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Die Welt · 1898-11-04 · 44 (4.11.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
44 (4.11.1898)
Article
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Date
1898-11-04
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Rr. 44 Seite 3 lierten sich selbst zu ihrer besonderen Generosität. Vorsicht und' Einsicht, staatsmän irischer oder einsacher gesunder Menschenverstand — die waren in dem Rüstzeug der Herren nicht zu finden, oder aber in Verbindung mit einem genügend großen Ansmaß von Dilettantismus, so dass diese Eigenschaften nicht nutzbar gemacht werden konnten. 1890 wenden sie die Methode vom Jahre 1881 an, 1901 werden sie um nichts moderner geworden sein. Schon im Jahre 1881 gab es verständige ruffische Juden, die es aussprachen, dass ihnen nicht Palliativmittel, sondern eine Cur von Grund aus notthue. Erst jetzt beginnt die Weisheit des westlichen Europa diesen richtigen Gedanken zu verwirklichen. Und doch finden sich noch heutigentags Leute, die ungeachtet der Berichte ihrer eigenen Commissionen, sich einreden, die jüdische Frage könne local gelöst tverden. Wie. das sagen sie nicht. Sie ringen die Hände und janmtcnt über die Situation. Das ist kindisch oder etwas noch Aergeres. Was haben diese Organisationen, die doch zu demselben Zwecke gegründet worden sind, den der Zionismus anstrcbr: nämlich um dem jüdischen Volke zu Helsen, bis jetzt geleistet? Für die persischen und marokkanischen Juden haben sie nichts thun können. In Rumänien geht es den Inden schlimmer denn je, in Oesterreich, Deutschland und Frankreich steht der Antisemitismus in üppiger Blüte. Durch einen übelberathenen Auswanderuugsmodus haben sie die jüdischen Flüchtlinge in Deutschland zu Parias gemacht, in England und Amerika eine communale Judenfrage neu geschaffen. Wie die Lage der Londoner East-End-Ueberbevölkerung ist, braucht nicht klargelegt zu werden, sie ist aller Welt wohlbekannt. Aehnliche Verhältnisse sind in New-Dork und anderen großen Städten der Vereinigten Staaten — das Resultat der Thätigkeit jener Gesellschaften. In New- Aork wurde letztes Jahr schon an ein Judenghetto im Osten der Stadt gedacht, so weit ist es gekommen. Das argentinische Project hat nur eine temporäre Ansiedluug zustande gebracht. Mit den Riesensummen, die da ausgegeben wurden, ist nichts erzielt worden, als eine neue traurige Abart vom Typus des ewigen Juden. Die Proteste und Angriffe der Antizionisten lasten uns kalt. Auf eine ganz' andere Art möchten wir uns bekämpft . sehen. Nämlich, mit einem vernünftigen, wohlausgearbeiteten Plan der Hilfe. Den sollen uns die Antizionisten vorlegen. Sie dürfen daraus rechnen, dass wir ihn gründlicher und vorurtheilsloser prüfen werden, als sie den unserigen. Diese Anregung wird nicht in böser Absicht gegeben. Ein Factum wiegt mehr als eine Unmenge Theorien. Die Politik des laiss'ez faire derjenigen, die für die trostlose Lage nur ihre ehrlich gemeinten Klagen bereit haben, taugt nichts. Ohne eine Panik hervorruseu zu wollen, ohne aus Princip Grau in Grau zu malen, fragen wir: Ist ein Zug der Juden des Ostens nach dem Westen eine absolute Unmöglichkeit? Wie viele Krawalle müffen noch erfolgen, um — sagen wir — nur 5000 galizische Juden zur Auswanderung nach Oesterreich, Ungarn, England oder Amerika zu veranlassen? Was sind 5000 Juden? Eine Handvoll! Und doch, alle jüdischen Organisationen Westeuropas, selbst wenn sie ihre Kräfte vereinigten, vermöchten nicht, dieser Handvoll zu helfen! Da müsste die große Trommel gerührt werden, um einen Fond zu sammeln, Conferenzen, Versammlungen und Berathungen würden in Hülle und Fülle stattfinden, viele Kilo Papier giengen nur für die Protokolle auf — und das alles, weil eine kleine galizische Stadt sich ihrer jüdischen Einwohner entleert hätte. Was würden unsere Gegner und Kritiker mit diesen Flüchtlingen anfangen? Ein solcher Zuwachs zur jüdischen Bevölkerung Englands würde die Fremdenbill sofort zum fait accompli machen. Die amerikanischen Einwanderungs- Jnspectoren würden tausende Gründe in Bereitschaft haben, den Flüchtlingen den Einlass zu verwehren. Die a u st r a l i s ch e Judenheit hat seit Jahren eine Neu-Einwanderung von Juden verhindert, S ü d a f r i k a will und kann die Armen nicht aufnehmen. die Verwalter der argentinischen Colonieu dürfen selbst bei bestem Willen nicht einmal in Aussicht stellen, die Auswanderer zu versorgen. W o h i n würden also diese Aermsten, die Misere Brüder sind, gehen, was könnten wir für sie thun, was niit ihnen anfangen? Was ich da sage, ist kein hypoiberisches Argument. Die Ereignisse des Jahres 1881 erfolgten unvorhergesehen. An jenen des Jahres 1890 nahm man sich noch immer keine Lehre. Mit welchen Mitteln will man eine Wiederkehr des Jammers im Jahre 1900 verhüten? Wer die Augen offen hält, muss sehen, dass die Sitnativn heutzutage bereits acut ist. Hunderte von Juden, die drüben in Amerika Schiffbruch gelitten, werden nach England zurückgeschickt, von England nach Russland, und dort bleiben sie solange, bis wieder genügendes Reisegeld aufgebracht ist. Jede Wvche stellt sich ein anderer Mikrokosmos der leidenden Judenwelt unserer Betrachtung dar. So kann man in unseren Straßen gar ost einen rumänischen Juden treffen, der sein Land verlassen, weil ihm das Leberc unmöglich gemacht worden ist. Er gierig dann nach Oesterreich, nach Deutschland: auch dort wurde ihm das Leben unleidlich geniacht. Endlich kommt er nach London, und er bebt zurück vor der Ungastlichkeit und Unfreundlichkeit, der er hier auf Schritt und Tritt begegnet. Die Landessprache kennt er nicht. Oft ist er froh, wenn er nur das Reisegeld bekommt, um wieder heimkehren zu können. Oder aber wir finden ihn nach Jahr und Tag in einem furchtbaren, aussichtslosen Kanipf um eine furchtbare, aussichtslose Existenz. Zäher ist schon der russische Jude, auch findet er bereits viele Landsleute vor und weiß sich eventuell durchzuschlagen. Und wie viele auch von den russischen Juden gehen elend zugrunde? An demselben Tage, an dem ich einen solchen rumänischen Juden zu Gesicht bekam, traf ich Auswanderer aus Frankreich. Flüchtlinge aus Algerien. Was geschieht mit ihnen? Man hilft ihnen bis zur nächsten Stadt. Was dann? Und dann, wenn wir sie wiederfinden wollen, müssen wir sie in der Hefe der Menschheit suchen. Ich fordere unsere Gegner auf, uns zu sagen, wie sie diese Verhältnisse bessern wollen: zu sagen, mit welcher — nichtzionistischen — Hoffnung sie in diesen ausgemergelte:: Leibern das Blut warm halten, in diesen verzweifelten Herzen den Muth aufrichten wollen, den Kämpfer ums Leben brauchen. Ich fordere sie auf, uns zu sagen, was sie bereits gethan haben, um dieses jammervollste Problem menschlichen Jammers zu lösen, was sie in Zukunft mit den Tausenden unseres Volkes anfangen werden, denen geholfen werden muss, wenn die Sonne des Friedens über dem Leben unseres Volkes aufgehen soll. P W i e n. 2. November. Aus dem Palissadenzann, der den Excapitän Treyfns einschließt, ist neuerdings durch den Pariser Cassationshof ein massiver Pfahl heransgebrochen worden. Aber es ist trotzdem noch zweifelhaft, ob der Gefangene durch die neue Lücke, die jetzt in dem Käsiggitter entstanden ist, cudgiltig ins Freie gelangen kann. Denn die Affaire Dreyfus hat uns gezeigt, dass nicht nur das Glück, sondern auch die Gerechtigkeit auf einer Kugel steht. Und wenn uns nicht alles täuscht, so ist es in unserem Falle eine gut ausgebildete Kanonenkugel.

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