Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 43 (28.10.1898)
- Article
- Paris
- Date
- 1898-10-28
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 43 JPKO** Seite 13 Nach dieser Erklärung Briffons wurde die Sitzung vertagt. Nach Wiederaufnahme der Sitzung, nachdem Brisson erklärt hatte, er werde deul Präsidenten Faure ein Teeret behufs Ernennung eines provisorischen Kriegsministers vorlegen, und müsse dieKammer bitten,sich bisDonnerstag zu vertagen,wurden mehrere Tagesordnungen eingebracht. Die Tagesordnung der republikanischen Parteien wurde mit großer Majorität angenommen. Sie lautete: Die Kammer betont die Suprematie der Civilgewalt, vertrauend in die Armee. Nun begann, das bekannte Spiel mit den Zusatzanträgen, durch welches schon viele französische Ministerien gestürzt wurden. Schließlich erhielt ein Amendement des Clericalen M a h y „die Kammer ladet die Regierung ein, der Campagne gegen die Armee ein Ende zu machen" eine Majorität von 53 Stimmen, trotzdem es von der Regierung bekämpft worden war. Als ein anderer Znsatzantrag, welche der Regierung das Vertrauen ausdriicken sollte, abgelehnt wurde, verließen die Minister die Kammer und überreichten dem Präsidenten der Republik ihre Demission. Faure nahm sie an. Die Kammersitzung ist ein unbestreitbarer Sieg für die Antirevisionisten. Es ist fraglos, dass der Sturz des Ministeriums Brisson den schlimmsten Einfluss auf die Fortführung der Revision hoben wird. Auch die Staatsverhältnisse Frankreichs gehen einer schweren Krise entgegen. Die Dictatur und vielleicht noch Aergeres sind näher gerückt, vielleicht so nahe, dass man bald darüber alles öffentlich erfahren wird. England. London, 25. October. Das intereffanteste Ereignis dieser Woche ist nach meiner Meinung der folgende Brief, „Zionismus und Arbeit", den Lewis Lyons an den Herausgeber des „Jewish World' gerichtet hat. Derselbe lautet: Unter dem Titel ..Kotes und Gossip“ bringt das Reynolds Newspaper ein Interview, das sein Berichterstatter mir einem jüdischen Financier der City von London hatte. Auf die Frage des Journalisten, was von der Rückkehr der Juden nach Palästina zu halten sei, antwortete der Financier: Sehen Sie, das ist Jerusalem! Ob nur die City von London oder ganz England für diesen Herrn „Jerusalem" ist, darüber weiß das Blatt nichts zu sagen. Es mag sein, dass sich die Reichen hierzulande behaglich, „jerusalemartig" fühlen. Wichtiger ist, dass die Majorität der jüdischen Bevölkerung der vereinigten Königreiche zu der arbeitenden Elaste gehört, und dass sie, die ja unsere größte Aufmerksamkeit und Beachtung verlangt, sich in elender ökonomischer Lage befindet, was die Gefahr auch einer moralischen Verschlechterung naturgemäß mit einschließt. Jawohl, diese Majorität leidet Mangel, und es wird noch ärger werden in dieser Hinsicht. In wenigen Jahren, das ist meine feste Ueberzeugung, wird die gesammte jüdische Bevölkerung, die sich jetzt mit Schneiderei abgibt oder in der Mantel- und Schuhconfection beschäftigt ist, auf die Straße gesetzt und dem Hunger preisgegeben sein. Das ist keine vage Prophezeiung. Wer wird sich dieser Aermsten annehmen? Wer für ihre Nahrung und ihr Obdach sorgen? Ich erhebe meine Warnerstimme, ehe es zu spät ist. Ich weiß, was ich rede. Es ist bereits eine Bewegung im Gange, der jüdischen Bevölkerung in gewissen Distticten die Arbeit zu entziehen. Die Sache ist sehr ernst, und je ftüher die arbeitenden Juden aus diesem Jerusalem in ein anderes gelangen, desto beper wird für ihre künftige Wohlfahrt gesorgt. Es ist freilich richtig, dass sie keiner religiösen Verfolgung ausgesetzt sind. Wer will aber leugnen, dass sie absolute Sclaven sind? Aus dieser Leibeigenschaft müssen sie sich in aller Ruhe, aber auch in aller Eile selber befteien. Denn es besteht die Absicht, sie in die Enge zu treiben, ihnendie Möglichkeit zu nehmen, je aufzukommen. Es wird Leute genug geben, die die Möglichkeit des von mir Behaupteten bestreiten. So weit werde es nicht kommen. Nur Geduld! Diese Leute haben keine Gelegenheit, hinter die Coulisten zu schauen. Sie wissen kaum, was da vorgeht, und betrachten diese ökonomische Frage von ihrem beschräntten Standpunkt aus. Sie sitzen daheim im netten, traulichen Drawing Room und dictieren Briefe an die Zeitungen gegen den Zionismus, gegen das Verbrechen, den armen Juden ein neues Heim geben zu wollen. Ihr Brod ist ja' Gottfeidank genügend"mit Butter bestrichen, und sie hängen wirtschaftlich von ganz anderen Leuten ab als von den armen fremden Juden . . . Ihre Interessen sind gesichert. Es existiert eine britische Armee, die sieht nach den Interessen von Eityleuten. Jedoch das Volk? Lasst die Tinge nur so fort ihren eigenen Weg gehen, sagt man uns. Wenn das Volk jetzt noch arm ist, schwer zu arbeiten hat, in ungesunden Heimstätten wohnt und dafür hohe Mietzinse zahlen muss, wenn "es verfälschte Nahrungsmittel isst — das wird schon anders werden; schließlich und endlich wird sich das arme Volk sein ganzes, volles Recht erarbeiten. Seit 40 Jahren lebt der jüdische Arbeiter so, wie oben beschrieben wird. Und was hat er sich erarbeitet? Das volle Unrecht! Tie Entwicklung ist gegen uns. Man hat uns ferner gesagt, wir sollten unsere Sorgen ruhig in die Hände der jüdischen Seelsorge legen. Gutherzige Leute das, unsere Seelsorger, das unterliegt keinem Zweifel. Aber sie werden genug ums eigene und um das Leben ihrer Gemeinden zu sorgen haben, wenn die Zeit kommt. U n d s i e k o m m t. Es wird zu spät sein, sich um ein neues Heim umzusehen, wenn allen die Arbeit, das Geld und die Energie wird weggenonnnen sein. Jetzt müssen wir nach einem neuen Heim Umschau halten, ehe noch alle Vorbereitungen beendet sind, den Juden die Arbeits- und damit die Existenz- Möglichkeit zu rauben. Ich fordere diejenigen, welche der zionistischen Bewegung eine stramme Opposition machen, auf, sich einen tieferen Einblick in die ökonomische Lage der armen Juden zu verschaffen. Ist das so schwer? Sie sollen Enqueten veranstalten, die Sache selber untersuchen und ohne Voreingenommenheit ans Werk gehen. Sie dürfen diese Frage freilich nicht vom Standpunkt ihrer eigenen Umgebung und nach dem Maßstab ihrer Lebensbedingungen betrachten. Einzelheiten meiner Argumentation, welche zu Gunsten der im ersten Theil meines Briefes geäußerten Ansicht lauten, unterdrücke ich absichtlich, weil es mir nicht räthlich erscheint, alles der Oeffentlichkeit preiszugeben. Ich habe einfach auf ettvas, was sich derzeit vorbereitet, im Zusammenhang mit der Zukunft des jüdischen Arbeiters Hinweisen wollen. Wenn aber der Zionismus trotz dieser Warnung der weiteren Opposition der Cityleute begegnen sollte, so wird die Verantwortung für die unaufhaltsame Entwicklung menschlichen Elends, die Verantwortung für die fortschreitende Entrechtung und Ltiederhaltung der jüdischen Armenmasse aas den Schultern dieser Leichtherzigen liegen, die mit so viel Grazie die Last ihres Reichthums und ihres Wohllebens zu tragen wissen. Wie werden sie sich dieser Verantwortung entziehen? Durch die Flucht? . . . Geld ist ein gefällig Ding und folgt jedem — überall hin ... Ich messe diesem Briese aus dem Grunde große Bedeutung bei, weil sein Verfaster die besten Mannesjahre der Sache der jüdischen Arbeit in England gewidmet hat. Die Zahl der S t r i k e s, aus denen er als Sieger hervorgegangen, dürste ebenso groß sein, als die Zahl derer, in denen er unterlegen ist. Jedenfalls ist ihm zu danken, dass die Trade Union-Bewegung auch unter den „fremden" Juden in England Eingang gefunden. Bor etwa 15 Monaten theilte er mir mit, er studiere die zionistische Frage. Die Schlüffe, zu denen der ernste Manu nunmehr gekommen, sind also keineswegs das Resultat eines überstürzten Urtheils. Was aber seinen Brief so wichtig macht, ist Folgendes. Im Laufe seiner vieljährigen Thättgkeit hat Lewis Lyons mehr für die Assimilation gethan, als ein Dutzend Theoretiker. Sein Bestreben gieng dahin, die „fremden Juden" (vielleicht, ehe die Zeit dazu reif war) mit den Ideen der englischen Arbeiterorganisaüon zu durchdringen. Hauptsächlich seiner Thätigkeit ist es zuzuschreiben, dass die z i o n i st i s ch e Agitation, soweit sie mit der ökonomischen Frage in Conflict kam, bisher so wenig Erfolg hatte. Und nun sagt derselbe Mann, der die jüdischen Arbeiter aufgefordert hatte, sich zusammenzuschließen und mit den englischen, nichtjüdischen Arbeitsgenoffen zu cooperieren: „Es ist bereits eine Bewegung im Gange, der jüdischen Bevölkerung in gewissen Districten die Arbeit zu entziehen!" Das beweist zweierlei: erstens, eine Steigerung des jüdischen Elends, dem die städtische Schatzkammer fexchequer) nicht leicht beizukommen vermag, und zweitens, die E x i st e n z des beginnenden Judenhasses. Dem englischen Zionismus droht eine Gefahr. Es steht eine organisierte Attaque seitens der an Geld und Einfluss Reichen bevor. Nun, wenn auch nur die Hälfte von dem, was Mr. Lyons behauptet, auf Wahrheit beruht, so dürsten die Organisatoren dieser Opposition bald zur Ueberzeugung gelangen, dass s i e sür i h r e n F e l d z u g e i n e n sehr ungeeigneten Moment gewählt haben! .1. de II. P