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Die Welt · 1898-11-04 · 44 (4.11.1898) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
44 (4.11.1898)
Article
Episode oder Geschichtsereignis?
Date
1898-11-04
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 J*<xiwr Nr. 44 land,. dann vernahm dieses, auch nachdem der Islam längst aufgehört Halle, eine Gefahr für Europa zu fein, stets nur das Feldgeschrei gegen den Halbmond vom Westen her, waffenklirrend oder durch die diplomatische Sordine gedämpft. Mentschikovs sagenhafte Reitpeitsche und Gladstone's wilde Verwünschung des „Unspeakable Turk“ waren modernisierte Nachklänge des fanatischen Confessionalismus vergangener Jahrhunderte. Dieser ist jetzt erst völlig überwunden durch das Beispiel Wilhelms 11., der die „Verschiedenheit der Race und Confession" nicht mehr als Hindernis freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Völkern gellen lässt. Ist dies etwa kein historischer Wendepunkt? Wir wissen nicht und können nicht wissen, wie groß die Umwandlung sein wird, welche sich aus der handelspolitischen und wirtschaftlichen Erschließung Kleinasiens durch deutsche Initiative ergeben muss. Aber wir sind überzeugt, dass sie bessere Früchte für die Cioilisation in Aussicht stellt als der unausgesetzte diplomatische Cirkeltanz um die Türkei, dessen Figuren inrmer die nämlichen blieben, wenn auch die Vortänzer mit einander abwechselten. Das brausende Tschokjascha, mit welchem die Bevölkerung Constantinopels den deutschen Kaiser aus Schritt und Tritt begleitete, glich einem sehr beredten Naturlaut; es machte in ihm die Freude sich Luft, dass endlich einmal ein Freund der Türkei erstanden ist, der auf volles Vertrauen Anspruch hat. Aus das Vertrauen vor allem, dass nicht der Hintergedanke der Austreibung der Orientalen aus Europa und ihrer Beerbung seine Freundschaft verdächtig macht. Diesem mit Recht geargwohnten Hintergedanken hat bisher das islamitische Misstrauen unverrückbar gegenübergestanden; dem fremden Capital, der fremden Industrie, der fremden Arbeit, wenn sie friedlichen und civilisatorischen Aufgaben dienen wollen, setzt es sich nicht entgegen. Es ist der ins Politische übertragene Goethische Gedanke der Weltliteratur, der Begriff des „Westöstlichen", der in der Orientfahrt Wilhelms II. zu wahrhaft epochalem Ausdrucke kommt. Eine bloße Episode kann dies unmöglich sein. Wenn in dem Verhalten des Occidents zum Orient ein neues Capitel beginnt, so ist das eine durchgreifende Veränderung der Wellphysiognomie, ein Abschnitt in der Geschichte. Wenn damit aber zugleich der Grundsatz zur Geltung kommt, dass Religion und Raffe nicht weiter bestimmend sein sollen für die Wechselseitigkeit der Völker, so ist es auch ein Sieg der Eivilisation über die bisherige ausschließliche Herrschaft der Machtpolitik. Wir denken, dass diese Metamorphose nicht eindrucksvoller und großartiger an eine geschichtliche Oertlichkeit anknüpfen konnte, als an Jerusalem und Palästina. Die älteste Stätte der Civilisation wird zum Ausgangspunkte eines neuen ungeheuren Fortschrittes der allgemeinen Entwicklung. Diese heilige Stätte würde aber ganz erst ihrer geschichtlichen Bestimmung wiedergegeben sein, wenn dcm Volke, das von ihr ausgieno, das ihr für alle Zeiten die Weihe gab und trotz zwertausendjährigen Exils mit brennender Sehnsucht nach ihr zurückverlangt, gestattet würde, an der Wiedergeburt den ihm gebärenden Antheil zu nehmen. Dass es dazu geeignet ist, bestreitet Niemand. Es ist durch Leid und Missgeschick, durch die Zucht der Geschichte zu dieser Ausgabe vorbereitet worden. „Das Leben", sagt Jean Paul, „besteht nicht aus siebzig Jahren, sondern die siebzig Jahre bestehen aus fortwährendem Leben." Gelitten hat das jüdische Volk, dass es ihm sein musste, als bestände das Leben nur aus Jahren, Jahrzehnten, Jahrhunderten: sollte es durch sein Geschick nicht verdient haben, dass nun auch die Jahre kommen, die aus dem Leben bestehen? An die Frage, ob die Jerusalemfahrt Wilhelms II. nur eine' Episode oder aber ein großes Geschichtscreignis sei. knüpft _sich für uns die andere Frage, was wir von ihr zu Höften haben. Wir erachten die Fahrt als folgenreiches historisches Ereignis und erhoffen uns von ihr, dass sie auch uns die ersehnte geschichtliche Wendung verheißt, die Wendung zu eigener Geschichte und eigenem Leben im doppelten Dienste der Eivilisation und der erneuten nationalen Bodenständigkeit. P Eine Anfrage. Von I. de Haas. In London ist die Rede von einem bevorstehenden Angriffe auf den Zionismus. In den Niederlanden bejammert ein jüdisches Organ das Auftauchen des Zionismus in diesem Lande. Die erwähnten Facta beweisen zweierlei: Erstens, dass .Israel erwacht, zweitens, dass die Opposition anfäugt, sich zu ängstigen, und dass ihr Protestieren nichts nützt. In dem folgenden Artikel möchte ich nur eine Besprechung des Zionismus vom rationellen Standpunkte aus versuchen. Tie bloße Verneinung ist unfruchtbar; besser als alles Geschrei ist eiu die Facta gegenüberstellendes Schema. Die Lage des jüdischen Volkes, wie wir sie heute kennen, ist keine neue. Cremicux, der sie voraussah, schuf die .-V I 1 i a n c e I s r a e 1 i t e Universelle, und der gleichen Absicht — nämlich der Vorbereitung einer Abwehr — entsprang die Gründung der E n g 1 i s li J e w i s h Association und der verwandten Gesellschaften in Oesterreich und Deutschland. Dr. A. L ö w y, der inzwischen zurückgetretene Rabbiner der Londoner Resormgemeinde, der jahrelang Secretär der Engiish Jewisli Association war, schrieb vor etwa acht Jahren, dass man ihn ein halbes Jahrhundert zuvor aufgefordert habe, etwas für die Sache seiner Brüder zu thun, und dass damals die Absicht bestanden hätte, etwas „Zionistisches" zu schaffen. Sonderbarerweise hatten alle diese Organisationen, von denen eben die Rede war, gleich bei ihren ersten Schritten wenig Glück. Die Alliance Israelite Universelle protestierte gegen die Unterstellung, als verfolge sie politische Ziele — und ihr Protest blieb ohne Erfolg. Hätte sie den gesunden Menschenverstand gehabt, die Antisemiten zu ignorieren, so hätte sie etwas leisten können. So aber ist sie, gleich ihrer englischen Schwestergesellschaft, zu einer nicht ganz unnützen, aber machtlosen Organisation degeneriert, deren beste That die Unterstützung der Schulen im Osten war. Im Jahre 1878 vermochte der vereinigte jüdische Einfluss in den Berliner Vertrag eine Klausel hineinzubriugen, an welche sich die rumänische Regierung zu keiner Zeit gehalten hat. Seither hat öfters nur ein Brief an einen Minister der auswärtigen Angelegenheiten in London oder Paris, eine Judenmaffacre in Persien, eine Metzelei in Marokko verhütet. Diese Aussichten auf Massacres und Metzeleien wiederholen sich mit rmheimlicher Regelmäßigkeit, die Macht aber, ihnen zuvorzukommen, nimmt von Fall zu Fall ab. Tie Regierungen dürfen nicht zu oft belästigt werden, und die bevollmächtigten Vertreter der europäischen Mächte im Anslande wiffen ihren Eifer einzudämmen, wenn es sich um Juden handelt. Die ruffischen Judenverfolgungen in den Jahren 1880 bis 1882 und ihr Wiederaufleben im Jahre 1892 brachten das Gewissen der gesammten englischen Judenheit in Aufruhr. Es fanden Meetings (im Mansion House) und Konferenzen statt, 200.000 Pfd. Sterling wurden aufgebracht, das ruffischjüdische Comite trat ins Leben. Zweifellos geschah da mit den Mitteln der Emigration und Neuansiedlung manches Gute. Aber die Herren, die in dieser traurigen Angelegenheit eine aufregende Agitation entseffelten, scheinen selber von ihr niemals tief genug ergriffen worden zu sein, um die Situation ganz und voll ins Auge zu faffen. Sie fanden den ganzen Bolkskörper Israels krank bis ins Mark hinein. Statt aber ihren unzweifelhaft vorhandenen Einfluss und ihre financielle Kraft zu einer gründlichen Heilung zu benützen, legten sie das Pflaster ans eine Wunde, die sie ihrer Untersuchung wert hielten, und gratu-

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