünger auszeichnete, das war ein hoher, reiner Idealismus. Ihr Charakter war edel, edel ihr Lebenswandel, edel all ihr Streben. Mit idealer Begeisterung für Forschung und Wiffen verließen sie das dumpfe Ghetto, um das Licht und die Wärme der Aufklärungssonne zu genießen. Die lange Finsternis lehrte sie das Licht lieben, es anbeten. Jeder dieser edlen Stürmer und Dränger war ein Idealist, der Idealismus machte sie alle zu edlen Schwärmern, zu Poeten. Die Nüchternsten schrieben damals Gedichte; diese waren ein Ausdruck ihrer Begeisterung für die Forschung und die Aufklärung. Die Dichtkunst stellte ihnen Paffierscheine aus, sie durften dann aus den engen Mauern herauskommen. Aus reinen idealen Trieben widmeten sie sich ihren Forschungen, schufen Vieles, was fortleben wird, riffen andere mit sich fort und wurden ihre Lehrer und väterlichen Rathgeber. Die jüdische Wiffenschaft war ihnen keine Profeffion, Kaufleute waren Gelehrte. Heute ist es umgekehrt, die Gelehrten sind Kaufleute. Die Wiffenschaft, die im Judenthum zu allen Zeiten als ein heiliger idealer Beruf betrachtet wurde, ist uns ein cvmmercielles Gebiet geworden, man erwirbt sich „Verdienste" um sie. Man möchte fortgeriffen werden, aber man wird abgestoßen. Es gibt freilich Ausnahmen, aber das sind doch nur die Jünger von der „alten" Schule. Sie werden immer seltener, ein Stück edler Romantik schwindet mit ihnen aus dem jüdischen Geistesleben. Daran erinnert uns der Tod des Fabius Mieses. jb.