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Die Welt · 1898-10-28 · 43 (28.10.1898) · p. 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
43 (28.10.1898)
Article
Die Goldschilds
Date
1898-10-28
Page
16 (sequence 2)
Language
German
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Sem- 16 JfcOWdr Nr. 43 Aber Jsak erfasste mit seinen langen Fingern das Handgelenk des Verzweifelten und sprach kaltblütig: „Lasten Sie das nur, Herr Osterhcim! Ich bin es!" „Was suchen Sie hier? Wie sind Sie hereingekommen?" stamuielte der Banquier fastungslos. „Ich habe auf Sie gewartet. Und zwar seit mehr als einem Abend!" erwiderte Goldfchild sehr ruhig. „Denn ich wusste, dass es soweit kommen würde durch . . ." Hier hielt er einen Augenblick aus alter, unterwürfiger Gewohnheit ein. Dann aber fiel es ihm ein, dass er ja jetzt der Sieger sei und mit brutaler Rücksichtslosigkeit beendete er seinen Satz: „Ja — durch Ihre Dummheit!" Der stolze, eigenwillige Banquier fuhr bei diesem unverschämten Worte nicht auf. Seine ganze Willenskraft war zusammengebrochen. Derselbe psychologische Vorgang, der in jener verhängnisvollen Nacht Raphael Goldschild widerstandslos die Befehle Davids ausführen ließ, wiederholte sich hier. Willig unterwarf sich eine Intelligenz, die die Grenzen ihrer Begabung erkannt, einer anderen — stärkeren. Gedankenlos murmelte der Banquier sein „Schön, schön!" mit dem er den Vortrag seiner Beamten zu beantworten pflegte. Auf einen Stuhl weisend, fügte er hinzu: „Bitte, nehmen Sie Platz!" Aber Jsak fühlte sich so sehr Herr der Situation, dass er die Aufforderung gar nicht abgewartet hatte. Im Gegentheil! Bei den Worten des Chefs stand er sofort wieder auf, nahm die Pistole vom Tische weg und trug sie auf den eisenbeschlagenen Geldschrank, der in der gegenüberliegenden Ecke des Zimmers stand. Dann durchschritt er einigemale stumm das Gemacb. Plötzlich blieb er stehen und fragte, ' die Hände in den Hosentaschen vergrabend, so dass nur die schwarzen Pulswärmer aus den weißen Manschetten hervorragten: „Sie geben also zu, dass Ihre Herrlichkeit zu Ende ist?" Der Banquier saß stumm vor seinem Schreibtische, die Schläfen in beide fette Hände gepresst. In den zwei Armleuchtern brannte je eine Kerze, die ihr flackerndes Licht auf sein bleiches Gesicht warf. Da er keine Antwort gab, fuhr ihn Jsak barsch an: „Sie — Herr Osterheim — ich habe Sie gefragt — ob Sie einen Ausweg aus ihrer verzweifelten Situation sehen?" Der Banquier fuhr erschrocken aus seinem dumpfen Brüten auf. „Nein," murmelte er tonlos. „Nein — ich sehe keinen!" „Das habe ich mir gedacht!" erklärte Goldschild trocken. „Ich aber sage Ihnen, dass noch nicht Alles verloren ist!" „Sie meinen — wollen Sie mir erklären?" fragte Osterheim aufhorchend. „Gewiss werde ich das!" bestätigte Jsak. „Aber vorerst zünden Sie die übrigen Kerzen auf Ihrem Schreibtische an. Die Dunkelheit hier macht mich nervös!" Der Chef beeilte sich dem Befehle nachzukommen. Aber seine Hände zitterten so sehr, dass er nur langsam damit zustande kam. „Na — wird's bald!" rief Jsak ungeduldig. Dem gequälten Manne behilflich zu sein, schien für ihn ganz aus dem Kreise der Möglichkeiten zu liegen. Die Gewandtheit, mit der sich aus dem kriechenden, kleinen Beamten ein rücksichtsloser Tyrann entpuppt hatte, war wahrhaft erschreckend. Daun trat er dicht an den Schreibtisch heran und begann mit heiserer, scharf betonender Stimme: „Hören Sie mich an — Osterheim —! Ich will Sie diesmal noch aus dem Kothe ziehen. Aber natürlich nicht um Ihrer schönen Augen willen. Ihre- Firma braucht meinen Kopf. Sie werden daher sogleich eine Schrift aufsetzen, in der Sie mich als Ihren Compagnvn erklären. Gleichzeitig aber schließen wir noch einen zweiten, vorläufig geheimen Vertrag, durch den Sie sich verpflichten, sich jeder Einmischung in die Geschäfte zu enthalten!" „Herr!" brauste der Bankier, auf das Aeußerste verletzt, auf. „Das wagen Sie mir znzinnutheu?" Gleich darauf fügte er ruhiger, aber noch ungläubig hinzu: „Welchen Bortheil hätte ich davon?" „Dass Sie leben dürfen!" erklärte Jsak kaltblütig. „Ich werde Ihnen eine gewisse Summe aussetzeu, deren Höhe zu bestimmen ich mir Vorbehalte!" „Was Sie da sprechen, ist heller Wahnsinn!" hauchte Osterheim, von der ruhigen Sicherheit seines Gegners betroffen. „Selbst wenn Sie ein Genie wären, können Sie die Geschäfte nicht weiter führen! Es ist kein Kreuzer Activa in der Erste!" „Glauben Sie etwa, ich weiß das nicht?" lachte ihm Jsak frech ins Gesicht. „Ich brauche Ihr Geld nicht! Wenn Sie Geld hätten, läge ich längst vor der Thüre! Was ich brauche, ist Ihre Firma. Für Ihr Schild biete ich Ihnen ein sorgenfteies Alter. Oder meinen Sie etwa, dass der Name Osterheim in der Geschäftswelt noch mehr nutz ist?" Der Banquier wusste nichts zu erwidern. „Nun — schlagen Sie ein?" fragte Goldschild, ihm die langfingerige Hand hinreichend. Moritz Osterheim war stets ein. ehrlicher Mann gewesen. Jenes Ballfest war der einzige Betrug in seinem Leben und er — er hätte es gewiss nie ersonnen. Langsam erhob er sich aus seinem Stuhle und schritt schwerfällig durch das große Gemach auf seine Caste zu. Er ergriff die Pistole und kehrte wieder zu dem Schreibtische zurück. Dann blickte er Jsak fest in die Augen und sprach mit zitternder Stimme: „Hören Sie, Jsak! Man mag über uns Juden denken, wie man will. Aber eine Gerechtigkeit muss man uns widerfahren lasten: Wir lieben unser Geschäft! Und was man liebt, das schändet man nicht! Sie aber wollen meinen ehrlichen Namen in einer Schwindelfirma missbrauchen, zu der der Ihrige Ihnen zu gut ist. Daraus wird nichts." Aus diesen Worten klang so viel finstere Entschlostenheit, dass selbst Jsak Goldschild ein menschliches Rühren verspürte. Er beschloss einen Schritt weiter zu gehen, als er beabsichtigt hatte und ein Stückchen seines Spieles auszudecken. „Nein, Osterheini!" beruhigte er seinen bisherigen Chef. „So ist es nicht gemeint. Ich bin ganz gut imstande, Ihr Geschäft weiter zu führen — denn ich werde der Schwiegersohn des Herrn Cohn in Frankfurt!" „Sind Sie verrückt?" fragte der Banquier erstaunt. „Gar nicht!" verneinte Jsak Goldschild hier. „Aber Discretion ist Ehreusache! Wollen Sie jetzt unseren Contract unterschreiben?" Die langfingerige, aus dem schwarzen Pulswärmer hervorragende Hand griff nach der Feder und hielt sie dem überrumpelten Banquier hin. Aus dem brutalen, rücksichtslosen Tyrannen war wieder der geschmeidige, höfliche, immer zum Scherzen aufgelegte kleine Jude geworden. Und Herr Osterheim unterschrieb. (Fortsetzung folgt.) Krikstaslku der Redaktion. D. Jäckel, Stau, .fjDD r nT^n DSnS fOT DT '* M. Z, Frankfurt. .Ad. l. Die Namen erfahren Sie durch das Congressbureau in Basel; ad. 2. Kaufmann; ad. 3. Ist krank. Die Adresse im Wiener Congressbureau zu erftagen. Dr. Julius Fr., XVI. Wir bitten Sie, uns anzugeben, mann Sie uns besuchen können. Der Betreffende ist nicht hier. Dr. M, Odessa. Erscheint wahrscheinlich noch in dieser Woche. Ist durch sehr wichtige Umstände leider verzögert worden. I. F. Lobm., Budapest. Ja. In diesem Jahre. S. W, Przl. Besten Dank. Wollen nicht darauf zurückkommen. Dr. Aufr., Wien. Besten Dank. Bitten um. genaue Adreste. Herausgeber: K. Asfchauer. Berantw. Red.: Dr. Siegm. Werner. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VIII., Schlöffelg. 11

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