Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 44 (4.11.1898)
- Article
- Brief aus Warschau
- Date
- 1898-11-04
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 44 JPkJ^Wdr Seite 7 Rumpelkammer langweiliger Homiletik geschleudert worden sind, sollen hier zur Rettung und Erbauung des Judenthums, zur Bekämpfung und Ausrottung des Zionismus dienen . . . Und was ist es mit den Hymnen und Gebetsformeln, mit dem Zionscultus, mit den Hoffnungspsalmen, mit all den Verheißungen und Weissagungen, die vor und nach dieser Protestpredigt wie Posaunenstöße in das Herz drangen? Ist der Gottesdienst eine arge, heuchlerische Comödie? Eins von Beiden muss ja Lüge sein: entweder die Gebete, die traditionellen, tausendjährigen Gebete, der vom Zionismus durchdrungene Cultus,^ der mit den einfachsten und zugleich erhabensten Worten, die durch keine sinnverdrehende Sophisterei falsch gedeutet werden können, den Wiederaufbau Israels in Palästina verkünden, oder — die Predigt? Merzt doch aus den Gebetbüchern den Zionismus aus, dann gewinnen wir eine klare Situation! Die Lüge im Tempel des Herrn, die Gotteslästerung im Gotteshause, die Bekämpfung des Inhaltes der Gebete durch den Prediger der Gemeinde, der crasseste, gegenseitige Widerspruch zwischen dem, was wir seit Jahrtausenden beten, und zwischen dem Bortrag des Predigers — nein, so tief gefallen sind wir noch nicht, dass wir in unserer Synagoge diese Krämerethik, diese doppelte Buchführung dulden. Das Unnatürliche, das Lächerliche richtet sich von selbst. Lange war der Tempel zu Jerusalem von heidnischer Schmach verunreinigt. Der Grvß-Asstmilator Antiochus schaltete und waltete auch im Tempel. Aber der Tempel blieb Tempel. Ein Sonnenstrahl, ein makabäischer Sonnenstrahl verscheuchte die Finsternis. Die Herren Prediger und die Herren Laien mögen folgendes beherzigen: Sie werden s i ch dem Judenthum entfremden, sie werden in einen heillosen Widerspruch mit dem jüdischen Geist, mit dem jüdischen Bewusstsein gerathen, aber den jüdischen Idealismus werden sie nicht überwinden. - Ben Esra. P Eine Erwiderung. Von L. Mozkin. Als vor etwas mehr als zwei Wochen die von Herrn Bambus längst angekündigte Broschüre „Herr Mozkin und die Wahrheit über die Colonifation Palästinas" thatsächlich erschien oder wenigstens dem Publicum zugestellt wurde, fand gerade eine Versammlung der zionistischen Vereinigung zu Berlin statt. Ich ergriff diese Gelegenheit, um auf die genannte Broschüre, welche mir damals zuerst zu Gesichte kam, sofort zu erwidern. Ich war in der Lage, das ganze Gebäude der „wiffentlichen Unwahrheiten" und colossalen Unrichtigkeiten, welche ich begangen haben soll und auf denen Herr Bambus seine Beschuldigungen aufthürmt, mit Leichtigkeit zu zerstören, während ich auf das Persönliche, Gehässige und Kleinliche nicht eingieng. Dies ist mir zuwider: daher wird auch der Ton der Broschüre unerwidert bleiben. Ich bedauere, dass Herr Bambus in diese Versammlung, obgleich er direct dazu aufgesordert worden, nicht gekommen ist, da die Erörterungen daselbst, in aller Oeffentlichkeit geführt, ihn wohl am meisten angehen mussten. War ihm ja vorher angekündigt, dass die Debatten dieses Abends, welcher für den Eongressbericht bestimmt war, theilweise meinen Vortrag und die gegen denselben in die Welt geschleuderte Polemik betreffen wurden. Herr Bambus hätte schon damals meine Antwort hören können. Durch eine anderweitige nothwendige Beschäftigung war ich bis jetzt absolut verhindert, mit meiner Antwort an die weitere Oeffentlichkeit heranzutreten, was ich nunmehr nachhole. Ich bin leider gezwungen, die Oeffentlichkeit mit den Angriffen, welche Herr Bambus in etwas unliebenswürdiger Weise gegen mich erhoben, und mit meiner Erwiderung zu beschäftigen, weil ich zwar persönlich, aber in meiner Eigenschaft als Berichterstatter des Eongresses, angegriffen worden bin. Um meine Gutgläubigkeit zu verdächtigen, behauptete Herr Bambus, dass ich in einer Reihe von Fällen mit vollem Bewusstsein die Unwahrheit ausgesprochen. Fünf nennt er: l. Nachdem ich mich über die Schule in Riscbon-Lezion ungünstig geäußert, erkläre ich, dass ich mir die Urtheile über die Schulen nach persönlichen Besuchen gebildet „Nun denn: vor mir liegt, während ich dies schreibe, die officielle Bestätigung, dass Herr Mozkin die Schule in Rischon-Lezion gar nicht besucht hat, weil ihm die Zulassung seitens des Administrators Herrn Hazan verweigert wurde. Es ist also eine wissentliche Unwahrheit." Also Herr Bambus, hiezu habe ich folgendes zu erklären: Ich habe die Schule in Rischon-Lezion am 15. Juli vormittags besucht, wohnte eine Zeit lang dem Unterrichte und dann den Prüfungen, welche die Lehrer in freundlicher Weise um meinetwillen in zwei Elasten veranstalteten, ja sogar dem Singen und Marschieren bei. Zeugen meines Besuches sind außer den Lehrern die Studenten Teplitzky (Odessa), Aronowitsch ^dasi), Janowsky (Pet.), welche während meiner Besichtigung hinzukamen. Unwahr ist ferner, dass mir die Zulassung seitens des Administrators verweigert wurde: ec hatte nur hinzugefügt, dass er mir z u besichtigen gestatte aber nicht zu prüfen, was ich auch persönlich nicht thun wollte. Die Antwort allein charakterisiert eine gewisse seelische Stimmung, die ich nach den Prüfungen in eigener Weise zu deuten wusste. 2. Wie die erste officielle Bestätigung auf Wahrheit beruht, ebenso entspricht die zweite den wirklichen Thatsachen. Ich hätte Herrn Rapaport, der die Aufsicht über die Schulen in Srchron- Jakob führt und mich bei der Prüfung geleitete, „mein Vergnügen ausgedrückt, die zufriedenstellenden Fortschritte der Kinder constatiert zu haben." In Basel aber habe ich gesagt: „In Sichron-Jakob ist die Schule ziemlich schlecht." Ich erinnere mich selbstverständlich nicht des Wortlautes, den ich beim Abschied von Herrn Rapaport gebrauchte, wohl aber des Sinnes meiner Worte. Ich habe ihm für die freundliche Begleitung gedankt, die mir seinerseits zurheil geworden; möglich auch, dass ich über bestimmte Bruchstücke von Kenntnissen meine Zufriedenheit äußerte, während ich compromittierendes Nichtwissen durchaus nicht hervorhob. Sollte sich Herr Rapaport jener peinlichen Verlegenheit, welche während einer Prüfung im Rechnen entstand, und der auffallenden Unkenntniffe nicht mehr erinnern? Die allgemeine Fassung;enes Urtheils verliert um so mehr an Sinn, als ich nicht bloß mit Herrn Rappaport am 15. Juni die Schulen besichtigte, darunter die Knabenschule nur flüchtig, sondern nochmals am 20. Juni in der Knabenschule absichtlich allein und unbeeinflußt einen längeren Besuch machte. Nachdem ich lange und ernstlich geprüft, sprach ich noch mit einem Lehrer über manche wichtige Mängel dieser Schule. Unangenehm berührt wurde ich auch durch die vorbereitende Ausbildung im Asyl, das sich als ganz unzulänglich erwies. Wie in Rischon-Lezion, so liegt wohl auch in Sichron-Jakob die Unzulänglichkeit in den Schulen zum großen Theile an dem Mangel eines entsprechenden Programmes, weniger an den Lehrern. 3. Ferner habe ich gesagt: „Der Hauptgrund, weshalb auch die Schulen in Palästina unseren Erwartungen nicht entsprechen, ist der Umstand, dass die Oberaufsicht in den Schulen der Rothschild'schen Colonien Mädchen anheim gegeben ist, die kurze Zeit, ein bis zwei Jahre, ihre Erziehung in Paris genossen haben." Dies sei eine wissentliche Unwahrheit, denn die Oberaufsicht führen die beiden Herren Rapaport und Ehracoiin, ferner unterrichten Lehrerinnen nur in Mädchenschulen; da mich Herr Rapaport herumgeführt, so habe ich es wissen müffen. — Das sind Wortklaubereien. Zunächst bemerke ich. dass ich es längst für das Protokoll berichtigt habe, dass ich nicht „der Hauptgrund" sondern „Ein Hauptgrund" gesagt, was auch sonst einleuchtet, da ich viel mehr von dem Mangel an Einheitlichkeit sprach, cben'o den Ausdruck „den Schulen" durch „vielen Schulen" berichtigt habe. Nun aber zur Sache. Was ich sagen wollte, ist, dass die gekennzeichneten Mädchen Vorsteherinnen von vielen Schulen sind : dies ist der Fall, und darauf kommt es an. Es gehört wahrlich eine gewisse Kühnheit dazu, diesen Punkt in so herausfordernder Weise zu berühren. Als ob die Schäden, welche durch den Einfluß jener oft erstaunlich jungen Mädchen hervorgerufen werden, nicht allen Eolonisatoren bekannt wären! Man lese nur die zahlreichen Nnwillensäußerungen von Medod, so oft er im Haschiloah auf die Leiterinnen und Lehrerinnen der Schulen zu sprechen kommt. In dem Julihefte wird die Hoffnung ausgesprochen, dass das „schreckliche Uebel" und der „verdorbene Geist", den die Mädchen mirbringen. aufhören werden, da in diesem Jahre keine mehr nach Paris mitgenommen wurde. Wer von den fungierenden Mädchen einen Begriff erhalten will, der lese im Haschiloah 16. I.. S. 444. Daselbst wird in lebhaften Bildern geschildert, wie jene Mädchen von den Ihrigen sich entfernen, ein großartiges Leben führen und den Details aller Pariser Modethorheiten nachgehen. Von den Bauern halten sie sich fern, sie kommen nicht in ihre Gesellschaft, da sie zu den Oberen der Colonien gezählt werden, zu den vornehmen Administraroren, welche mit einfachen Bauern nicht verkehren. Ihre ehemaligen Freundinnen, auch die geehrter gewesen, erkennen sie nicht mehr, selbst ihre Eltern, welche kein Französisch sprechen und zu den Administratoren nichr gehören, empfangen sie nicht immer in ihrem Hause, damit ihre Ehre nichr in den Augen der Administratoren gemindert werde. Am Ende heiratet sie einen "Administrator oder einen solchen, der es werden soll.... Die Töchter der Colonisten sehen nun, wie die früher Arme jetzt eine „Glückliche" sei und alle, die ihr nah sind, glücklich mache. So träume alles von Paris und dergleichen. (Fortsetzung folgt). »