Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 44 (4.11.1898)
- Date
- 1898-11-04
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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Ohne Zweifel, die Frage, welche wir über diese Zeilen setzen, lässt sich jetzt schon aufwersen. Sie wirft sich sogar von selbst auf, denn, um zu einem Urtheil über die Bedeutung der Jerusalemfahrt Wilhelms II. zu gelangen, ist es vor allem nöthig, zu unterscheiden, was "sie der Zukunft als bleibende Wirkung zu hinterlassen geeignet ist, und was von ihr als flüchtige Momentdecoration in der Flutwelle des Alltags versinken wird. Das ist keine SpielereimiteinerbloßendialectischenAlternative.Die Episode ist etwas Zufälliges, sie hat keine bedingenden Voraussetzungen und keine nothwendigen Folgen. Historisch werden Thatsachen und Ereignisse nur kraft der Ursächlichkeit, durch welche sie mit der Vergangenheit und mit der Zukunft in unlöslichem Zusammenhänge stehen. Wir halten die Jerusalemfahrt Wilhelms II. für ein bedeutungsvolles historisches Ereignis und wir wollen sagen, warum sie uns als ein solches erscheint. Als Pilger, einem frommen Gemüthsbedürfnisse folgend, sind während der letzten vier Jahrzehnte manche Fürsten und Fürstensöhne nach Jerusalem gekommen. Kaiser Franz Josef, auf dessen Krone aus der Zeit des alten Reiches der Titel des Königs von Jerusalem sich vererbt hat, war im gelobten Lande: Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Friedrich III., weilte, von der Eröffnung des Suez-Canals heimkehrcnd, in Jerusalem, und auch ein russischer Großfürst betrat als Sendling des Kaisers von Russland die heiligen Stätten. Ihre Besuche hatten sicherlich auch den Zweck, die in Palästina ansässigen Bekenner ihrer Confessionen .zu ermuthigen, aber dies war ein Nebenzweck. Auch die protestantisch - kirchliche Tendenz der Jerusalemfahrt Wilhelms II. ist nur Anlass, nicht Beweggrund. Nicht das consessionelle, sondern das nationale Moment steht voran. Damit aber ist dargethan, dass der Geist unserer Geschichtsepoche an der Jerusalemfahrt Wilhelms II. den maßgebenden Antheil hat, denn der Geist unserer Geschichtsepoche wird nicht von confeffionellen, sondern von nationalen Motiven gelenkt. Unverkennbar ist dies zutage getreten an dem lärmenden Vorspiel der Jerusalemfahrt Wilhelms II. Man schob in Frankreich das consessionelle Moment vor indem man die Schutzrechtsfrage aufwarf, und der Papst neigte sich auf die französische Seite, indem er Frankreichs Anspruch auf das Protectorat über sämmtliche Katholiken im Orient bescheinigte. Doch hinter dieser stürmischen Controverse verbarg sich etwas ganz anderes, nämlich der sehr weltliche Gegensatz des nationalen Prestiges. Es war eine Kraftprobe nicht zwischen Katholicismus und Protestantismus, sondern zwischen Frankreich und Deutschland. Und diese musste zu Gunsten Deutschlands ausfallen, weil man in Berlin nicht hinter der spanischen Wand des Confeffionalismus sich verschanzte, sondern, dem Geiste unserer Geschichtsepoche gemäß, den nattonalen Standpunkt einnahm. Deutsche Katholiken im Orient haben Anspruch auf deutschen Schutz, wenn sie denselben verlangen, und Deutschland hat das Recht, ihn zu gewähren. Französische Katholiken im Orient werden sich an den Schutz Frankreichs halten und niemand wird ihnen denselben verkümmern. Der protestantische deutsche Kaiser und die katholische französische Negierung haben nicht im Namen der Religion, sodern im Namen der Nation das Schutzrecht zu üben, nicht die Confession des Schützlings, sondern seine Nationalität entscheidet über seinen Schutzanspruch. Dies ist das thalsächliche Ergebnis des Proteetoratsstreites, und man wird es wohl ein historisches nennen dürfen, denn es hat eine Praxis von mehr als dreihundert Jahren endgiltig beseitigt, die Staatsautornät Deutschlands auch im Orient neben derjenigen Frankreichs definitiv zur Geltung gebracht. Noch deutlicher offenbarte sich die historische Bedeutung der Fahrt Wilhelms II. in einer anderen Richtung. Man hatte überall seit dem Augenblicke, in welchem die Fahrt angekündigt wurde, den Eindruck, dass es sich um einen weitreichenden wirtschaftlichen Zweck handle. Dieser Eindruck äußerte sich je nach dem größeren oder geringeren Interesse, das an den verschiedenen Stellen sich in Mitleidenschaft gezogen fühlte, in verschiedener Tonart. Hier argwöhnisch, dort erwartungsvoll. Man war aber dort wie hier auf der richtigen Fährte, denn es ist in Wirklichkeit die erste friedliche und ver. trauensvolle Begegnung des Occidents mit dem Orient, welche der Besuch Wilhelms II. in Constantinopel und Jerusalem einleitet. Eine solche hat niemals vorher stattgesunden. Die Kreuzfahrer kamen als Feinde ins Morgen-