Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 44 (4.11.1898)
- Article
- [Ohne Titel] / E. R.
- Date
- 1898-11-04
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 General Gonse: „Was liegt Ihnen varan, ob dieser Jude auf der Teufelsinsel bleibt?" Picquart: „Wenn er aber unschuldig ist?" General Gonse: „Niemand wird es wissen, wenn Sie es nicht sagen."- Dieses kleine, von Picquart mitgetheilte Zwiegespräch müsste das Motto für eine zukünftige Darstellung des Falles Treyfus bilden. General Gonse löst mit seinen zwei kurzen Aussprüchen, die von einem würzigen Hauche frischer Offenherzigkeit durchweht find, alle Räthsel der merkwürdigen Affaire. — Es soll gewisse Zauberworte geben, durch die ein ganz normal gebauter Mensch in irgend eine mehr oder minder zottige Bestie verwandelt werden kann. Wir haben derartige Geschichten immer für Ammenmärchen gehalten; aber General Gonse belehrt uns eines Befferen. „Dieser Jude" — das ist so ein magisches Wörtchen. Wenn der würdige General in den Bannkreis des Wörtchens geräth, dann schüttelt er mit einem plötzlichen Ruck alles Menschliche ab, das Mitleid, den Wahrheitstrieb, das Ehrgefühl, das Gerechtigkeitsgefühl, das Schamgefühl und alle übrigen Eigenschaften, die den Menschen nach der übereinstimmenden Ansicht der Fachleute zu zieren pflegen, der hochachtbare Herr General steht in einem brutalen, grobborstigen Fell da, und wenn man ihn anredet, so stößt er einige unarticulierte Laute aus, die wie: „Tod den Juden! Hoch die Armee! Hoch Esterhazy!" klingen. Die Juden haben sich jederzeit dadurch, dass sie misshandelt wurden, um die geschichtliche Forschung große Verdienste erworben. Den Juden gegenüber haben sich die Völker stets zwanglos und ungekünstelt benommen. Wenn wir die Völker in ihrer urwüchsigen Natürlichkeit kennen lernen wollen, müffeu wir sie bei chrem Verkehre mit dem Juden studieren. Da geben sie sich ohne jede Tünche, so wie sie sind. So wie man sich etwa ungeniert gehen lässt, wenn außer irgend einem Hausthier niemand in der Stube ist. Es ist die unverfälschte, lässige Ursprünglichkeit, die bei den Menschen zutage tritt, wenn sie sich Wesen gegenübersehen. die sie fiir sehr, sehr inferior halten. Darum ist die Geschichte der Juden nicht so sehr die Geschichte der Juden, als ein Charakterbild der übrigen Völker. Bevor man den Juden die herkömmlichen Prügel verabreicht hat, hat man sich behufs größerer Bewegungsfreiheit des Rockes entledigt und die Hemdärmel aufgestülpt. Die Völker in Hemdärmeln, die Menschheit im Negligö — diese hochwichtigen Porträts verdankt der Historiker den Juden. Es soll manches faul sein im Staate Frankreich. Die Affaire Dreyfus aber bedeutet den Heilungs-, den Läuterungsprocess. „Dieser Jude" Dreyfus hat eben in seinem Käfig die Rolle eines Verfuchsthieres gespielt. Man hat ihn von den Menschen abgeschlossen, man hat an seinem Leib und seiner Seele die verschiedenartigsten Experimente angestellt, bis man nach langwierigen Untersuchungen den Stoff gewann, mit dessen Hilfe Frankreich, wie es allgemein heißt, gesunden soll. Dieser Jude hat allerdings viel erduldet, aber er wird das, ach, so tröstliche Bewusstsein haben, dass er denen zu Liebe gelitten, die ihn gehasst haben. — Das gehört auch zu den uralten öffentlichen Rechten und Pflichten der Juden. Man sieht, wie vielseitig die Judenheit ist. Die Zahl der Obliegenheiten, die sie chienieden zu besorgen hat, ist Legion. Die Judenheit ist — sozusagen — das Mädchen für alles unter den Völkern. General Gonse steht übrigens mit seiner absteigenden Classificierung der Lebewesen nicht vereinsamt da. Er hat das gewöhliche Erfinderpech. Just zur selben Zeit, wo die Oeffentlichkeit von dem System des ftanzösischen Forschers erfährt, melden sich in Wien Gelehrte, denen im stillen Denkerstübchen eines Pfaidlerladens ein- und dieselben Gedanken Nr. 44 gereist sind. Aber da zeigt sich der wohlthuende Gegensatz zwischen einem Manne, der im freundlichen Kreise von Jägerhemden und tadellos gestärkten Krägen nur den Geschäften des Friedens lebt und dem rauhen Kriegsmanne, der es in einem Milieu des störenden Waffenlärmes zu keiner klaren Formulierung seiner vorzüglichen Gedanken bringen kann. — „Dieser Jude!" — Wir fühlen zwar heraus, dass der Jude nicht ans der Höhe der übrigen Menschheit steht, aber wir merken das mehr an dem vornehm wegwerfenden Tone, von dem diese Formel getragen wird. Dagegen hat es unser Landsmann, der Wiener Denker, zu einer gereisten plastischen Form der Ausdrucksweise gebracht. Klipp und klar verkündet sein Mund im österreichischen Parlament die Differenzierurg der Gottesgeschöpfe, die da eingetheilt werden: 1. in Menschen, 2. in Der Mund des genannten Abgeordneten hat übrigens mit den erwähnten Wäschestücken, welche gewaschen sind, durchaus nichts gemein. Einem anderen Reichsraths-Abgeordneten, der ein passionierter Bücherwurm ist und Nächte lang über dem Talmud und Schulchan-Aruch grübelnd beim Studiertisch sitzt, sind in der jüngsten Zeit die Pestbacillen ein wenig zu Kopf gestiegen. Seine kritischen Untersuchungen über das Wesen des Schulchan-Aruch ergäben, dass dieses Buch ein Reglement für jüdische Aerzte ist. Es wurde vor mehreren Jahrhunderten verfasst, um den jüdischen Aerzten des 19. Jahrhunderts einige praktische Anleitungen zu geben, wie man christliche Patienten durch bakteriologische Experimente mühelos martern könne. Der Schulchan-Aruch hat sich auch als medicinisches Lehrbuch ausgezeichnet bewährt, denn durch seine Vermittlung ist die Pest in Wien ausgebrochen, durch seine Vermittlung haben mehrere insicierte Ratten geheime Ausflüge in die Canäle und der genannte Abgeordnete öffentliche Ausflüge in antisemitische Bersamuilungeu unternommen -c. :c. Der genannte Bücherwurm hat übrigens mit dem Schulchan-Aruch, der gewöhnlich in Schweinsleder gebunden ist, in manchen Aeußerlichkeiten manches gemein. E. R. « Die Kranichc des Dreyftrs. Von Jacques Bahar. Jetzt dürfen wir rLeeliododi“ singen, denn nach dem Bericht des Hofrathes Bard und den Reden des Oberstaatsanwaltes Manan. sowie des Advocaten Mornard (für Dreyfus), ist man dazu berechtigt, die Virtuosen des Betruges und die Paganinis der Fälschung als besorgt und aufgehoben zu betrachten. Die Kraniche, durch welche unsere Feinde endgiltig bloßgestellt wurden, erschienen unter der Form zweier Concepte, die Esterhazy an General Thimotheus von Boisdeffre richtete, und die seinerzeit von Bertulus aus dem tiefen Versteck eines Blumentopfes an das Licht der Sonne gebracht wurden. Darin sagte jener cynisch, dass, wenn Boisdeffre des Gehorsams der Sachverständigen.bezüglich der Vaterschaft des Bordereans nicht sicher sei, er sich dazu gezwungen sehen würde, die Legende einzubürgern, dass die Schrift des Bordereaus auf der seinigen von einem Anderen durchgepaust worden sei. Es war eigentlich die höchste Zeit, dass dieses Stück Wahrheit — denn vieles ist noch zu enthüllen — an den Tag gekommen ist, denn beinahe hätten wir anstatt der Wiederaufnahme des Dreyfus-Processes den Staatsstreich gehabt. Eine durchgreifende Judenmetzelei sollte Ende October oder anfangs November statthaben, worauf Victor Napoleon wieder auf den Thron seiner Oheims gesetzt werden sollte. Victor hätte wiederum die Antisemiten — um sich ihrer Janitscharen-